Solidarität mit dem äußerlich Andersartigen konnte Tod Browning anno 1932 mit seinem Klassiker „Freaks“ erreichen. Denn im Mittelpunkt standen keine schönen Hollywood-Körper, sondern missgebildete Laiendarsteller, Stars im Schatten eines ziehenden Jahrmarkts, die sich am äußerlich schönen aber charakterlich missgebildeten Glamourgirl rächten.
Was dieser Neuaufguss mit dem Original noch gemein hat, ist das Grundgerüst der Geschichte und die Tatsache, dass die Maske auch hier selten nachgeholfen hat und größtenteils Menschen mit echten Missbildungen mitspielen.
Doch um Emotionalität und der Verbundenheit mit dem Andersartigen schert sich Regisseur Drew Bell mit seiner „Freakshow“ einen Dreck. Er kurbelt die bekannte Geschichte mit leicht veränderten Komponenten dialoglastig wie in einer drittklassigen Daily Soap herunter und macht innerhalb der letzten zehn Minuten einen abrupten Schwenk ins angesagte Folterfilm-Subgenre, damit wenigstens noch zeitgenössische Gore-Fans auf ihre Kosten kommen und der Aufdruck auf dem Cover („Banned in 43 Countries“) seinen werbewirksamen Einsatz findet.
Der Zirkus beschert dem Zuschauer nicht einen einzigen Auftritt, sondern bietet einen lieblosen Einblick hinter die Kulissen, wo sich ein Wolfsmensch, ein Mann ohne Beine, ein Hermaphrodit, Mongoloide, Kleinwüchsige, ein starker Mann, eine Kannibalenfrau und weitere Andersartige befinden.
Im Zentrum agiert jedoch die schöne Lucy (Rebekah Kochan), die es auf das Vermögen des Direktors Lon (Christopher Adamson) abgesehen hat und mithilfe einiger Kleingauner einen perfiden Plan schmiedet: Heiraten, Umbringen, Abkassieren.
Doch dazu soll es erst gar nicht kommen…
Während der Vorspann, der Bilder von Brownings Original einblendet, was von einem uralten Song von etwa 1905 im Hintergrund untermalt wird, eine gewisse Sideshow-Stimmung einläutet, wird diese rasch von den überstrapazierten Rotfiltern zunichte gemacht, die sich im Verlauf als penetrant erweisen.
Auch die Vielzahl weiterer Liedchen aus der Zeit zwischen 1895 und 1930 kann diese anfängliche Stimmung nicht Aufrecht erhalten, - das Gedudel nervt nach einer Weile schlichtweg.
Doch auch mit dem Vorankommen der Handlung ist es nicht gut bestellt.
Lucy macht Lon schöne Augen, er ist ergriffen von ihren Avancen, was mit einem Blowjob im Kassenhäuschen endet und zumindest noch einen minimalen Humorpunkt bringt, da Lon um Kontrolle ringt, während ihn seine „eigentliche“ Frau anspricht, Lucy aber nicht entdecken soll.
Weitere Liebesszenen, wovon es einige unnötige gibt, entfalten weitaus weniger Unterhaltungswert, sondern ziehen das ohnehin recht fade Geschehen unnötig in die Länge.
Denn hier wird nicht auf den eigentlichen Kern eingegangen, dem Miteinander der Bühnenfiguren, der Solidarität eigentlich gleicher Menschen und der Sehnsucht nach dem scheinbar „Normalen“, indem sich eine vermeintlich unerreichbare Liebe erfüllt.
Lediglich eine Szene, die sich im Original ähnlich wieder findet, deutet einen tiefer gehenden Ansatz an, als Lucy zur Feier unter den Freaks geladen wird, sie aus einer Schale mit vereinten Bierresten trinken soll und es vor Ekel und Abscheu aus ihr heraus bricht.
Hier findet sich erstmals, aber auch leider einzig ein Ansatz von glaubhafter Emotionalität, während der Rest schlicht zu dialoglastiger Lahmheit ohne Gefühl verkommt.
Erst später, als die bösen Helfer sich zu einer niederträchtig fiesen Aktion hinreißen lassen und die Freaks gegen reagieren, kommt Bewegung in die Sache und gleichermaßen ein wenig Gefühl.
Wer sich noch an die Auflösung des Originals erinnern kann, der mag sich indes sicher vorstellen können, wie diese in zeitgenössischer und vor allem graphischer Form Ausdruck findet.
Denn hier belässt man es nicht der Phantasie des Zuschauers, sondern bringt innerhalb der letzten zehn Minuten brachiale und explizite Gewaltdarstellungen, die so etwas wie „Guinea Pig“ im Schnellverfahren darstellen, was im Kontext zum Vorangegangenen wie ein fieser Schlag in die Magengrube wirkt.
Auch wenn die oben erwähnten Rotfilter einige Szenen leicht verfremden, so würde es verwundern, wenn all das in der deutschen Fassung uncut zu sehen wäre.
Dennoch, ein paar zugegeben gelungene Gewaltdarstellungen können nicht über das uninspirierte Drumherum hinwegtäuschen, auch wenn sich die beiden Darsteller mit Erfolg um Authentizität bemühen und sogar die Maske in Form von Geschwülsten in Gesicht und auf Rücken solide Arbeit erledigt.
Das Zwischenmenschliche kommt bei alledem viel zu kurz, Belange und Sehnsüchte fallen unter dem Tisch und wenn man schon mal einen „Wolfsmenschen“ wie Larry Gomez am Set hat, darf der lediglich eine kaum beachtete Randfigur abgegeben.
Und während in Brownings Original der Unterschied zwischen dem vermeintlichen Liebespaar durch die ungleiche Körpergröße gekonnt unterstrichen wurde, hat man hier eine austauschbare Blonde und einen Typen mit schiefen Zähnen und Hautblessuren (Make Up), - das macht die Sache nicht unbedingt ergreifender…
Knapp
4 von 10