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„Hier werden Sie keine Gelegenheit zum Reiten haben!“

Freddie Francis, wohlbekannter britischer Genre-Regisseur, war 1967 richtig fleißig: Neben dem „Amicus“-Episodengrusler „Der Foltergarten des Dr. Diabolo“ und der Science-Fiction-Gurke „Sie kamen von jenseits des Weltraums“ drehte er, ebenfalls für die „Amicus“-Produktion, den mutmaßlich ersten Bienenhorrorfilm: „Die tödlichen Bienen“, dem der (mir unbekannte) Roman „A Taste for Honey“ des Schriftstellers H.F. Heard zugrunde liegt. Um einen reinrassigen Beitrag zum Tierhorror-Subgenre handelt es sich jedoch nicht, vielmehr um eine Mischung mit Elementen des klassischen Kriminalfilms.

„Hier gibt‘s keine kreischenden Teenager!“

Sängerin Vicki Robbins (Suzanna Leigh, „Bestien lauern vor Caracas“) hat einen Zusammenbruch erlitten, weshalb ihr Arzt ihr eindrücklich eine Auszeit verordnet. Ihr Manager ist zwar dagegen, doch das hält die junge Frau nicht davon ab, die Pension auf dem Anwesen Ralph Hargroves (Guy Doleman, „Bei Anruf Mord“) und seiner Frau Mary (Catherine Finn, „Der Teufel tanzt um Mitternacht“) aufzusuchen, das sich auf einer idyllischen Insel befindet. Da sie außerhalb der Feriensaison anreist, herrschen perfekte Bedingungen für nachhaltige Erholung. Ralph betätigt sich zudem als Imker, sein Nachbar Mr. Manfred (Frank Finlay, „Teufelskreis Y“) tut es ihm gleich. Zwischen beiden schwelt jedoch schon seit langem ein Konflikt. Vicki beobachtet seltsame Verletzungen an einem Pferd und kurz darauf wird der Hund der Hargroves von Bienen tödlich gestochen. Es dauert nicht mehr lang, bis das erste Menschenopfer zu beklagen ist. Mr. Manfred hegt den Verdacht, dass Hargrove Killerbienen züchte und bittet Vicki um Mithilfe – sie soll dazu beitragen, den Ereignissen auf den Grund zu gehen, gerät dadurch jedoch selbst in Gefahr…

Der Prolog zeigt, wie einem Ministerium schriftlich mit Todesbienen gedroht, diese Drohung jedoch nicht ernstgenommen wird. Einem TV-Auftritt der „Birds“, was eine Anspielung auf Hitchcocks gleichnamigen genredefinierenden Tierhorrorfilm sein dürfte, folgt Vickis Playback-Auftritt, während dessen sie ihren Zusammenbruch erleidet. Die Insel schließlich scheint zunächst das perfekte Kontrastprogramm zu bieten, betont idyllisch führt Francis sie ein. Erste Misstöne werden laut, wenn Vicki vor Mr. Manfred gewarnt wird. Bald schon geht es Knall auf Fall und nach Familienhund Tess‘ Tod setzt Mrs. Hargrove Mr. Manfreds Bienenstöcke in Brand. Leider kann niemand die Insel verlassen, das nächste Boot fährt erst nächste Woche. Aus der anfänglichen erholsamen Idylle wird bedrohliche Isolation.

Als Mrs. Hargrove totgestochen wird, lässt Francis sein Spezialeffektteam von der Leine, bis Mr. Manfred die Insekten mittels eines hochfrequenten Tons in Schach halten kann. Unlängst befindet man sich inmitten eines klassischen Whodunit?-Spiels: Im Verhör gibt Mr. Hargrove zu Protokoll, seine Bienen seien es nicht gewesen. Da er sich mit seiner Frau im Streit befand, hätte er aber ein Motiv gehabt. Vicki entwendet Unterlagen sowie einen Fotofilm ihres Gastgebers, den Mr. Manfred entwickelt – und eine Adrenalintheorie aufstellt. Nachdem es auch Vicki mit den Viechern zu tun bekommen hat, wird sie von Alpträumen geplagt und sucht schließlich das Weite. Als Mr. Hargrove sie verfolgt, baut sie jedoch einen Unfall und findet sich unversehens in ihrer Pension wieder.

Trotz eines weiteren Todesopfers wirkt das alles doch reichlich angestaubt und unspektakulär. Dass da jemand permanent versucht, die Schuld auf Mr. Hargrove zu lenken, fällt natürlich ebenfalls früh auf. Nachdem der Täter sich endgültig zu erkennen gegeben hat, erklärt er sich in aller Ausführlichkeit, damit auch der beschränkteste Zuschauer kapiert, wie der Hase läuft. Dass die ärmste Vicki noch einmal in akute Lebensgefahr gerät, ist ebenso Usus wie die „reinigende“ Feuersbrunst am Ende, die ein verbreitetes Motiv gerade auch bei britischen Produktionen jener Zeit war. Zweifelsohne empfahl sich Suzanna Leigh mit ihrer Darbietung für weitere Produktionen und auch die übrigen Rollen wurden seriös und zielführend besetzt. An der orchestralen Musikuntermalung, die die jeweilige Stimmung reflektiert, gibt es ebenfalls wenig zu kritisieren. Und, ja, den „Hach…“-Effekt angesichts der Bilder der naturbelassenen Insel und der vermittelten Aussicht auf einen dreiwöchigen Urlaub ebendort habe ich wider besseres Wissen tatsächlich verspürt. Verkehrt ist das alles nicht. Doch seien wir ehrlich: Hitchcocks „Die Vögel“ hat vier Jahre zuvor Maßstäbe gesetzt, an die dieser Film abgesehen von den Schauspielern in keiner Weise heranreicht, nicht einmal in Sachen Spezialeffekte, die eher belustigend wirken. Derart stark auf den kriminologischen Aspekt zu setzen denn mehr aus seiner Insektenterror-Prämisse zu machen, ist eine vertane Chance. Doch sollte es stimmen, was ich irgendwo vernommen habe, nämlich dass der Film noch in der Produktion von ursprünglich über zweistündiger Laufzeit auf nicht einmal eineinhalbstündige heruntergekürzt wurde, würde dies einerseits die mangelhafte Dramaturgie erklären, andererseits aber auch eine Bewertung der eigentlich erbrachten Leistung unmöglich machen. Doch wie dem auch sei, die dritte „Dracula“-Fortsetzung „Draculas Rückkehr“, die Francis ein Jahr später umsetzte, stand ihm weitaus besser zu Gesicht.

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