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Ich frage mich, was Alfonso Brescia (aka Al Bradley, 1930 - 2001) wohl durch den Kopf geschossen ist, als er Star Wars (1977) - oder, wie er in Italien ursprünglich hieß, Guerre stellari - das erste Mal gesehen hat. Ich vermute mal, seine Gedanken gingen in die folgende Richtung. "Ja, ist ja ganz nett, aber dem Streifen mangelt es eindeutig an Sex, Sleaze und Vergewaltigungen, es gibt weder Titten noch kopulierende Pferde, und einen stattlichen Ständer habe ich auch vermißt! *Geistesblitz* Hey, warum kurble ich eigentlich nicht auf die Schnelle ein paar ähnliche Filme runter, und beim Letzten mache ich dann alles richtig und integriere all diese schönen Elemente geschickt in die komplexe Handlung?" Und so entstanden Anno zero - Guerra nello spazio (Battle of the Stars, 1977), Battaglie negli spazi stellari (War in Space, 1978), La guerra dei robot (Krieg der Roboter, 1978), Sette uomini d'oro nello spazio (Star Odyssey, 1979) und - tataaaaaa! - sein großes Meisterwerk La bestia nello spazio (Die Bestie aus dem Weltraum, 1980). Das ist, wie bereits angemerkt, nur eine reine Spekulation meinerseits, aber ich denke, daß ich von der Wahrheit nicht allzu weit entfernt bin. Ohne seine vier Science-Fiction-Arbeiten davor gesehen zu haben (ich habe lediglich so einiges darüber gelesen), bin ich mir sicher, daß der von März bis April 1978 gedrehte La bestia nello spazio der unumstrittene Höhepunkt seines Schaffens auf diesem Gebiet ist. Da vertraue ich voll und ganz der Expertise des geschätzten Filmgelehrten Christian Keßler, der in seinem Artikel Von Mäusen und Muschis - Einige Höhepunkte des italienischen Sleaze-Films im Magazin Splatting Image # 20 im Dezember 1994 auf den Seiten 30 und 31 einst schrieb: "La bestia nello spazio ist die unglaublichste und unterhaltsamste dieser Ausgeburten einer krankhaften Fantasie!"

Die Geschichte beginnt in einer üblen Spelunke, wo Prostituierte gelangweilt herumlungern, Betrunkene für Stunk sorgen und Milch vom Uranus als deliziöser Durstlöscher serviert wird. Captain Larry Madison (Vassili Karis, Giallo a Venezia) betritt selbstbewußt die Kneipe, sondiert kurz die Lage und steuert dann zielstrebig auf Sondra Richardson (Sirpa Lane) zu, da sein fleischiger Love-Detektor in ihre Richtung ausschlägt. Weltraumbandit Juan Cardoso (Venantino Venantini, Paura nella città dei morti viventi) erhebt zwar Einwände gegen Larrys Ambitionen, ist jedoch gegen dessen schlagkräftige Argumente machtlos. Also landet das Pärchen im Bett, es wird gefummelt, geleckt und gevögelt, und der Kameramann zoomt fröhlich auf Brüste, Po und Schamgegend. Nach dem Liebesspiel berichtet Sondra ihrem Lover von ihren schrecklichen, Nacht für Nacht wiederkehrenden Alpträumen, doch der erschöpfte Larry pennt bei ihren Schilderungen leider weg. Am nächsten Tag trifft unser Captain seine neue Mannschaft... und staunt nicht schlecht, daß Sondra als neuer Lieutenant mit an Bord ist. Ihre Mission ist einfach: Das Lukrieren von Antalium, eines ungeheuer wertvollen Materials. Dummerweise ist auch Cardoso hinter dem Element her, und als sie sich im All begegnen, genügt ein Schuß vor den Bug, und schon trudelt man Richtung Lorigon, dem nächstgelegenen Planeten. Bald schon spaziert die Mannschaft munter durch die Botanik und stößt auf ein großes Gebäude, welches natürlich sofort erkundet wird. Das Ganze fühlt sich an wie eine spottbillige, ereignislos-langatmige, mit etwas Sex aufgepeppte Episode der TV-Serie Star Trek (Raumschiff Enterprise), parfümiert mit einer angenehmen Duftnote der Marke Rip-Off à la Italiana, sodaß selbst Mr. Spock anerkennend eine Augenbraue heben und ihm ein "faszinierend" zwischen den Lippen hindurchrutschen würde.

Faszinierend ist es zum Beispiel schon mal, daß es auf Lorigon (dank stümperhaft integriertem Stock Footage) Pferde gibt, welche sich ohne jede Scham vor Madison und seinen Leuten paaren. Noch faszinierender ist es, daß beim Anblick der fickenden Pferde die Frauen ganz wuschig werden und sich die latexbedeckten Rundungen zu streicheln beginnen. Apropos latexbedeckte Rundungen. Die einfarbigen, enganliegenden Latex-Uniformen erfreuen zwar das Auge des Betrachters, der Blickfang schlechthin ist aber die schicke Kopfbedeckung (eine Kombination aus Badehaube und Helmchen), die in der Zukunft bestimmt der letzte Schrei ist. Der weitere Handlungsverlauf ist auch ziemlich faszinierend, da hanebüchen, dämlich, abstrus und lachhaft. Die Arschkarte hat natürlich die arme Sondra gezogen, deren schrecklicher Alptraum Realität wird. Womit wir beim faszinierendsten Aspekt von La bestia nello spazio wären, nämlich der titelgebenden Bestie aus dem Weltraum. Diese hört auf den Namen Onaf und wird von Claudio Undari (Cut-Throats Nine) gespielt, der die ungewöhnliche Rolle sichtlich genießt. Im Prinzip ist Onaf ein Faun, ein Mischwesen aus Mensch und Ziegenbock. Also oben Mensch, unter Ziegenbock. Ob der Riesen(gummi)pimmel, den er mit sich herumschleppt, menschlichen oder tierischen Ursprungs ist, weiß ich nicht. Aber Onaf weiß ihn gezielt einzusetzen und beweist beachtliches Stehvermögen, sehr zum Leidwesen von Sondra, die vom diabolisch grinsenden Unhold ausgiebig penetriert wird. Die in Turku, Finnland geborene Schauspielerin Sirpa Lane hatte bei dieser Szene bestimmt mit Déjà-vu-Gefühlen zu kämpfen, ist es doch nicht ihre erste Begegnung mit einem liebestollen Biest (siehe Walerian Borowczyks La bête). Bei dieser Vergewaltigung überläßt Brescia jedenfalls nur wenig der Vorstellungskraft, obwohl die Grenze zum Hardcore nur angetippt und nicht überschritten wird.

Sieht man mal vom kurzen, unspektakulären Weltraumscharmützel und der einen oder anderen Prügelei ab, so herrschte actionmäßig bis jetzt völlige Flaute. Unsere tapferen Protagonisten stapften entschlossen durch nebelige Birkenwälder, bunte Plastiksets und billige Pappkulissen, die teilweise kostenbewußt aus Brescias früheren Science-Fiction-Arbeiten recycelt wurden. Director of Photography Silvio Fraschetti fängt das Geschehen mit einem schönen Gespür für eine surreal angehauchte Pulp-Atmosphäre ein, wobei hin und wieder die mal rote, mal grüne, mal rote und grüne Szenenausleuchtung besonders gefällt. Für akustische Freuden sorgt Marcello Giombini (aka Pluto Kennedy), dessen eingängige Synthesizer-Klänge erstaunlich gut zu den bizarren Vorgängen passen und mit zum Besten gehören, was der Film zu bieten hat. Gegen Ende läßt es Brescia endlich krachen, da gibt es tatsächlich Action, die diese Bezeichnung auch verdient. Unsere Helden (einer davon darf sogar ein "Laserschwert" schwingen!) müssen sich nämlich einer kleinen Übermacht von goldfarben lackierten, humanoiden Robotern erwehren, die völlig planlos auf sie einstürmen und die in der Mitte auseinanderbrechen, wenn sie hart am Boden aufprallen. Für großes Kino sorgt die mir unbekannte Frau, die mit weit geöffneten Augen stoisch die Roboter wegpustet, während Venantino Venantini tatenlos aber offensichtlich amüsiert zuguckt. Bei den Waffen handelt es sich um futuristische Laserpistolen, wobei diese hier jedoch keinen Strahl ausspucken; es blinkt bloß ein kleines Lämpchen auf, wenn sie abgefeuert werden. Einen Supercomputer namens Zocor gibt es auch noch, allerdings ähnelt dieses arme, klobige Ding mit den vielen bunten, blinkenden Lichtern frappant einem billigen, zu groß geratenen Spielzeugroboter aus Plastik. Das ist einerseits bemitleidenswert, andererseits aber irgendwie cool, und auf eine seltsame Weise auch sehr faszinierend. Wie der gesamte Film.

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