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Der deutsche Thriller

Die überragende Fernsehproduktion „Eine Stadt wird erpresst“ ist ein guter Anlass, einmal eine Lanze für den deutschen Thriller zu brechen. Sonst scheint sich ja dieses Genre in Deutschland so gut wie gar nicht abzuspielen, und der Thriller an sich ist meistens von Hollywood besetzt. Wenige erwähnenswerte deutsche Genre-Produktionen, wie zum Beispiel „Tattoo“ oder „Antikörper“, sind in den letzten Jahren überhaupt für das Kino gemacht worden, und so ist es hier eher am (öffentlich-rechtlichen) Fernsehen, die Fahne des Polizeifilms hochzuhalten.

Ein Regisseur, der hierbei eine bemerkenswerte Leiden- und Meisterschaft an den Tag legt, ist Dominik Graf. Jenseits der ausgetretenen Erzählmuster von Tatort und Konsorten ist ihm mit „Eine Stadt wird erpresst“ ein packender, eigenwillig ruppiger und virtuos inszenierter Polizeithriller gelungen, der in seiner Ausführung locker auch viel von der bierernsten, stilistisch schwerfälligen zeitgenössischen Thrillerware aus Übersee abhängt. Grafs Handschrift lässt sich sowieso eher mit rabiateren asiatischen Kriminalfilmen oder mit dem klassischen, schroffen französischen Milieuthriller (stellvertretend dafür: „La Balance“) vergleichen, als mit den für Grafs Geschmack oft zu durchgestylten US-Produktionen (Filme und Serien) der letzten Zeit. In einem aufschlussreichen Interview (filmdienst 4/2010, geführt von Rüdiger Suchsland) kann man herauslesen, worauf es Graf ankommt: Die individuelle Handschrift des Filmemachers ist ihm wichtig. Selbst die wendungsreichsten und durchdachtesten Drehbücher verlieren ein Stück weit ihren Reiz, wenn sie lediglich nach Schema F verfilmt werden. Desweiteren vermisst Graf „Lockerheit und Wurschtigkeit in der Inszenierung“ und „eine Art Höllengelächter“, die der moderne Thriller nur mehr selten bietet („Ausnahmen sind vielleicht ein paar Gangsterfilme von Miike Takashi“). Und der bemerkenswerte Grund, den er hier anführt: „...das Genre nimmt sich zu ernst, ist zu gestylt, zu cool.“

Wenn man sich „Eine Stadt wird erpresst“ ansieht, dann versteht man ganz gut, was Graf damit meint. Es geht ihm nicht darum, dass man seinen eigenen Stoff nicht ernst nehmen soll. Er nimmt die zum Teil einfach unglaubliche Story um ein Erpresserteam, das die Stadt Leipzig mit Bombendrohungen in Schach hält und sich mit der Polizei ein hitziges Katz-und-Maus-Spiel liefert, durchaus als Stoff ernst. Graf und sein Drehbuchautor Rolf Basedow verleihen dem Ganzen aber genug unvorhersehbare Ecken, Kapriolen und Aussparungen, um den Film interessant zu halten und dem Zuschauer genug Denkraum zu lassen. Natürlich müssen bei einer solchen TV-Produktion auch Kompromisse eingegangen werden, um den Zapper von der Fernsteuerung fern zu halten, allerdings geht Graf hier glücklicherweise nicht auf Nummer sicher. Er spielt auf virtuose und augenzwinkernde Weise mit den Stilmitteln und Klischees des Fernsehkrimis, vermischt sie mit der nervös fahrigen Bildsprache klassischer Paranoia-Thriller und scheut nicht vor komplexen Verschränkungen zwischen Handlungsebenen und -orten zurück, eine der „Tugenden des alten europäischen Thrillers“. Er tut dies mit einem Verve, vergleichbar mit Lars von Triers genialem Serienexperiment „Geister“, das ausgeklügelt zwischen Absurditäten und Extrema wild umherspringt, hinter einer Fassade von grobschlächtiger TV-Ästhetik. Das alles erfordert präzises Handwerk um glaubwürdig zu wirken, wenngleich diese Präzision eben nicht zur Schau gestellt wird.

Dominik Graf zieht für das ohnehin schon starke Buch alle Register seiner Inszenierkunst. Die Bilder wirken hastig und kantig, sind oft eher aim shots statt frame shots und bleiben von der ersten Sekunde an in Bewegung. Der sehr rhythmische und prägnante Schnitt trägt das seine dazu bei. Ein Paradebeispiel ist die lange Fahndungssequenz im ersten Teil des Films, die wie ein atemloses Ballett inszeniert ist. Der schnelle Schnittrhythmus und die durchdachte Geographie der Handlungsorte schaffen den Spagat zwischen Hektik und Übersicht, wie es zuletzt gleichermaßen brilliant in „Infernal Affairs“ zu sehen war. Niemals driftet der Stil aber in eine Bourne-artige Unübersichtlichkeit ab. Die Informationsdichte ist hoch, die Tonspur voll von gehetzten Dialogfetzen, der Zuschauer wird total vereinnahmt. Als wäre dem nicht schon genug, webt Graf hier nach Belieben kleine Scherze und Unreinheiten ein: Mitten in der Hektik sucht der Leiter im Kontrollraum plötzlich sein Lineal, einer der verkabelten Polizisten singt ein Lied, ein Techniker offenbart seine dicken Schweißflecken unter den Achseln, usw. Immer wieder nimmt sich der Film etwas Zeit für seinen ehrlichen Situationshumor und erzeugt so eine sympathische Selbstironie ohne die Spannung je abzuschwächen. Graf scheut sich ebenso wenig vor schrägen Einlagen, wie etwa ein Paar von russischen Klischee-Ganoven. Einer von ihnen darf sich so richtig wie ein schmieriger Playboy aufführen und in einer köstlichen Szene auch mal eine deutsche Abendgesellschaft im Restaurant brüskieren. Als wäre man kurz in einem verrückten Russenmafia-Film gelandet! Das muss jedenfalls ein Heidenspaß beim Drehen gewesen sein.

Natürlich darf auch das ostdeutsche Lokalkolorit nicht fehlen, sowie die politischen Bezüge zu Ex-DDR und Wiederaufbau. Vieles davon drückt sich in der pointierten Charakterzeichnung des Drehbuchs aus, insbesondere des Hauptkommissars Kalinke, bestechend gespielt von Uwe Kokisch. Der abgehalfterte Polizeibeamte muss sich mit Altlasten aus der DDR-Vergangenheit, arroganten Vorgesetzten aus der BRD-Gegenwart und den Launen seiner Kollegen herumschlagen. Kokisch verkörpert ihn als ehrliche Haut und erfahrene Spürnase, aber auch als notorischen Kauz voller Macken. Eine davon ist seine Ruppigkeit im Umgang mit anderen und beschert dem Film geschliffene Wortgefechte und geniale one-liner (Der „Wurstfabrik“-Gag und der „Trinken im Dienst erst ab 50“-Spruch verdienen Preise!), die Kokisch mit dem nötigen Sarkasmus, unrasiert und mit einer Kippe im Mund vorträgt. Auch die restliche Besetzung von Polizeiseite und von Seite der Verdächtigen ist stimmig, und jede Figur bekommt ihren glanzvollen Moment. Manchmal scheint es sogar, dass Graf ganz bewusst zentrale Handlungsschritte ausspart oder nur knapp ihre Folgen erwähnt, um lieber den Figuren ein paar Auftritte mehr zu gönnen. Grafs Gespür und Erfahrung dafür, was man dem Zuschauer an Kombinationsvermögen abverlangen kann, macht sich hier bezahlt. Man wird weder unter- noch überfordert und bleibt immer gespannt am Ball. So bleiben am Ende sogar die Nebenfiguren im Gedächtnis, allen voran die Tochter des Hauptverdächtigen, die mal in Unterwäsche „summer wine“ mit Gitarre singen und auch sonst einen herrlich rotzigen Charme versprühen darf.

Als Fazit lässt sich sagen, dass „Eine Stadt wird erpresst“ ein hervorstechender TV-Thriller geworden ist, der sich vor den großformatigeren Konkurrenten nicht zu scheuen braucht. Eigentlich steht ihm der TV-Look sogar sehr gut, weil Graf ihn am Schneidetisch mit allerhand launigen Randdetails bereichert und im Gegenzug den Hauptplot nicht so wichtigtuerisch bis ins letzte Puzzleteil ausbuchstabiert hat. Man wünschte sich, dass die deutsche Filmförderung den Mut hätte, solche Stoffe ins Kino zu bringen, und den Genrefilm nicht einfach den Eichingers und den Epigonen im Privatfernsehen überlässt. Grafs Film ist eine Liebeserklärung an das anspruchsvolle Genrekino und zugleich ein virtuoses Lehrstück darüber, wie man einen spannenden Stoff mit Leben füllt und eine konstante Spannung über die Spielfilmlänge hält. Das Timing sitzt immer perfekt, der Film hält sich an die wesentlichen Genreregeln, aber er behält Charakter. Graf lässt ihn dementsprechend auch nicht mit einer einfachen, routiniert abgehandelten Auflösung enden, sondern hängt noch einen recht drastischen Paukenschlag dran, der einen an die exzentrischen Schlussakkorde in Talashi Miikes Unterweltepen, wie „Dead or Alive“ (Teil 1) oder „Graveyard of Honour“ denken lässt. Da findet es sich dann wieder, dieses Höllengelächter.

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