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1978 gab Ian McEwan sein vielbeachtetes Debüt als Romancier mit "Der Zementgarten" (auf deutsch 1980 bei Diogenes erschienen) und schuf hiermit die erzählerische Grundlage zum Aufstieg zu einem der erfolgreichsten Literaten aus dem angelsächsischen Sprachraum der vergangenen zwei Jahrzehnte. Fünfzehn Jahre nach der Buchveröffentlichung erschien eine von Bernd Eichinger produzierte Filmfassung, die nahezu sämtliche Kriterien an eine werkgetreue Literaturverfilmung positiv zu erfüllen vermag.

Die Story um eine nicht nur lokal abseitige, britische Familie mit Vater, Mutter und vier Kindern zwischen 6-16 Jahren, die sich nach dem Ableben der Eltern auf sich selbst gestellt sehen, ist von Regisseur Andrew Birkin ebenso behutsam wie eindrucksvoll in Bilder umgesetzt worden, ohne die gleichermaßen klimatisch wie mit pubertären Phantasien aufgeheizte, bizzare und allerorten morbide Atmosphäre der Vorlage visuell zu beschädigen. Dieses Kunststück allein verdient höchstes Lob, zumal neben dem überzeugenden Spiel der mehrheitlich juvenilen Darsteller die teilweise (alb-)traumhaften Sequenzen, Licht- und Toneffekte sowie das inszenatorische Ganze vollends überzeugen. Das Finden und Ausleben sexueller Identität(en), das keinesfalls nur infantile Spiel mit Autorität und Opposition, der nicht allein an individuellem Körperschweiß festzumachende Wechsel von Hygiene und Verfall, von Reinheit und Schuldgefühlen, Wünsche und Obsessionen - all dies wird in eher ruhiger, durchkomponierter Bildersprache erläutert und gegebenenfalls kommentiert.

Am Ende schillert das rotierende Blaulicht einer anonymen staatlichen Exekutive durchs Bild, aber dann ist es auch bereits geschehen und der inzestuöse Klimax liegt hinter dem Betrachter. .. Auflösung offen.

Während die Fraktion der Voyeure sicher schwer enttäuscht sein wird, können die Liebhaber sorgfältiger Literaturadaptionen frohlocken: deshalb auch 8,5/10 für dieses viel zu wenig bekannte Filmkunstwerk.

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