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Filmbiographien sind eigentlich heiß begehrt beim Publikum – wenn es sich denn dann auch wirklich um eine Persönlichkeit von hohem Bekanntheitsgrad handelt.
Kasi Lemmons „Talk to me“ hat das gewisse Problem, daß es sich bei der Lebensgeschichte des Discjockeys „Petey“ Greene um eine Figur handelt, die hierzulande komplett unbekannt ist und wohl auch in den Staaten nicht mehr zur ersten Garde gehört.

Das ist außergewöhnlich schaden, bemühen sich doch zwei außergewöhnlich talentierte Darsteller um die Aufmerksamkeit des Publikums: der zuletzt für fast jede Rolle gefeierte Don Cheadle als Greene selbst und Chiwetel Ejiofor als sein Boss und späterer Manager Dewey Hughes.
Die Geschichte überspannt einen fast zwanzigjährigen Bogen, von der ersten Begegnung der beiden in einer Haftanstalt über die schwierige Anfangszeit, in der sich Greene um einen Job in dem Sender bemühte, in dem Hughes eine leitende Position innehatte, die Erfolgszeit Greenes als Kult-DJ mit großer Schnauze, der Politisierung seiner Figur und seinem Aufstieg zum gefeierten Comedian, bis sich die Wege der zwei Männer schließlich trennen.

Als Buch würde diese Geschichte vermutlich ungemein spannend wirken, eine abwechslungsreiche Geschichte von Aufstieg, Stardom und Fall mit vielen Stationen und Facetten, doch als Film kann Lemmons (die man u.U. noch als farbige Kollegin Jodie Fosters aus „Das Schweigen der Lämmer“ kennt) kein so fein abgestimmtes Produkt abliefern. Mag die Geschichte durchaus Massenappeal durch die Abwechslung inne haben und das Publikum eigentlich stets bei der Stange halten, so sind der erzählerischen Konstruktion hier leider die Grenzen aufgezeigt worden.

Nach außerordentlich sorgfältigem Beginn steigt die Spannungskurve nämlich genau bis zu einem Punkt etwa in der Filmmitte, wenn Greene in der Nacht nach dem Attentat auf Dr.Martin Luther King jr. mit einem flammenden Anti-Gewalt-Plädoyer (aber nicht Anti-Wut) der ganzen (vorzugsweise farbigen) Nation aus dem Herzen spricht. In diesen Szenen ist die Intensität des Gezeigten fast fühlbar.

Im Anschluß jedoch verflacht die Spannungskurve leider mehr und mehr, was zu einem gewissen Teil auch daran liegt, das der Film jetzt narrative Bocksprünge vollführt. Die politischen Aspekte werden bald komplett fallen gelassen und der Film driftet einigermaßen schnell, episodisch und überraschend in den Aufstieg zum Bühnen- und TV-Komiker, wofür es bisher noch gar keine Entsprechung gab.
Und hat man sich daran endlich gewöhnt, fühlt man sich als Zuschauer dann leicht befremdet, da sich Lemmons anhand des Skripts nicht für eine Erzählweise entscheiden kann.
Die Geschichte Greenes ist nämlich auch immer die von Hughes, doch die Darsteller erschlagen diesen Plan mit ihrer Spiellaune, die einen subtilen Storyaufbau immer wieder in Grund und Boden agiert. Der Fokus wechselt mehrfach im Film und gegen Ende driftet die allgemeine Aufmerksamkeit komplett von Greene weg zu Hughes, der noch ein Familienproblem mit der Figur Greenes aufzuarbeiten hat, während Greenes langsames Lungenkrebsleiden praktisch zur Nebensache verklärt wird.

Zwar spielen die beiden in ihrer letzten „Aufräum“-Szene sich gegenseitig noch einmal hoch, aber die Reststory hat einfach nicht mehr den nötigen Höhepunkt, „Talk to me“ versandet langsam aber sicher für die letzten wichtigen 15 Minuten in einer zunehmenden Sentimentalität ohne Klimax.

Das macht zwar jetzt nicht den kompletten Film kaputt, aber diese Unebenheiten stiften mehr Verwirrung, als das sie das Publikum durchgängig packen könnten. Was wie gesagt schade ist, denn die beiden Hauptdarsteller haben so manche geniale Momente und sitzen wie angegossen in ihren Rollen, wenn die Regisseurin sie auch öfters zu sehr in die Breite gehen läßt.

Daß Greene bei uns unbekannt ist, der Film sich mehr an ein farbiges Publikum wendet und es Cheadle und Ejiofor in Deutschland noch an Starpower mangelt, wird es „Talk to me“ sehr schwer haben, was alles in allem dann doch sehr schade ist. Mag auch an der Inszenierung noch einiges zu verbessern sein, die „Moral von der Geschicht“ am Ende dick aufgetragen wirken und der Dialog hie und da selbstzweckhaft geraten, die schauspielerische Leistung ist es allemal wert. Und die Geschichte farbig genug, um sie jedem zu erzählen. (6/10)

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