Der Pfähler aus der Lindenstraße
Was haben Hans W. Geissendörfers Film „Jonathan" und Dracula gemeinsam? Beide sind tot, wollen das aber nicht einsehen und belästigen uns daher mit ihrer Anwesenheit.
Der Geissendörfer ist ein politischer Mensch, wie er gerne nimmermüde und ungefragt verkündet. Darum wollte er in seinem zweiten Spielfilm Populärkultur und politischen Anspruch verbinden, also Bram Stoker und Rudi Dutschke, Adorno und Van Helsing, Che Guevara und Christopher Lee. Das ist groß gedacht, aber nur klein gemacht. Kurz und leider nicht gut, vermutlich hatte der Regisseur den „Witchfinder General" und einen der „Hammer"-Draculas gesehen und sich gedacht, das könnte man doch gut miteinander verbinden. Dazu etwas Revolutionssoße darüber und alles wird gut.
Der Film war im Kino sogar ein relativer Erfolg, weil diese Kombination in die Zeit hinein passte. Und wären die feinen Zutaten nicht mit dem Holzhammer zu einem eher zähen Brei püriert worden, hätte das Ergebnis sogar munden können. Polanskis „Tanz der Vampire" hatte es vorgemacht, wie man mit den Hammerfilmen respektlos umgehen und am Ende aus der Komödie eine apokalyptische Vision entstehen lassen kann. Nun hat Polanski aber neben einem guten Drehbuchautor visuelles Gespür und Interesse an Filmen. Nicht so der deutsche Hans, der denkt, er kann's und kann's doch nicht. Kapitalismuskritik wird uns hier so simpel präsentiert, dass man wie ein Werwolf heulen möchte und dann den Geissendörfer beißen, damit er das Filmen lässt.
Die Blutsauger sind Adlige, die das einfache Volk im wahrsten Sinne des Wortes aussaugen. Über diese ungemein tiefsinnige Idee freut sich der Regisseur und Drehbuchautor so sehr, dass er völlig vergisst, dass Vampire eigentlich kein Tageslicht vertragen. Hier ist nur Salzwasser für sie gefährlich, in welches sie am Ende des Films von den revoltierenden Studenten hineingetrieben werden. Ob sie ersaufen oder sich auflösen, bleibt offen. Auf jeden Fall sind sie weg, die Revolution hat gesiegt, und alle sind zufrieden. Das ist so naiv, dass es beinahe schon wieder liebenswert wäre, wenn es nicht so unendlich blöde daher käme. Man denke nur an den drei Jahre später entstandenen „Andy Warhols Dracula", der ungleich intelligenter und doch mit ähnlicher Intention das Sujet bearbeitete.
Dazu kommt, dass der Hauptdarsteller so ausdrucksstark wie ein lobotomierter Klaus Kinski auf Valium spielt, was dem Film dann endgültig den Rest gibt.
Doch ich mag den Beteiligten Unrecht tun, denn auf der Kehrseite gibt es auch ein paar Pluspunkte. Geissendörfer gelingen ab und an tatsächlich einige gelungene, apokalyptische Bilder einer zerfallenden Gesellschaft. Und der Obervampir wird von dem ungemein charismatischen Paul Albert Krumm gespielt. Das rettet den Film vor dem völligen Verriss.
Daher immerhin noch 3½ von 10 blutigen Pfählen.