Spencer Tracy spielt einen amerikanischen Richter, der 1949 in Nürnberg die Leitung eines Prozesses gegen vier Juristen übernimmt, die während der NS-Zeit im Amt waren. Während die Angeklagten die Schuld von sich weisen und der Richter zu verstehen versucht, wie es zu den schrecklichen Taten während der NS-Diktatur kommen konnte und welche Schuld beim deutschen Volk zu suchen ist, wird der Prozess von außen beeinflusst: Die deutschen wollen ihre Vergangenheit verdrängen und die Amerikaner benötigen im sich anbahnenden Kalten Krieg die Hilfe des deutschen Volkes, weswegen der Richter zu einem milden Urteil, bzw. einem Freispruch, sowie zu einer schnellen Beendigung des Prozesses gedrängt wird. Doch dann beschließt einer der Angeklagten, gespielt von Burt Lancaster, auszusagen.
Wie konnte es zu den grausamen Verbrechen der NS-Zeit kommen? Wusste das deutsche Volk wirklich nicht, was auf es zu kam? Kann von einer Kollektivschuld des deutschen Volkes die Rede sein? Inwieweit sind Richter, Lehrer und Beamte des ehemaligen Regierungsapparats Hitlers zur Verantwortung zu ziehen? Müssen die Deutschen die Vergangenheit bewältigen, oder reicht es, sie ohne direkte Konfrontation zu verdrängen? Welches Schuldbewusstsein hatten die deutschen während und nach des Holocausts und des zweiten Weltkriegs? All dies sind Fragen, die sich während der Nürnberger Prozesse gestellt haben, die über Jahrzehnte hinweg immer wieder aufgeworfen wurden und ihre Aktualität bis heute nicht gänzlich verloren haben, auch wenn die Vergangenheitsbewältigung während der 60er Jahre, nachdem die Taten der Nazis zunächst in Deutschland totgeschwiegen wurden, natürlich in ganz anderen Maßstäben stattfand, als es heute der Fall ist. Umso wichtiger waren Bücher, Zeitungsartikel und auch Filme, die ihren Teil zu dieser Vergangenheitsbewältigung beitrugen und in diesem Rahmen erschien 1961 Stanley Kramers Meisterwerk "Das Urteil von Nürnberg", das auch heute noch ein fesselndes Justiz-Drama und Zeitportrait ist.
Als Justiz-Drama überzeugt der Film, der zwar nicht direkt auf einer wahren Begebenheit basiert, aber von den Nürnberger Prozessen inspiriert wurde voll und ganz. Der Prozess wirkt authentisch. Dabei sind die vier Angeklagten bewusst so konstruiert, dass sie die verschiedenen Arten der deutschen Vergangenheitsbewältigung repräsentieren. Einer der Angeklagten spricht schließlich Klartext und sieht als einziger seine Fehler ein, ein zweiter, der während der NS-Zeit nicht wahr haben wollte, was um ihn herum geschah, ist ungläubig und flüchtet sich in die Apathie, der dritte Angeklagte versucht mit allen möglichen Ausreden ein mildes Urteil zu erreichen, der vierte, der dem Richter bei der Urteilsverkündung droht, scheint rein gar nichts zu bereuen. Sämtliche Argumente, die für, bzw. gegen eine Verurteilung der vier Juristen sprechen würden, werden vorgebracht, wobei dem Zuschauer ein eigenes Urteil zugestanden wird. Auch die Zeugen, die die verschiedenen Opfer der Nationalsozialisten repräsentieren, etwa eine Freundin eines Juden, oder ein geistig Behinderter sind gut ausgewählt. So verschafft der Prozess einen realistischen, vielschichtigen und in die verschiedenen Standpunkte differenzierten Einblick in die Nürnberger Prozesse und überzeugt hier auf ganzer Linie.
Aber auch als Zeitportrait ist "Das Urteil von Nürnberg" überaus gelungen. Zwischen Etappen des Prozesses unterhält sich der Richter des Öfteren mit ein paar deutschen Staatsbürgern, die behaupten, nichts vom Holocaust gewusst zu haben, was er in aller Regel subtil bezweifelt. Und auch wenn die Deutschen hier etwas klischeehaft als ein Volk das gern feiert und Bier trinkt dargestellt wird, trifft der Film jedoch auch hier ziemlich exakt den damaligen Zeitgeist und bringt auch diesen, den Prozess der Verdrängung, hervorragend auf die Leinwand mit einigen geschliffenen Dialogen und tiefsinnigen Ansätzen, wie man sie nur in extrem wenigen Geschichtsfilmen findet. Dabei wird auch die amerikanische Geschichte genauer beleuchtet, der Kalte Krieg und die McCarthy-Ära werden hier bereits angedeutet. Dies macht sich vor allem dann bemerkbar, wenn diverse amerikanische Militärs, Politiker und Juristen versuchen, dem Richter in seinen Prozess zu pfuschen und aus der juristischen Entscheidung eine politische machen wollen.
Aus der Kombination Justiz-Drama/Zeitportrait ergeben sich hier und da ein paar Sprünge zwischen den Teilen des Films, in denen es sich um den Prozess dreht und denen, in denen der Richter mit Deutschen verkehrt und versucht, die Nazi-Taten zu verstehen, wodurch stellenweise kleinere Längen verursacht werden, die angesichts der stattlichen Laufzeit und der, zum Ende hin immer fesselnder werdenden Dramaturgie, sowie des hohen Anspruchs dieses Werkes nur im Bereich marginaler Mängel liegen. Ansonsten leistet Regisseur Stanley Kramer, der zuvor bereits die mehrfach Oscar-Nominierten Klassiker "Flucht in Ketten" und "Wer den Wind säht" inszenierte, narrativ ausgezeichnete Arbeit, steigert Spannung und Dramatik bis zur Urteilsverkündung, bei der die Atmosphäre förmlich greifbar dicht ist, permanent und hält das Erzähltempo genau richtig, um einerseits genug Zeit zu lassen, um das Gesehene zu verarbeiten, andererseits aber auch den Unterhaltungswert hoch zu halten. Handwerklich ist der Film aufgrund seines Alters von mittlerweile knapp 50 Jahren natürlich überholt, aber auch dies stört nicht weiter, so ist die Kamera-Arbeit immer noch ansehnlich, die Entscheidung Kramers, den Film in schwarz-weiß zu drehen ausgezeichnet, da dies die Authentizität erhöht. Die musikalische Unterlegung ist stimmig, die Aufnahmen von Nürnberg und Berlin sind gut eingefangen und die Holocaust-Szenen, die teils aus Originalaufnahmen bestehen entfalten durchaus eine verstörende Wirkung, womit sich Kramer seine Oscar-Nominierung redlich verdient hat.
Der Cast ist mit ausgezeichneten Darstellern gespickt und bietet einige große Namen auf. So findet sich mit Spencer Tracy in der Hauptrolle einer der besten Darsteller aller Zeiten, der allgemein oft sympathische, menschliche Charaktere verkörperte und damit als Richter perfekt besetzt ist. Der doppelte Oscar-Preisträger liefert in dieser Rolle eine makellose Leistung und ist als Identifikationsfigur durchaus geeignet. Burt Lancaster, der ein Jahr zuvor für "Elmer Gantry" den Oscar erhalten hatte und ebenfalls zu den besten Darstellern aller Zeiten gezählt wird, spielt die Rolle des einsichtigen Angeklagten, der schließlich den Entschluss fasst die Wahrheit auszusprechen, die im Grunde niemand hören will, hervorragend und realistisch. Maximilian Schell, der, genauso wie viele andere Darsteller des Films unter Anderem wegen seiner politischen Überzeugung gecastet wurde, macht sich als Verteidiger hervorragend und beeindruckt vor allem durch seine hohe Leinwandpräsenz, sowie durch die unbedingte, brodelnde Überzeugung, die er bei seinen Ausführungen und seinem Plädoyer zeigt, wofür er vollkommen zu Recht mit dem Oscar prämiert wurde. Auch die übrige Besetzung, gespickt mit mehrfach Oscar-Nominierten Darstellern wie Richard Widmark, Judy Garland, Montgomery Clift, sowie Ikone Marlene Dietrich weiß zu überzeugen.
Fazit:
"Das Urteil von Nürnberg" überzeugt zum einen als Zeitportrait, zum andern als Justiz-Drama, bringt sämtliche Standpunkte zum Verfahren mit den Nazi-Verbrechern, zum Verfahren mit dem gesamten deutschen Volk differenziert, vielschichtig und weitestgehend ohne vorgreifendes Urteil zum Ausdruck und sei damit jedem ans Herz gelegt, auch denen, die sich eigentlich nicht für die Thematik interessieren. Spannend und dramatisch aufgebaut, narrativ virtuos gestaltet, von allen Beteiligten absolut grandios gespielt und auch ansonsten in jeder Hinsicht, in Anbetracht der damaligen filmischen Mittel, annähernd perfekt inszeniert ist "Das Urteil von Nürnberg", das bis auf ein paar nebensächliche Schwächen über jeden Zweifel erhaben ist, definitiv einer der besten Filme aller Zeiten.
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