Review

Sieht man mal von dem einen oder anderen Ausreißer ab, dann begann es so richtig gegen Ende der 1980er-Jahre. Erst vereinzelt, dann immer zahlreicher sprossen sie aus dem fruchtbaren Boden wie sonderbare Pilze, die eine sehr spezielle Duftnote verbreiteten. Manchen sagte dieser Geruch so sehr zu, daß sie gar nicht genug davon bekommen konnten. Andere wiederum reagierten, als ob sie ihre empfindliche Nase eben in einen frischen Haufen Kot getunkt hätten. Die Rede ist von den mal mehr, mal weniger, mal gar nicht talentierten Amateurfilmern, die mit der Videokamera in der Hand ihren Idolen nacheiferten und Freunde, Bekannte und (Möchtegern-)Schauspieler unzählige blutspritzende Filmtode sterben ließen. Nicht nur hierzulande, wo unter anderem Jörg Buttgereit (Nekromantik, 1987), Andreas Schnaas (Violent Shit, 1989), Olaf Ittenbach (Black Past, 1989), Andreas Bethmann (Das Weststadt Massaker 1, 1991) und Maik Ude (The Butcher, 1991) ihr garstiges Wesen trieben, sondern auch in Amerika rührte man fleißig die Blutsuppe, um gore-technisch ordentlich auf den Putz zu hauen. Dort ließen zum Beispiel Donald Farmer (Cannibal Hookers, 1987), Gary Cohen (Video Violence, 1987), The Polonia Brothers (Splatter Farm, 1987), Jon McBride (Woodchipper Massacre, 1988), J.R. Bookwalter (The Dead Next Door, 1989), Pericles Lewnes (Redneck Zombies, 1989), Todd Sheets (Zombie Rampage, 1989) und Timothy O'Rawe (Ghoul School, 1990) gut gelaunt die Blutwurst kreisen.

Und mittendrin statt nur dabei war Tim Ritter, Jahrgang 1967. Bereits 1984 startete er mit Day of the Reaper seine "Filmkarriere", und irgendwie hat er nie aufgehört zu drehen (zur 2018 erscheinenden Anthologie Hi-Death steuerte er z. B. die Episode Dealers of Death bei). Sein Oeuvre umfaßt mehr als ein Dutzend Filme (u. a. Twisted Illusions, Truth or Dare?: A Critical Madness und Wicked Games), wovon es einige dank Manic Entertainment sogar bis nach Deutschland geschafft haben. Ich wurde seinerzeit durch einen Artikel in irgendeiner Filmzeitschrift auf den Mann aufmerksam und habe mir dann via Mail-Order sein "Meisterwerk" Killing Spree (1987) ins Haus geholt. Ich fand den Film damals okay, nicht mehr, nicht weniger. Heute schätze ich ihn aufgrund seines bitterbösen, sardonischen Humors wesentlich mehr, und wie es scheint, bin ich nicht der einzige, wurde der Film doch im Laufe der Zeit in mehreren Ländern auf DVD veröffentlicht, bevor ihm sogar Blu-Ray-Ehren zuteilwurden. Mitte der Neunziger schuf Ritter dann Creep, den Film, um den es hier gehen soll. Die Geschichte dreht sich um den Psychopathen Angus Lynch (Joel D. Wynkoop, The Uh-oh Show), dem während einer Verlegung in ein anderes Gefängnis die Flucht gelingt. Fortan ist nichts und niemand vor dem Unhold sicher. Doch als sich seine strippende Schwester Kascha (Kathy Willets, Seymore and Shane Meet Kathy Willets the Naughty Nymph) seinen mörderischen Aktivitäten anschließt, nimmt das ganze Drama eine unschöne Wende.

Kascha: "What did you do?"
Angus: "I stabbed him."
Kascha: "Thank you."


Und Drama ist keine falsche Bezeichnung für das, was hier abgeht. Denn das Leben hat es nicht gut gemeint, meint es jetzt nicht gut und wird es auch niemals gut meinen mit unseren Pro- und Antagonisten. Bei ersteren handelt es sich um das Vater-Tochter-Polizisten-Gespann David (Tom Karr) und Jackie Ketchum (Patricia Paul), dessen Wege sich mit Creep extraordinaire Angus Lynch schließlich kreuzen. Vor allem Jackie ist schwer traumatisiert, seit ihre Mutter von einem Dieb vor ihren Augen brutal erstochen wurde. Wohl aus diesem Grund ist ihr Umgang mit Verbrechern etwas unorthodox. So zwingt sie eine alte Hexe, die sie beim Vergiften von Kindernahrung ertappt, das Zeug gleich selbst zu futtern. Aber auch Angus und Kascha hatten keine schöne Kindheit, wurde er doch vom Stiefvater und ihrer (eifrig mitfilmenden) Mutter in Mädchenkleider gesteckt und dazu genötigt, seine Schwester anzufassen ("Touch your sister now! Do it!"). Kein Wunder also, daß aus dem einen ein psychopathischer Serienmörder und aus der anderen eine White-Trash-Stripperin wurde, die sich von einem widerlichen Fettsack herumkommandieren läßt. Ja, die schleppen alle irgendwelche Altlasten mit sich herum, ohne Ausnahme. Subtil ist in Ritters Creep-Welt rein gar nichts. Die Charakterisierung der Figuren erfolgt mit dem Holzhammer, was ihnen zwar keine Tiefe verleiht, aber immerhin ihre Motivation verständlich macht. Aber egal, ein ernstzunehmendes Portrait eines Serienmörders ist Creep sowieso nicht, dazu watet er viel zu genüßlich knöcheltief im Exploitation-Sumpf.

Eine gewisse Wirkung der unangenehmen Art möchte ich Creep jedoch nicht absprechen, auch wenn das Spiel der Beteiligten durchwachsen ist. Joel D. Wynkoop grimassiert sich als Haupt-Creep (ja, es gibt mehrere Creeps in diesem Film) ganz famos durchs Geschehen, während Kathy Willets außer ihren monströs aufgepumpten Hupen (bei denen man Angst haben muß, daß sie platzen, wenn man sie nur anstupst) überhaupt nichts zu bieten hat. Tom Karr agiert lahm und hölzern und ist zu keiner Sekunde glaubhaft, weshalb Patricia Paul die einzige ist, für die man etwas Sympathie empfindet. Technisch gesehen ist das Gebotene akzeptabel, wobei die Friedhofsszene, in der Angus seine verstorbene Mutter (ein Dummy aus Deranged, geschaffen von niemand Geringerem als Tom Savini) ausbuddelt, richtig gut gelungen ist. Ebenfalls gelungen ist der Score von Alucarda, und einige der Spezialeffekte (durchtrennte Kehle, Schraubenzieher ins Ohr, Bunsenbrenner vs. Gesicht) sind auch ganz nett. Der generelle Ton ist, trotz des bösen schwarzen Humors, der sich durchs Geschehen zieht, verkommen und hoffnungslos, was nicht überrascht, bei all den Sleazebags, den heruntergekommenen Locations und dem Rütteln am Tabu-Baum. Insofern ist das nihilistische Ende, das kurzerhand umgeschrieben wurde, weil Ritter die Chance hatte, etwas Spektakuläres mitfilmen zu können, nur konsequent. Ob es auch Sinn macht sei dahingestellt. Creep ist kein guter Film, Gott bewahre, aber er liefert exakt das ab, was man sich erhoffen darf: Rohe, deftige, unvollkommene und sleazige Exploitation aus der Do-It-Yourself-Heimwerker-Ecke.

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