Review

Regisseur Derek Yee hat bereits mit One Nite in Mongkok eine Phase von unerfüllter Hoffnung, der verlorenen Vergangenheit und der einseitigen Illusion gezeigt, hat auch dort schockiert, den Zuschauer gegriffen und im emotional fiebrigen Klima herumgestossen; aber darüberhinaus nicht die Action, die Spannung und den Thrill aus gängigen Polizeifilmen vergessen. Er hat die Uhr des stetig ablaufenden Countdowns ticken lassen, sogar einen aufmunternden Goof eingewebt und sich der klassischen Routine zumindest so weit gebeugt, dass man das Werk getrost dem Mainstream zuordnen konnte. Auch hier hat alles dem Anschein nach seinen Verweis auf souveräne big budget Extravaganza; die blosse Rahmenhandlung greift auf die ureigensten Plotbestände von Drogenhändler und eingeschleustem Undercover zurück und garniert deren Beziehung sowie Mittel und Zweck zu einer offenkundig semantischen Funktion, die im Luftschloss einer Fiktion keinerlei Unübersichtlichkeit zulässt:

Nick [ Daniel Wu ] arbeitet seit sieben Jahren daran, dem "Geschäftsmann" Quin [ Andy Lau ] das Handwerk zu legen; in der Zeit hat er dessen Vertrauen soweit erschleichen können, dass er mittlerweile selber zum Nachfolger aufgebaut werden soll. Da Quin demnächst aussteigen und mit Frau und Kindern den Lebensabend in Amerika geniessen will, bringt er Nick in Kontakt mit den Zulieferern im Goldenen Dreieck.

Seite 1 der narrativen Medaille ist das Geschäft. Quin erklärt die Methodik, weist in der Herstellung von Heroin ein, warum man die Kontakte klein halten und die Verbindungen geheim halten muss, dass man niemanden trauen kann und nie ein Risiko eingehen soll. Seine Sicht der Dinge ist die angenehme; er ordnet sich nur Angebot und Nachfrage unter, zwingt dabei Niemanden und sieht sich frei von jeglicher Schuld. Er drängt die Kunden zu nichts, sondern überlässt sie ihrer eigenen Entscheidung. Und er schaftt sich sein eigenes kleines Glück in schlechter Welt: Kaviar und Champagner auf Familienreisen zum majestätischen Thailand, in vorzugsweise panoramagedehnten Einstellungen.
Nick weiss es besser, und da die Kamera ihn statt Quin als Führer hat, wissen wir es bald auch. Er lässt sich mit der Nachbarin Fan [ Zhang Jingchu ] ein, die durch ihren Ehemann [ Louis Koo ] dem Heroin verfallen ist.
Seite 2 als der private war on drugs, die persönlichen Relationen, allerdings nur in der Verelendung. Das Leiden des Opiathungers, wonach das Trugbild einer Wunschvorstellung eben nicht Glück und Zufriedenheit, sondern Übelkeit, Depression und Dysphorie nach sich zieht. Infernal Affairs wird formelhaft fingiert und in der handwerklich tadellosen Aufmachung Requiem for a Dream reingeschmuggelt. Bar jeglichen Humors, dafür angewürzt mit dem überdimensionalen Be- und Vertrieb von Traffic; um mit trockenen Fakten und weiten Ausritten ausserhalb der vereinsamten Aura des Todes nicht ganz vor den Kopf zu stossen.

Der Film ist nämlich kein Copthriller, wie Titel, Darsteller und sogar die Kurzfassung der Handlung vielversprechend ankündigen. Keine optisch verlockende Blockbuster - Verheissung mit genreimmanenter Erzählung, die mit protzenden Schauwerten grossflächige Anziehungskraft auslöst und dem Zuschauer seine abendliche Unterhaltung bereithält. Sondern ein bis zur Widerlichkeit sperriger Albtraum. In seiner Negation überrealistisch erhöhter Horror ohne poetische Qualität. Ein mieser Trip: Kalt, schroff, abstossend und ohne rettende Bezüge.
Mit einem düster-apokalyptischen Einstieg, der schnell seine visuelle Faszination verliert und die kollabierende Welt in einer durchgängig frierend leidenschaftslosen Leere zeigt, in der die Suche nach Freude und Lebendigkeit längst aufgegeben ist. Man ist in einer Auflösung begriffen, die jeden Genuss verhindert. Die allgegenwärtigen sozialen Eruptionserscheinungen blockieren eine Symbiose zwischen den Menschen und steuern sie direkt auf den Abgrund zu; hinfort von Substanzkunde und safer use Strategien hin zu sich selbst erniedrigenden Schattenwesen. Längst willenlos in der Sucht verloren, flüchtet man nicht einmal mehr in die einstmals phantasievolle Imagination des Rausches, sondern gibt sich nur dem Verlangen des Körpers hin. Entzugserscheinungen bestimmen den Tagesablauf. Verwahrlosung, Abstumpfung, Kommunikationsunfähigkeit und seelischer Ruin sind längst erreicht und verwandeln die Personen in eine schwitzende Hülle aus depressiven Verstimmungen und schwersten Organschäden.

Dabei klagt der Film nicht speziell an, hat keine adressierte Gesellschaftskritik, keinen kulturellen Disput zu bieten und analysiert auch nicht die reflexiven oder psychologischen Ursachen; das "Warum" wird zwar in den Raum gestellt, aber nie beantwortet und sich auch nicht darum gekümmert. Die Charaktere kommen aus dem verschleissenden Nichts der Irrealität und gehen auch wieder dahin; abseits ihrer isolierend perspektivischen Darstellung in den jeweiligen Situationen erfährt man wenig über sie und kann dies auch nicht in Dialogen und voice over inserts erschöpfen. Trotz einigen Unstimmigkeiten in der Zeichnung gelangt man im Kontrast zwischen glatt-theorisierenden und detailliert-involvierendem Bildstil zu einer klaren thematischen Konzeption. Die kompromisslos frisierte, sachlich gering attestierte Dramaturgie ist durch sein horizontal aufgebautes Erzählmodell teilweise recht launisch, der Einstieg fällt schwer, das Vertrauen in die natürliche Ordnung, die Gesellschaft und die Zukunft gehen dafür umso leichter verloren.
Der Schaltplan der Drogenproduktion funktioniert tadellos; hinsichtlich numerischer Mathematik, geographischer Verteilung, den industriellen Herstellungsmechanismen der Verführung als auch von Gemeinschaft und Loyalität. Aktionen seitens der Polizei dagegen beschränken sich auf eine anonyme Beschattung – in der man schon zufriedengestellt ist, den observierten Quin nicht gleich nach wenigen Metern zu verlieren – , deplatziert ungerechtfertigen Gewaltexzessen und einer horrend missglückten Razzia, die Opfer bei beiden Parteien nach sich zieht und in seiner destruktiven Brachialität starke Nerven beim Publikum erfordert. Die drastische Holzhammermethode findet ihren Höhepunkt in einer Szene, in der der lange Arm des Gesetzes nicht nur symbolisch mit mehreren dumpfen Schlägen zu einem blutigen Stumpf abgekürzt wird.

Drogen und ihre Auswirkungen dieweil mehr als blosse Stichwortgeber, nämlich gleich brandmarkend in schwer bekömmlicher moralischer Inquisition. Man bekommt als Fixpunkt die Auswirkungen mitsamt prompten Niedergang gereicht, startet rapide mit einem wirkungsvoll angelegten Extrem und wartet nicht lange mit Ruhepausen bis zur nächsten Steigerung. Trotz zuweilen hinreissend ehrwürdiger Ästhetik erscheint das Szenario nie verlockend, fühlt man sich fast selber klebrig, entstellt und schmutzig. Da in der Anfangsszene bereits das Ende erzählt wird, braucht man sich gar nicht trügerischem Optimismus hinzugeben, sondern wird ohne dem Umweg eines liberalen, akzeptierenden Gesamtansatzes gleich auf den Pfad von fatalistischer Verneinung, schwarzmalender Panikmache und manipulativen Delirium geführt.
Der Film ist unerfreulich, zuweilen unappetitlich und schockartig konfrontierend; zeigt dabei nichts Neues, aber reiht es in irritierenden Übersprungshandlungen aneinander.
Durch die häufige Überdosierung und seine durch strapazierende Wiederholung fast einfältige Botschaft derartig unzugänglich, dass sich die Minuten ziehen ohne zu vergehen und selbst das sichtbar aufwendige Produktionsvolumen, die kostspielige Inszenierung und die vorhandene Starbesetzung mit starrem Blick nur wenig Ablenkung bringen.

Ziel der Botschaft also erreicht, aber das auch um jeden Preis. Nicht mit leisen Tönen, sondern der vollen Breitseite mit spekulativen Provokationen und jämmerlicher Tristesse als künstlerischem Mittel. Das Modell der grossen Show nicht für fiktive Entspannung, sondern vielmehr für Bestürzung und Aversion sorgend. Abkehr durch Abschreckung, mit viel Mut zur Hässlichkeit und leicht stupider Versöhnung. Einem unerbittlich dick auftragenden und gleichzeitig seltsam nüchternen Streufeuer an Tabubrüchen mit sporadisch extensiver Brutalität, und dem ganzen Gewicht auf überrumpelnde Breiten- und Tiefenwirkung.
Yee will die kaum erkenntnisstiftende Botschaft der Schädlichkeit konsumierter Drogen offensichtlich möglichst aggressiv durchsetzen, verwendet von der pathologisch-entmündigenden bis hin zur sozial-pychologisch ansprechenden Argumentation in Ansätzen jeglich vorhandene pädagogische Beweisführung, um letztlich bloss ein einziges Bild zu benötigen: Wie Fans kleine, unschuldige Tochter Jing Jing umsonst auf den ersten Schultag wartet und stattdessen als Hehlerin missbraucht wird.

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