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Klein ist Österreich, aber man kann nicht behaupten, daß es nicht auch sein Schärflein zur dunklen Seite dieser Welt beigetragen hätte - vom berühmtesten aller österreichischen Massenmörder, der mit dem seltsamen Schnurrbart, dem ja schon einige filmischen Tribute gezollt wurden, mal ganz zu schweigen.
Der Fall Werner Kniesek war in den siebziger Jahren der Alptraum der Justiz und des Strafvollzugs, denn aufgrund einer korrekten psychiatrischen Einschätzung wurde ein falscher Entscheid getroffen. Kniesek war wohl eines der berüchtigten Muttersöhnchen, die in einem Umfeld aus Bigotterie, Gewalt und äußerst beschränkten Lebensverhältnissen zur einer ungesunden Blüte heranwachsen, von der man früher oder später in den Boulevardblättern liest. Die Ähnlichkeit zu vielen "berühmten" US-Serientätern ist erstaunlich: als Sechzehnjähriger attackiert er seine Mutter und wird zum ersten Mal inhaftiert. Danach beginnt eine Odyssee zwischen unsteter Lebensweise in der Hauptstadt Wien und einer halbherzigen Berufslaufbahn als Schneidergeselle. Der nächste Eckpunkt seines Lebens, von dem die Welt (oder wenigstens die österreichische Öffentlichkeit) erfahren hat, ist seine Rückkehr nach Salzburg 1972, wo er in einem Villenvorort eine Frau ermordete. Zu diesem Zeitpunkt war in Österreich das Strafrecht noch mittelalterlich - "unzurechnungsfähig" waren nur schwere Psychotiker, die aber die wenigsten sadistischen Sexualmörder sind. Somit kam er in den normalen Vollzug und weil er, wie eben jener andere österreichische Sadist, der Geschichte geschrieben hat, ebenso kuschen kann wie auf schwächere losgehen, wurde er sieben Jahre nach seiner Festnahme 1973 wegen "guter Führung" (Deutsch: er war Zellenblockwart, hat die Wächter bestochen und sich so ein Schmuggelimperium aufgebaut) aus der Strafanstalt Garsten entlassen, um sofort im Nobelviertel St. Pöltens drei weitere Morde zu begehen. Zu diesem Zeitpunkt war das österreichsche Strafrecht aber durch einen progressiven Minister in Schwung gekommen und man hatte einen Sündenbock.
Was das nun mit dem Film zu tun hat? So ziemlich alles, denn wenn man die Hintergründe kennt, dann überläuft es einen eisig ob der instinktiven Präzision mit der Kargl in seinem einzigen großen Film, der auch schon ein minimalistisches Meisterwerk ist, ein Psychogramm erstellt. Aus heutiger Sicht ist Werner Kniesek nichts besonderes mehr, sein psychologischer Zustand ist wenn, dann einfach sehr paradigmatisch aber nicht mehr unerhört. Die genaue Nachzeichnung seiner Taten allerdings ist selbst in diesen Serienmörder-verliebten Zeiten stärkster Tobak.
Ein guter Orientierungspunkt wäre Bill Lustigs "Maniac", der mit derselben kalten, nahezu dokumentarischen Abbildungsweise vorgeht und sich ebenfalls lose an einem tatsächlichen Fall (David "Son of Sam" Berkowitz) orientiert. "Subjektiv" wird zur einzigen Perspektive, die dem Zuschauer gestattet ist, man hört unablässig die Stimme des Täters, die mal emotional, mal pseudoreflektiert die eigenen Untaten und psychischen Befindlichkeiten kommentiert.. Dazu eine wilde Kamera, die, durch eine spezielle Technik, am Körper des Mörders festzukleben scheint. Der Gewalt entkommt man nicht, denn sie ist die raison d'etre des Täters und wird zu der des Zusehers.
Kargl bemerkte in einem Interview, daß ihn die Gewaltdarstellung in seinem Film heute stören würde, aber genau das ist es doch - wer hier, wie auch bei "Maniac" Gewaltverherrlichung unterstellt, hat den "Angst" entweder nicht gesehen oder hat den falschen Job. Unerträglich sind sie, die Taten Werner Knieseks und unerträglich sind die Taten seines cinematographischen alter egos Erwin Leder, der hier Raum hat, seine schauspielerischen Qualitäten zur vollen Entfaltung zu bringen (was man von seinen späteren Filmen kaum sagen kann).
Jede schwitzende Pore atmet verkrampften, scheußlichen Sex, das Verspeisen einer Burenwurst (das ist jetzt kein Rassismus, die heißt wirklich so) in einem typisch tristen Buffet, in dem er gierig zwei Vorstadtschönheiten begafft, wird zur phallischen Selbstdarstellung. Penibel zeichnet Kargl, wie die Wurstdarmfetzchen im Mund zermahlen werden. Wenn er einen Beingelähmten über Glassplitter zieht oder die bleiche, ausgeblutete Leiche einer jungen Frau aus einer roten Lache aus einer Garageneinfahrt zieht, dann wird der Film zu Mutprobe des Zuschauers.
Nicht nur das Zentrum der Geschichte, die eigentlich keine ist, wird mit größter Akribie bedacht auch die desolate Atmosphäre des östlichen Österreich dieser Zeit Anfang der achziger Jahre wird zur akkuraten Kulisse, die ihren Teil zum emotionalen Verständnis der Situation beiträgt.
Als ob das nicht schon stimmig genug wäre, konnte auch noch der deutsche Pionier der elektronischen Musik, Klaus Schulze, gewonnen werden, der mit dem Soundtrack zu "Angst" eins seiner besten Werke geschaffen hat. Breit synthetisch wie rhythmisch scharf unterstreicht er die Stimmung dieses Autriche Noir Psychodramas, dessen verdienter Kultstatus nicht zuletzt der Tatsache verdankt ist, daß Kargl mit seinem Privatvermögen den Film finanzierte und nach dem vorhersehbaren Floppen an den Kinokassen auch auf eine Videoverwertung verzichtete, außer in Frankreich, wo dem dortigen Verleiher auch Videorechte eingeräumt wurden, sodaß "Schizophrenia", die französisch synchronisierte Fassung, lange Zeit die einzig erhältliche Version des Films für den Hausgebrauch war.
Dem wird jetzt mit der ausgezeichneten DVD von Epix abgeholfen. Ein bißchen enttäuschend ist es, keinen Audiokommentar mit Gerald Kargl zu haben - was zumindest eine zeitlang für die US-Veröffentlichung auf dem Mikrolabel Barrel Entertainment vorgesehen war -, aber ein paar Interviews sind immerhin dabei.
Doch eigentlich ist "Angst" selbst die Hauptsache, der Film, der mit jedem Mal ansehen besser wird, und wenn ich denke, daß ich damals mein Kinoplakat verschenkt (!) habe....

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