Das "CSI"-Franchise gehört weltweit zu den erfolgreichsten Krimiserien und Quentin Tarantino sicherlich zu den größten Fans der Reihe um ein forensisches Ermittlerteam, das mit Hilfe der Beweismittelsicherung und Spurenanalyse dem Täter auf die Spur kommt.
Daher kaum verwunderlich und doch eine Sensation, dass ausgerechnet Tarantino seinen Einfluss geltend machen konnte, um das spektakuläre Finale der sechsten Staffel zu inszenieren, die zugleich auf eine seiner eigenen Ideen basierte, die bereits in "Kill Bill Vol. 2" zur Verwendung kam:
CSI Nick Stokes wird bei einem Routineeinsatz in einen Hinterhalt gelockt und wacht wenig später in einem gläsernen Sarg unterhalb der Erde wieder auf. Ihm bleibt noch Sauerstoff für mindestens 10 Stunden und für seine Kollegen beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, um ihren lebendig begrabenen Freund vor dem grausamen Erstickungstod zu bewahren.
Was auf den ersten Blick wie eine herkömmliche CSI-Folge aussieht, entwickelt sich im Laufe der dramatischen und wendungsreichen Doppelfolge zu einem zitatenreichen Krimipuzzle, in dem Tarantinos eigenwillige Handschrift mehr als einmal durchblickt.
Angefangen bei der Rückblende nach der obligatorischen Opening-Scene, die sich perfekt in die anschließende Gegenwartshandlung wieder einfügt, über die teilweise skurrilen Dialoge und Querverweise an Tarantinos Lieblingsgenres (an der Wand eines mutmaßlich Verdächtigen hängt ein Poster des von Tarantino produzierten "Cabin Fever" während im Hintergrund aller Wahrscheinlichkeit nach Leatherface die Kettensäge schwingt) bis hin zu den ganz besonderen Gaststars in den Nebenrollen, wird hier gekonnt die Waage gehalten zwischen typischer CSI-Inszenierung und tarantinoesken Einflüssen.
Und so gibt es für CSI-Fans als auch für Kinonostalgiker in den rund 85 Minuten allerhand zu entdecken:
Andrew Pine (bekannt aus dem Tierhorror-B-Movie "Grizzly") und Ex-Bond-Girl Lois Chiles ("Moonraker - Streng geheim") spielen die Eltern von Nick Stokes, während John Saxon Stokes zur vermeintlich letzten Ruhe bettet (Saxon ist aus "Nightmare on Elm Street" und Tarantino-Fans aus seiner Nebenrolle in "From Dusk Till Dawn" bekannt).
Und in einem weniger für die Ermittlungen sachdienlichen, aber zitatenreichen Cameo-Auftritt erleben wir Batman-Schurke "Riddler" alias Frank Gorshin (aus der 60ies-Serie "Batman") und Tony Curtis (eine tolle Idee, ihn von seinem einstigen Stamm-Synchronsprecher aus "Die Zwei", Rainer Brandt, sprechen zu lassen), wie sie im Casino von Sam Browne (Scott Wilson, jüngeren Zuschauern als Hershel Greene aus "The Walking Dead" bekannt) selbstironisch über die alten Zeiten schwärmen.
Und als wäre das noch alles nicht genug, kopierte Tarantino Perspektiven und Motive aus "Kill Bill Vol. 1" (Gil Grissom ganz in schwarz vor einer Scheune, wobei diese Szene auf das Killerteam verweist, dass sich vor der Hochzeitskapelle in exakt dieser Einstellung positioniert hatte) und inszenierte eine splattrige, von rabenschwarzen Humor getragene Schwarz-Weiß-Szene als weitere Hommage an sein Rache-Epos, die sich dann allerdings als spannungserweiternde Traumsequenz herausstellen sollte.
Darüber hinaus inszenierte Tarantino einen gewöhnlichen, logisch aufeinander aufbauenden Krimiplot, der die wissenschaftlichen Ermittlungen in den Fokus der Handlung stellt.
Zu der Zeit war noch keinem der Beteiligten bewusst, wie das Staffelende für George Eads ausgehen würde, der bezüglich seiner Forderungen nach einer höheren Gage stets mit den Produzenten gepokert hatte. Entsprechend wurde das Ende der Staffel mit Spannung erwartet und Tarantino sorgte für ein nervenaufreibendes, dramatisches und auch emotionales Finale.
"Grabesstille" zählt nicht nur zu den inszenatorischen Highlights und Ausnahmeepisoden des Franchise, sondern darüber hinaus zu einer der besten Folgen überhaupt. Naren Shankar, Serien-Erfinder Anthony Zuiker und Carol Mendelsohn arbeiteten eine geradlinige, überdurchschnittlich unterhaltsame und packende Storyline aus, deren unzählige Gänsehautmomente perfekt musikalisch unterlegt wurden.
Insgesamt ein Fest für jeden Serien- und Filmfan - besser geht´s nicht (um an dieser Stelle noch einmal Gorshins selbstironischen Kalauer auf Jack Nicholson zu zitieren).
8/10