Stefanie ist 12 Jahre alt und steckt mitten in der Pubertät. Wie viele Mädchen verspürt sie gerade in dieser Zeit den Drang dazu, gegen ihre Eltern und ihre Umwelt zu rebellieren, wobei man den Wunsch zur Auflehnung bei ihr noch verständlicher finden kann als bei vielen ihrer Altersgenossen. Ihre Eltern sind spießig, kleinbürgerlich, erzkonservativ, offenbar vornehmlich leistungsorientiert, für Vorwürfe und Verbote schnell zu haben, angeblich um das Wohl ihrer Tochter besorgt, doch in Wirklichkeit eher abwesend, sich ihrer Probleme nicht bewusst und auch gar nicht bereit, die Sicht Stefanies auf gewisse Dinge einzunehmen. Die isoliert sich mehr und mehr von ihrer Außenwelt. Kontakt zu Gleichaltrigen findet so gut wie gar nicht statt. Stattdessen vergräbt sie sich in ihrem Zimmer, lauscht der Musik, die ihre Eltern verabscheuen, und taucht immer tiefer in eine irreale Welt ein, die sie sich entweder selbst erträumt oder die sie aufgrund eines nie verarbeiteten Traumas in ihrer Vergangenheit von alleine aufsucht. Bald schon ist es augenscheinlich weder für Stefanie noch den Zuschauer möglich, zwischen Realität und Traum zu unterscheiden, wenn Stefanie das Geheimnis einer schon lange leerstehenden Wohnung in ihrem Elternhaus ergründen will, dort auf Erschreckendes stößt und sich ihr angestauter Hass schließlich in dem titelgebenden Geschenk entlädt, das ihrem Vater zum Geburtstag gemacht wird...
Über den Inhalt von STEFANIES GESCHENK kann man wirklich nicht mehr schreiben ohne zu sehr ins Detail zu gehen oder mit einer Interpretation des Gezeigten anzufangen. Auch deutet diese Inhaltsangabe nur einen Bruchteil von dem an, was man schließlich in dem etwa einstündigen Underground-Film zu sehen bekommt. Es ist schlicht unfassbar, von welchen Genres sich Spuren in Mathieu Seilers Werk wiederfinden. Rein an der Oberfläche ist STEFANIES GESCHENK ein Pubertätsdrama, doch ebenso sinnvoll wäre es, das Werk einen Horrorfilm, einen film noir oder eine absurde Komödie zu nennen. All diese Einflüsse treten völlig homogen zusammen und ergeben ein sinnvolles Ganzen, in dem nichts fehl am Platze wirkt.
STEFANIES GESCHENK ist zuallererst ein äußerst kompromissloser, düsterer Film, dessen Schwarzweißbilder eine feindliche, alptraumhafte Welt heraufbeschwören. Die Wohnung, in der ein Großteil des Films spielt und in der sich Stefanie wie in einem Labyrinth bewegt, ist nicht weit entfernt von den finstren Räumen eines David Lynch, auf den auch einige der skurrilen Gestalten, denen das Mädchen begegnet, hindeuten. Dennoch ist STEFANIES GESCHENK nur teilweise verschlüsselt und symbolisch überladen. Offensichtlich ist, dass das Werk darauf abzielt, die kleinbürgerliche Spießermoral zu entlarven, ähnlich Filmen wie etwa BÜBCHEN oder BENNYS VIDEO, jedoch mit einer wesentlich punkigeren Attitüde. STEFANIES GESCHENK ist allein schon deshalb rebellisches Kino, da der Film die subjektive Sicht der Zwölfjährigen einnimmt, ein Protestschrei in Bildern, der sich zum Großteil gegen Stefanies Eltern richtet, in denen alles zusammenkommt, was man als pubertierendes Mädchen hassen kann. Sie sind oft abwesend, kümmern sich nicht wirklich um ihre Tochter, es sei denn, es geht darum, sie zu kritisieren. Dabei wirken die Eltern nicht etwa streng, sondern behalten stets ihre freundlich und falsch lächelnden Gesichter bei, selbst wenn sie Stefanie noch so sehr ins Gewissen reden. Zumindest in der Mutter pulsiert zudem eine stark religiöse Ader, eine Religiosität allerdings, die wenig reflektiert erscheint, die nicht hinterfragt wird. Der Vater fügt sich, als die Mutter vorschlägt, Stefanie endlich zum Religionsunterricht anzumelden, und niemand fragt das Mädchen selbst nach seiner Meinung. Auch scheint es, als würden die Eltern etwas allein schon deshalb verurteilen, weil es Stefanie dazu dient, sich von ihnen abzugrenzen. Besonders witzig fand ich, dass die Musik, die sie ständig in der freiwilligen Isolation ihres Zimmers hört, nicht etwa rotziger Punkrock ist oder sonst etwas, das ihren rebellischen Gestus in sich trägt. Es handelt sich stattdessen um ruhige, angenehme Ambient-Klänge, die das exakte Gegenteil dessen darstellen, was sich in Stefanies Innern abspielt.
Neben dieser relativ klaren Realitätsebene gibt es dann jedoch die ungleich schwerer zu fassende, in der Stefanie sich in einer Phantasiewelt zu bewegen scheint. Immer wieder erscheinen ihr die beiden Männer, bei denen es sich vielleicht um die Homosexuellen handelt, die laut Stefanies Mutter früher in der nun leeren Wohnung unter ihnen gelebt haben, und seit deren Einzug dort niemand mehr einziehen will, weil sie irgendwelche schrecklichen Dinge angestellt hätten. Eine Limousine hält auf offener Straße neben dem Mädchen und eine Frau übergibt ihr ein Paket, das sie in besagter Wohnung abgeben soll. Im Treppenhaus trifft sie einen Auftragskiller, der offenbar gerade in ihrem Haus einen Job erledigte, und mit dem sie, nachdem sie ihn in ihre Wohnung lockte, ihren ersten Sex erlebt. In einem Park beobachtet sie zwei Eltern, die ihr Kind verloren haben. Der Vater läuft Tag für Tag wie von Sinnen über den Spielplatz und sucht sein totes Kind. Die Mutter schiebt einen Kinderwagen vor sich her, der ebenso leer ist wie ihr Blick. All das deutet auf ein Ereignis in Stefanies Vergangenheit hin, das zwar nie offen erklärt wird, jedoch durchaus zu erraten ist, wenn man versucht, alle Symbole in eine logische Reihenfolge zu bringen. Allerdings funktioniert STEFANIES GESCHENK auch, wenn man sich gar nicht erst an einer Deutung der beklemmenden, stellenweise surrealen Bilder versucht, und den Film einfach ohne nachzudenken als rein visuelles Erlebnis genießt.
Denn auch hier hat STEFANIES GESCHENK einiges zu bieten. Soraya Da Mota, die Darstellerin der Stefanie, ist nicht genug zu loben. Ob sie nun traurig, verstört eine Straße hinab läuft, sich vor einem Spiegel schminkt, um ihrer Reflexion hämisch zuzulachen, oder ob sie sich in blutigen Phantasien verliert, in denen sie ihre Eltern massakriert: es ist erstaunlich, was für eine Leistung das junge Mädchen darbietet. Quasi jede Szene wird von ihr beherrscht, alle anderen Personen sind reine Nebenfiguren. Störend wird mancher finden, dass Stefanie auch in eindeutig erotische Szenen involviert ist. Sicherlich ist STEFANIES GESCHENK kein MALADOLESCZENA, sondern zieht sich künstlerisch und ästhetisch überzeugend aus der Affäre. Bei der einzigen Sexszene, in der sie von dem Auftragskiller entjungfert wird, bleibt die Kamera einzig und allein auf ihr Gesicht richtet, das sich in einer Mischung aus Lust und Schmerz in den Kissen windet. Wenn Stefanies Sexualität dargestellt wird, beschreitet der Film zumeist den Weg, sich auf ein einzelnes Detail ihres Körpers zu konzentrieren, eine Eigenart, die mich stellenweise gar an die besten Werke Walerian Borowczyks erinnerte. Eine der erotischsten Szenen ist hierbei eine lange Großaufnahme von Stefanies Mund wie sie einen Kaugummi kaut, ihn aufbläst und er danach an ihren Lippen klebt, worauf sie verzweifelt versucht, ihn mit der Zungenspitze von dort zu lösen. Das finstre Make-Up, das sie sich selbst aufträgt, lässt sie dann (auch hier eine deutliche filmhistorische Referenz) wie eine Stummfilmschauspielerin aus den 20ern aussehen. Der Höhepunkt des Films ist allerdings wohl eine mehrmals wiederkehrende Traumsequenz, in der sie ihre Eltern mit einem Morgenstern hinrichtet. Unterlegt mit einem Soundtrack wie aus einem Italo-Western geht es hier alles andere als zahm zur Sache. Die gesamte Szene ist gedreht wie ein Musikvideo, in dem Stefanie zu einer Art Ikone stilisiert wird, die mit ihrem Morgenstern zu einem Befreiungsschlag ausholt. Es würde mich vor allem hier nicht wundern, wenn Quentin Tarantino auch diesen Film gesehen hat, und sich von ihm zu einigen eigenen Szenen inspirieren ließ.
Jedem Freund des abseitigeren Kinos kann ich diese Schweizer Produktion, deren Regisseur zur Entstehungszeit gerade mal Anfang zwanzig war, jedenfalls mehr als empfehlen.