Es gab diese Szene schon öfters in Filmen: zwei Abgesandte der Armee stehen plötzlich vor der Tür und bringen der liebenden Ehefrau daheim die schlimme Nachricht, daß der Mann im Krieg gefallen ist.
Das kann, wie etwa in „We were Soldiers“ als gefühlvoll-gewollte Note in Patriotismusgesöff wirken oder wie im Fall von „Grace is gone“ der Auslöser für eine persönliche Tragödie.
Stanley Phillips, dargestellt von dem wie stets sehr realistisch menschelnden John Cusack, ist nun eben nicht der Gefallene, sondern ausnahmsweise seine Frau. Und so seltsam ihm das Leben als Soldatenbräutigam mit zwei minderjährigen Töchtern bisher vorgekommen ist, so niederdrückend und fremd zwischen den ganzen Frauen, um wieviel schrecklicher ist doch die Gewißheit, wenn der Ernstfall wirklich eintritt.
„Grace is gone“ – ein Rührstück, eine Auseinandersetzung mit persönlichem Schmerz und Enttäuschungen, mit Trauer und Verantwortung, nimmt den Krieg in diesen Tagen einmal nicht als Diskussionsmittel rund um richtig oder falsch, sondern versucht, die Personen, die unmittelbar Betroffenen auszuloten.
Zwar wird im Verlauf hin und wieder das Thema der heutigen US-Politik angeschnitten, aber das verblaßt immer wieder schnell vor dem Hintergrund der bestehenden Tragödie. Wichtig soll hier nur sein, was immer man für sich persönlich entscheidet. Es gibt kein Patentrezept für richtige oder falsche Kriege, hinterher gibt es immer Opfer.
Wie die mit dem Verlust umgehen, ist Gegenstand des Films, denn Stanley bringt es nicht übers Herz, seinen Töchtern vom Tod der Mutter zu berichten, sondern stürzt sich in Furcht vor der Verantwortung, unter Einfluß des Schmerzes in einen ungewohnten Aktionismus, stopft die Kinder ins Auto und will etwas unternehmen, was darin mündet, daß man sich auf den Weg nach Florida macht, um den Vergnügungspark „Enchanted Gardens“ zu besuchen.
Doch die Reise ist eine mehrtägige Fahrt, ein Road Trip, ein Weg der Selbstfindung und des Sich-Stellen-Müssens – alle drei machen in gewisser Weise eine Veränderung durch, wobei die Jüngste sich ihre Kindlichkeit bewahrt, während die ältere Tochter ihre Unschuld und ihr Weltbild nach und nach verändert sieht, während in ihr selbst mehr und mehr der Verdacht erwächst, daß nichts mehr so sein wird wie zuvor.
Selbst schon an der Grenze zur Eigenverantwortlichkeit stehend, übernimmt sie den nachdenklichen Part, der immer noch mit dem Kind in ihr kämpft, während ihr Vater erfolglos versucht, der abwechslungsreiche, patente und flotte Daddy zu sein, der seinen Schmerz aber nie länger als ein paar Augenblicke verdrängen kann.
James Strouses Regiedebut hätte in Sentimentalität ersaufen können, aber der Newcomer hält die Fäden dieser recht einfachen Geschichte immer so straff wie nötig zusammen, präsentiert weniger patente Szenen, als vielmehr Vignetten oder Ausschnitte, verblüffende wie nachdenkliche Momente, die sich zum Gesamtbild einer neu entstehenden Familie zusammen finden.
Dabei ist der Krieg hier eher ambivalent im Hintergrund gehalten – offenbar ist es Strouse aber wichtiger, nicht unbedingt eine Antikriegsmessage zusätzlich aufzutragen, weil das ebenso naheliegend wie süßlich geraten wäre.
So ist Stanley selbst lebensenttäuscht, weil ein Augenfehler es ihm unmöglich machte, den Traum, den seine Frau nun verwirklicht, selbst leben zu können. Er selbst ist schon von Anfang an ein Angeschlagener, mit eckigen Bewegungen, versteckt hinter einer blassen Doppelstegbrille, eher streng und wortkarg. Krieg ist für ihn kein Diskussionsthema, sondern Überzeugungen – aber die Konsequenzen zu ziehen, ist nicht so einfach.
Immer wieder bricht das Gefühlsleben sich seine Bahn und immer wieder zieht Strouse im entscheidenden Moment sich zurück, läßt den Verlorenen allein, der erst am Ende, als seine Mission erfüllt ist, in sich zusammensackt, um am Strand sich endlich Luft zu machen – und seinen Töchtern der Vater zu sein, der er sein muß, nicht der der er sein will.
„Grace is gone“ ist ein sehr episodischer, stiller und spröder Film, der auf Unterhaltungspotential relativ gesehen verzichtet, aber er transportiert die Stimmung des Verlustes trotz des dünnen Plots eigentlich perfekt, ohne sentimental zu werden, ohne Rückblenden, mit stillen und tragischen, manchmal erschreckend ausgebleichten Bildern – die Reise ist nicht schön, sie ist manchmal ziemlich grau, steril oder leblos – was von den Kindern aber nur bedingt wahrgenommen wird, vom Zuschauer schon.
Deshalb wird der Film auch ein Schattendasein fristen: er bietet keine emotionale Achterbahnfahrt, keine Hell-Dunkel-Gegensätze von Humor und Tragik und auch keine schrägen Figuren. Es ist ein 85minütiger Abschied von einem Menschen, ein Reise in Trauer in die Trauer und die Leere in Cusacks Augen und das Leben in denen der äußerst begabten Shelan O’Keefe sind realistischer, als man es im Kino vielleicht sehen möchte.
Es kann sein, daß das Verzichten auf zu beziehende Positionen, auf Botschaften oder einen notwendigen Optimismus für viele zu wenig sind, fand der Film in den Staaten doch schon kein Publikum, beleuchtet er doch eine andere Seite als die bekannte, die über die man endlos diskutieren kann, aber nie eine befriedigende Antwort findet. (7,5/10)