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Was würde wohl Sherlock Holmes im hohen Alter treiben, sagen wir, im England des Jahres 1967? Würde er im Rollstuhl vor dem städtischen Altersheim auf die Mods und Rocker schimpfen, die sich vor seiner Nase Grabenkämpfe liefern? Oder würde er zurückgezogen auf dem Land leben und seinen angeborenen Scharfsinn in ein neues Fachgebiet investieren, die Bienenzucht womöglich?

H.F. Heard hatte jedenfalls eine gealterte Version des Meisterdetektivs im Sinn, als er 1941 einen gewissen Mr. Mycroft erfand, der in einer dreiteiligen Reihe mysteriösen Rätseln nachjagte, begonnen mit dem Bienen-Rätsel „A Taste for Honey“. Für eine vom Uhrenkonzern Elgin gesponserte Anthologie-Serie namens „The Elgin Hour“ wurde Heards Krimi schließlich unter dem Titel „Sting of Death“ verfilmt. Boris Karloff spielt hier den neugierigen Schnüffler, der seine Gesprächspartner auch mal gerne am Kragen packt, um ihnen direkt in die Augen sehen zu können, während er ihnen seine neuesten Erkenntnisse mitteilt. Bienen gibt es in dieser knapp einstündigen Episode keine (zumindest nicht für das Auge sichtbar), ein penetrantes Summen soll stattdessen ihre Präsenz in einigen Szenen andeuten. Statt schwarz-gelb gestreifter Action müssen also mit Schlussfolgerungen gespickte Dialoge in Schwarzweiß für Spannung sorgen, aufgelockert durch flapsige Gespräche am Frühstückstisch mit der stets gut gelaunten Hausdame, die ihren Gast (Robert Flemyng) mütterlich mit Brot und Eiern versorgt. Dabei vermisst dieser anfangs noch seinen heiß geliebten Honig. Er kann ja nicht ahnen, dass er später eine ganz neue Beziehung zu dem goldenen Nektar der Natur aufbauen wird…

Guten Honig jedenfalls, wie man weiß, gibt’s nur auf dem Land. Dessen hätte sich auch die Neuverfilmung „Die tödlichen Bienen“ aus dem Hause Amicus bewusst sein müssen. Warum aber in Gottes Namen beginnt die Handlung dann in einem Filmstudio voller Technik mit lauter Hipster-Mucke? Eine blutjunge R’n’B-Band mit dem späteren Rolling-Stones-Mitglied Ronnie Wood rockt sich ihre steifen Ärsche von der Bühne, während sie von riesigen Studiokameras umkreist wird. Ein aus heutiger Sicht unfreiwillig komischer Anblick, diese Burschen mit ihrem wilden Modemix aus Karos, Flanell, Bügelfalte und Wollkragen. Ihre Erscheinung überspült uns augenblicklich mit einer Welle von modernistischen Popart-Eindrücken, mit der wir nicht nur Fremdscham zu entwickeln beginnen, sondern die uns auch ganz weit fortträgt von der erhofften Killerbienen-Atmosphäre mit reichlich Frischluft und Natur. Es wird nur noch peinlicher, als sich ein aufgesetzt euphorisierter Moderator ins Bild drängt und mit knautschiger Mimik die nächste Attraktion anmoderiert. Und da haben wir auch schon den Hauptgrund für das ganze Affentheater: Suzanna Leigh, die gerade noch mit Elvis Presley auf Hawaii im „Südsee-Paradies“ schwelgte, wird für das hier entstehende C-Movie nun bereits als Star im Pelzmantel inszeniert… und fällt im heißen Scheinwerferlicht glatt in Ohnmacht.

Das sind Erlebnisse, die uns der originale Drehbuchautor Robert Bloch, dessen wohl bekannteste Arbeit die Vorlage zu Hitchcocks „Psycho“ sein dürfte, gerne erspart hätte. Sein ursprünglicher Entwurf sah keinen Ausflug in die Mod- und Hipster-Kultur vor, geschweige denn eine weibliche Hauptfigur, die es in der gemütlichen Buchvorlage nie gegeben hat. Eigentlich sollte Boris Karloff wieder seine Rolle aus der TV-Serie aufnehmen und gemeinsam mit seinem Konterpart Christopher Lee zum Kernstück der Geschichte ausgearbeitet werden. Es ist natürlich mehr als offensichtlich, was das Studio bezweckte, als es Regisseur Freddie Francis dazu drängte, das Skript durch Co-Autor Anthony Marriott umschreiben zu lassen. Der gesamte Neuansatz wirkt wie eine plumpe Anbiederung an das Zielpublikum. Man machte den Cast einfach jünger und moderner in der Hoffnung, eine breitere Masse anzusprechen, womit man sich auch gleich noch die hohen Kosten für die alten Haudegen Karloff und Lee sparte.

Die eigentlichen Probleme des umgeschriebenen Drehbuchs machen sich dann so richtig bemerkbar, als das Studio verlassen und ein Bauernhof als zentraler Schauplatz bezogen wird. Die ab jetzt in Erscheinung tretenden Co-Stars Frank Finlay und Guy Doleman belegen grundsätzlich immer noch interessante Rollen, leiden aber darunter, dass sie zu passiven Stichwortgebern und Red Herrings degradiert werden, die eher am Rande der Story agieren anstatt mittendrin. Hinzu kommt, dass die Beiden nun einmal nicht Karloff und Lee sind. Wenn die eigene Fantasie das Duell dieser Charakterköpfe erst einmal ins Rollen gebracht hat, ist es um das Abschneiden der tatsächlichen Besetzung nur allzu schlecht bestellt, gelingt es ihnen doch nicht, das hohe Zündpotenzial ihrer Rollen im angemessenen Rahmen zu transportieren. Insbesondere Doleman blieben theoretisch auch im verschlimmbesserten Skript immer noch hochinteressante Facetten in dem als schwierig beschriebenen Umgang mit seiner Ehefrau und seinen Tieren (Hund, Pferd, Katze und zwei Vögel sorgen für Bremer-Stadtmusikanten-Feeling), doch er spielt sie aus wie ein toter Fisch, teilnahmslos und uninteressiert.

Die Sängerin aus dem Prolog indes, die sich laut Story-Update auf dem Bauernhof von den Strapazen der Musikproduktion erholen soll, mutiert ersatzweise zur neuen Schnüfflerin. Ein Charakterzug, der ihr gar nicht steht; wie aus einem erschöpften Püppchen in der Pose verfolgter Unschuld plötzlich eine aktive Ermittlerin wird, weiß das Drehbuch jedenfalls nicht zu erklären. Es ist folglich ein befremdlicher Anblick, wenn sie Treppen herunterschleicht und Schränke durchwühlt, um dem Unerklärlichen auf die Spur zu kommen. Dass sie dabei aus lauter Tollpatschigkeit nicht nur ein, sondern gleich zwei Häuser in Brand steckt bei dem umständlichen Versuch, ihr Leben zu retten, passt da ins Bild. Auch wenn Suzanna Leigh hübsch genug ist, um als Star durchzugehen, Glaubwürdigkeit führt ihr Part im Umkehrschluss nicht unbedingt mit sich. Aber wer braucht das schon, dachte sich wohl Amicus, wenn man eine zweite Tippi Hedren haben kann? Frisur und Outfit sind deutlich am weiblichen Star des vier Jahre früher entstandenen Klassikers „Die Vögel“ angelehnt, denn auch Leigh rennt nun mit bleichem Haar und pastellfarbenem Kostüm durch die Landschaft, um in der Luft nach Gefahren Ausschau zu halten. Nach dem Motto: Lasst uns die Ersten sein, die die neueste Mode aus San Francisco nach Übersee importieren.

Neben „Psycho“-Autor Bloch soll dies nicht die einzige Hitchcock-Parallele bleiben. Bei der Band, die zu Anfang ihren Hit schmettert, handelt es sich schließlich um „The Birds“; und auch die Filmmusik von Wilfred Josephs scheint sich so manches Hitchcock-Thema zum Vorbild zu nehmen. Es ist also sehr naheliegend, dass versucht wurde, schnell und effektiv Nachschub zu liefern für Anhänger des Tierhorrors. Doch wie schneiden unsere gestachelten Freunde im Vergleich zu den Vögeln eigentlich ab?

Weil es keine Sache der Spezies ist, ob der Horror funktioniert, sondern eine Sache der Inszenierung, verbietet sich ein solcher Vergleich auf Anhieb. Ein Vogel per se ist normalerweise nicht unbedingt prädestiniert für Tierhorror, aber weil Hitchcock es verstand, die Vögel wie unberechenbare Splitterteile eines außer Kontrolle geratenen Magnetfelds in Szene zu setzen, verbreitet der Film selbst heute noch Angst und Grauen. Die so genannten „tödlichen Bienen“ sind dagegen ein müder Witz, der nicht einmal mehr einen kindlichen Verstand herausfordern könnte. Man könnte nun als mildernden Umstand anbringen, dass das Bienensterben die Effizienz der Sub-Kategorie Bienen-Horror abgedämpft hat, wo man sich doch heute eher mehr als weniger Bienen auf der Erde wünscht. Doch sollte das nicht im gleichen Maße für die ebenfalls sterbende Population der Vögel gelten? Vielmehr könnte ein solcher Film die Gelegenheit sein, den Menschen mit dem Aussterben der für das Gleichgewicht der Umwelt wichtigen Spezies zu konfrontieren. Solche Subtexte liegen diesem Film jedoch mehr als fern. Er ist eher damit beschäftigt, die Spezialeffekte nicht allzu unbeholfen wirken zu lassen, doch selbst das gelingt ihm nicht. Die Überlagerung von schwirrenden Bienen in Nahaufnahme über den mit Plastikbienen beklebten Gesichtern der Akteure dürfte schon damals mehr als durchschaubar gewesen sein. Heute lassen sie sich wenigstens wie guter Trash goutieren.

Trotz allem hat „Die tödlichen Bienen“ einen gewissen Charme, schon wegen der schönen Schauplätze, die durch ihre wunderbar erdigen Farben an Charakter gewinnen. Hier kommt eine Wirkung zum Tragen, die konzeptionell ansonsten vermisst wird. Diese Produktion steht für hastig heruntergekurbeltes britisches Genre-Kino der 60er Jahre, dessen Fehlentscheidungen von damals durchaus zum reuevollen Spaß von heute werden können. Teilweise kann man nicht einmal sicher bestimmen, ob es sich tatsächlich um einen reinrassigen Tierhorrorfilm handelt; das Finale scheint mit seinem Auflösungs-Trara und seinen Flashbacks in neu gefilmtem Blickwinkel aus einer völlig anderen Gattung zu stammen. Es ist mit einer gewissen Faszination verbunden, herauszufinden, wie sich so ein unentschiedenes Zwitterwerk in einer Zeit macht, die eigentlich schon alles und noch mehr gesehen hat. Mit einer besseren Besetzung, einer ruhigen Hand beim Aufbau des Kriminalfalls und vielleicht auch einem Schuss Humor hätte allerdings noch wesentlich mehr drin sein können.

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