Review

Dass nicht die Briten die hauseigene Option auf die Bearbeitung der Legende von Robin Hood gepachtet haben und es kein alleiniges Grundrecht auf die Verfilmung der Lieder und Geschichten seitens der Engländer bzw. ihrer 'Stellvertreter', der Amerikaner gibt, beweisen nicht bloß die anderen Adaptionen v.a. der Italiener, sondern auch die osteuropäische Erzählung Die Pfeile des Robin Hood, die 1975 und damit zwischen den (wesentlich bekannteren) Robin Hood (1973) von Disney und Robin und Marian (1976) das Licht der Kinowelt erblickt. Gedreht von Sergei Tarassow, der damit eine kleine Reihe von Abenteuerfilmen wie seinen eigenen Die Ballade vom tapferen Ritter Ivanhoe (1983) entspann, stellt sich diese Variante als die von der Herkunft und der möglichen Form der Politisierung bzw. politischen Beeinflussung oder Beeinträchtigung und auch in Hinsicht auf die Konfliktgeschichte zwischen Kommunismus und Religion her als mit (theoretisch) interessantesten dar, eine Hinführung zum lokalen "Timur und sein Trupp" wäre ebenso möglich wie eine Vorführung eben im pro-russischen und kommunistischen Sinne, in der der Staat mehr Wert war als seine Bürger, diese aber in der Masse zumindest gleichgestellt waren und als Verbund mit gleichen Rechten und Pflichten, wie die Schafe in der Herde unter der Führung von Schäfer und Hütehund zumindest akzeptiert.

Lange Rede, wenig Sinn: Eine Ideolisierung des Einzelnen, v.a. dem eines Vogelfreien ist bzw. war nicht allzu sehr gefragt, und das Ausrauben und Plündern Anderer in seiner Untreue von Gesetzen auch nicht; andererseits haben auch die Landsleute geschichtliche Erfahrung mit Freiheitsliebe und Gegenwehr von Drangsal und Eroberung, und filmgeschichtlich wird seit langem mit Abenteuer für Groß und (hier eher weniger) für Klein, mit Aufregung und Spektakel auf der Leinwand gespielt:

Der vom Sheriff von Nottingham [ Ints Burans ] und von Sir Guy von Gisborne [ Algimantas Masjulis ] gleichermaßen verachtete wie gefürchtete und gejagte Outlaw Robin Hood [ Boris Chmelnizki ] kann vor deren Augen einen Bogenschützenturnier und dabei auch das Herz von Maria [ Regina Rasuma ] gewinnen. Das Schicksal schlägt zu, als Marias Vater von Gisbornes Männern ermordet und sie selber als Pfand gefangen genommen wird. Robin dringt mit seinen Verbündeten wie Bruder Tuck [ Eduard Pawuls ] und Little John [ Chari Schweiz ] in die Höhle des Löwen ein.

Ordentlich ins Schwarze getroffen hat man dabei in der Eröffnungsszene, buchstäblich jetzt, wo während eines Ritterturniers und Volksbelustigung auch ein Bogenschießen veranstaltet wird, dass der (eingangs inkognito) anwesende Robin trotz heftiger Konkurrenz eines ehrwürdigen einäugigen Wildhüters dennoch für sich bestimmt. Eine Art Sportlerball quasi, in dem u.a. der Meister der Schützen der nördlichen Welt gewählt wird und ganz nebenbei, zur Fluchthilfe nämlich auch der Sheriff von Nottingham als Geisel genommen wird. Ein Räuber unter Räubern, für einen kurzen Moment nur, wird die Geschichte aus dem Lettischen Filmstudio Riga nicht vom Ende hier, sondern vom Anfang, mit auch dem Kennenlernen von 'Maria', der Dame in Not, und später bspw. auch noch dem Bruder Tuck – der ein ziemlicher Schwerenöter ist ("Was für ein saftiger Schinken" beim ungefragten Betatschen des Oberschenkels von Marias Hofdame; überhaupt gibt es später noch mindestens zwei derbere sexuelle Konnotationen, u.a. dem der Prostitution) – und dem Allan-a-Dale, dort als zunehmend tragischen Nebenplot formuliert. Bald baumeln die Leichen Gehängter vor Nottingham im Wind, und gibt es eine etwas andere Infiltration des Schlosses und ein paar üblere Pferdestunts zu sehen. (Die noch im Schneideraum veränderte und erst seit den Neunziger Jahren wieder hergestellte Version fängt u.a. vom Ende her an und hat bei der Schlacht dort auch einiges mehr an Verhau zu bieten; dafür ist die gestrichene und dann später wieder addierte Filmmusik von Wladimir Semjonowitsch Wyssozki bestenfalls Geschmackssache, eine wilde Texterei des auch regimekritischen Liedermachers, die den halben Film volldröhnt und ihn noch unzugänglicher macht, als er eh schon ist.)

Hood ist dabei eher ein weltentrückter Waldschrat, optisch zumindest, ordentlich zerzaust und verwildert mit vollen dunklen Bart und dem vermehrt bräunlich gehaltenen Kostüm, ein Mann mit auch dem Schelm im Nacken, der ohne diesen eher furchterregend und bedrohlich wie die anderen hippesken Sowjetbürger hier, den wahren, unrasierten, in einer Höhle hausenden Naturburschen ist. Später wird mit der Braut im Schlepptau und an der Hand noch voller Sinnen und gleichzeitig sinnentleert durch die Blumenfelder gewatet und sich ins Gras gelegt und dort doch weiter sinniert; überhaupt hat der Film durchaus seine eigene, etwas verquere, aber dennoch seltsam faszinierende Tonlage, die den Sprung über das düstere Märchen, den Abenteuerfilm mitsamt dreckigem Gehaue und Gesteche im Sumpf des Finales, und zuweilen auch in die geerdete Fantasy mit zugewachsener Flora und Fauna zu versuchen scheint, um dann plötzlich wieder mit einem heimtückisch-tödlichen Attentat während einer Hochzeit in das Dramatische zu wechseln und so auf seine eigene Art und Weise den Weg der Erzählung zu gehen.

Dass die Kirche im Kommunismus und bei Lenin und Stalin nichts wert war und als eher schädlich betrachtet wurde und entsprechend gegenüber dem noch gläubigen, bald großteils aus Furcht vor Repressalien atheistischen Volk reagiert, sieht man hier an gleich mehreren Episoden, die auch verbal so ausgedrückt werden (Robin bezeichnet Bruder Tuck beim ersten Treff als "demütiges Schaf aus der Herde Jesu Christu", der sich auch gefälligst so benehmen und die andere Wange hinhalten soll), zudem sind die "armen Diener Gottes" (an den nicht geglaubt wurde) hier im Grunde auch alles Verbrecher; zwischendurch droht der Maria nicht nur zufällig auch die Hexenverbrennung.

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