Review

Mein Österreichurlaub hat deutliche Spuren hinterlassen: Nicht nur habe ich Schmarrn und Gösser sei Dank wieder ungewollt an Leibesfülle zugelegt, nein, meine Zunge pendelt unkontrolliert zwischen Schmäh und Hochdeutsch hin und her und meine Nerven zittern immer noch ob der Starkstromtherapie, durch die mich An - und Abreise geschickt haben: Im einstigen Kaiserreich unserer Nachbarn mag einiges besser laufen als bei uns in der Bundesrepublik - der Fernverkehr gehört definitiv NICHT dazu! Dazu, dass ich nunmehr vom Urlaub urlaubsreif bin und trotz noch zweieinhalb Wochen fauler haut vor mir den Post Holiday - Blues schon jetzt singe gesellt sich noch ein Hunger auf harte Filmkost. Keine gesunde Kombination!

Schon gar nicht, wenn das Hauptgericht Gerald Kargls "Angst" ist. Wie auch immer ich drauf gekommen bin (es wird wahrscheinlich nur am Urlaubsland gelegen haben), es erschien mir der richtige Zeitpunkt zu sein, um in das Nichtgenre des Austrohorrors einzutauchen und das, obwohl "Angst" nach einer erschöpften Heimkehr in etwa so erbaulich wie ein rohrdicker Joint bei einer schwerstdepressiven Episode. Nun gut, das oder Hanneke, dachte ich mir, wobei ich dann den leicht exploitativen Kargl - Streifen, der Leben und Treiben des Mörders Werner Kniesek verhackstückelt, dem verkopften Arthouseler Hanneke für den Moment mal vorziehe.

Für jene, die weder Kniesek noch Angst (den Film, nicht das Gefühl) kennen: Der Film folgt dem ersten Tag der Haftentlassung eines verurteilten Mörders, der sich in einer ihm außerhalb der Gefängnismauer vollkommen unbekannten Stadt auf die Suche nach frischer Beute macht. Nach einer ersten Fleischbeschau, einem verpatzten Anschlag auf eine Taxifahrerrin und ersten Zweifeln und Panikattacken wird der namenlose Protagonist in einem ablegenem Luxuswohnviertel in einem unbewohnt scheinenden Haus fündig, dass dem Täter zunächst ein gutes Versteck vor Zeuginnen, Justiz und letztlich sich selbst zu bieten scheint, aber mit seinen heimkehrenden Bewohnern - einer dreiköpfigen Familie - auch potenzielle Opfer aufweist.

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Von seiner sadistischen Vergangenheit gequält beginnt der von seiner eigenen Familie gequälte und verachtete Mann eine neue Mordserie, in der er jene Familie in seiner Gewalt stellvertretend für seine eigene foltert und tötet. Die Situation scheint dem Täter dabei ein ums andere Mal zu entgleiten, da seine genauen Pläne nicht aufgehen und er sich selbst bei der Befriedigung seiner Überhand nehmenden Triebe mit einem massiven Kontrollverlust konfrontiert sieht...

Irgendwo zwischen Lebensbeichte und Tatrekonstruktion entzieht sich Kargls Film ganz schnell dem typischen Genrestoff der Achtziger. Nach Splatter sucht man hier vergeblich, was den Film aber ehrlicherweise nur unangenehmer macht: Der Mangel comicartiger Mordpointen macht die Untaten unseres Protagonisten (großartig gespielt von Erwin Leder) umso realistischer und unangenehmer, wobei der Tod des Sohnes der Familie besonders unangenehm heraussticht (und das, obwohl es sich um eine Ertränkung handelt - ich sollte manchmal einfach die Schnauze halten). Ein wenig irritierend fand ich das vierbeinig und opportunistisch Erwin Leder hinterherwackelnde Element des Dackels, dass als einziges lebendes gutbürgerliches Element des dahingemetzelten Haushaltes verschont wird und sich nun ein neues Herrchen in Gestalt des Schlächters seiner Familie sucht. Ich denke nicht, dass Kargl damit irgendeinen tieferen Sinn ansprechen will, außer zu zeigen, dass sein Mörder zumindest eine Grenze hat. Und bei aller Abneigung, die ich gegen Dackel hege, ein "Cannibal Holocaust" - Element braucht dieser auch so ausreichend verstörende Film nun wirklich nicht.

Zwischen und nach den Tötungen erleben wir jede Menge Wut und Verzweifelung, die sich vor allem in intensiven Fluchtsequenzen ohne sichtbare Verfolger äußern. Die Kameraarbeit von Zbigniew Rybczyński trägt zu der intensiven Darstellung Leders noch einige außergewöhnliche Perspektiven bei, indem sie Leder wahlweise verfolgt, als "Auge Gottes" beobachtet oder Leder gar in sie und damit das Publikum hineinrennen lässt. Der Soundtrack von Ex - Tangerine Dream - Mitglied Klaus Schulze vertont das Psychoduell zwischen Darsteller und Kamera perfekt, angemessen unangenehm und irgendwie so eiskalt wie der Protagonist selbst, der vor allem durch seine Narration zum Grauen beiträgt.

Trotz aller Ablehnung deutscher Zensurpraktiken kann ich nachvollziehen, auf welchem Gedankengang der Verbotswunsch gegenüber Kargls Film beruht: das Gezeigte ist trotz spärrlichem Effekteinsatz äußerst effektiv und treibt den Puls in die Höhe. Der Endmonolog des Protagonisten könnte von einigen weniger reflektierten Zuschauern auch durchaus als Gewaltverherrlichung missverstanden werden. Dennoch ist es eine Schande, dass der Film im vorauseilendem Gehorsam ein verbreitungsverbot in Deutschland erfuhr und erst auf DVD bei uns erscheinen durfte. Somit ist "Angst" ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass deutschsprachiger Horror durchaus funktionieren kann, aber auch, wie eine Filmwirtschaft sich selbst durch Ignoranz ins eigene Fleisch schneidet: Die Intention des Horrorgegners Kargl, das Kniesekthema realistisch zu verarbeiten hat hier scheinbar keiner außerhalb des geneigten Publikums verstanden: ein filmhistorischer "Setzen, Sechs!" - Moment.

Spannend finde ich ja, dass der Film vermarktungstechnisch scheinbar auf seine exploitationartige Wirkung setzte, da beide offiziellen Kinotrailer mit bluttriefenden Sensationsmeldungen aus dem Ösi - Schmierblatt "Krone" beginnen, an die sich jeweils Fluchtszenen aus dem Film anschließen, jeweils aus einem anderen Kontext herausgeschnitten. Das dürfte dem Film vor der deutschen Justiz den argumentativen Rest gegeben haben und statt eine faire Chance vor einem deutschen Gericht zu bekommen ging es direkt in Abschiebehaft Richtung Austria mit anschließender Sicherheitsverwahrung. 








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