Besser spät als nie?
Akira Kurosawa ist einer der ganz großen Regielegenden, hat sowohl in Sachen Gangsterfilme (z.B. "Drunken Angel") als auch bei den Samuraiepen (z.B. "Seven Samurai") Messlatten nach oben verschoben. Für viele ist aber "Ikiru", was kurz & passend "to live" heißt, sein Meisterwerk, sein wichtigster Film, jedoch komplett anders als seine berühmtesten Epen. Und auch wenn man sich bei solch einem Lebenswerk um die Kronjuwelen ewig streiten kann, muss man sich vor der emotionalen Resonanz & Stärke von "Ikiru" nur verbeugen.
Die simple, intime jedoch seltsam allumgreifende Geschichte um einen Beamten, bei dem Magenkrebs festgestellt wird & der seinem verbleibenden, kurzen Leben nun endlich wieder Sinn & Freude verleihen will, könnte nicht eindringlicher, humaner & tränenreicher sein. Mit 60 zwar mehr als mit 25, aber jeder Mensch jeden Alters versteht diese Aussage - begreifen, verinnerlichen oder gar umsetzen tun diese aber nur Wenige. Je näher man dem Tod kommt, desto eher wohl, aber eigentlich ist die Aussage aus seinem Leben was zu machen, es zu genießen & nicht abzustumpfen, universell, zeitlos & unvergleichlich machtvoll. Auch in 1000 Jahren, auch auf anderen Planeten, auch mit anderen Gesetzen - dieser Film ist ein Testament & so etwas wie weises Weltkulturerbe.
"Einmal wirklich leben" wirkt dabei nie belehrend, aufgesetzt nervig oder wie eine trockene Vorlesung über den Sinn des Lebens - lockerleicht aber emotional immer mehr zu ihm verbunden, folgen wir in der ersten Hälfte des Films dem Protagonisten zu seinem Glück & gleichzeitig in seinen Tod. Extrem emotional & tief berührend gespielt von Takashi Shimura, lernt der alte Watanabe eine lebensfrohe junge Frau/Arbeitskollegin kennen, einen Landstreicher im aufregenden Nachtleben & er kniet sich in ein gemeinnütziges Arbeitsprojekt, den Bau eines Spielparks. Genug Abwechslung in seinen zuerst traurigen, dann immer erfüllteren letzten Monaten wird dem Zuschauer also geboten, wenn der Film manchmal auch etwas langsam & zu lang wirkt. Eine gestrafftere Laufzeit wäre vielleicht noch mehr auf den Punkt, der ruhige Aufbau verdeutlicht andererseits aber nur die Entschleunigung des Lebens & Konzentration aufs Wesentliche. Durchzogen von meist wundervoll dynamisch gefilmten Szenen, erscheinen sowohl der Arbeitsplatz voller Bürokratie & Papier wie auch das japanische Nachtleben künstlerisch wertvoll. Nichts Anderes erwartet man von Kurosawa, trotzdem eine Augenweide.
Die zweite Hälfte des Films vollzieht einen interessanten Twists, besteht aus der Totenwache des alten Mannes inklusive Rückblenden & Erzählungen einiger seiner Freunde/Kollegen/Bekannnten/Familie. Hier bekommt vor allem die Kritik an der japanischen Gesellschaft, Arbeitswelt & Einstellung eine überraschende Schärfe. Das addiert gelungen mehr Tiefe zu der Kernaussage des Films. Äußerst aufschlussreich ist auch das Beleuchten der zuerst falschen Deutungen der Hinterbliebenen, und wie wenig das Ansehen bei Anderen & die eigene Legende wirklich zählen. Wirklich zählt nämlich nur, was man über sich & sein Leben selbst denkt & wie erfüllt man die Welt verlässt. Traurig ist dann wiederum, wie schnell die Kollegen im Alltag ihre Vorsätze & Erleuchtungen aus Watanabes Taten vergessen. Alles eigentlich so simpel, aber so schwierig; so ehrlich, aber so schwer auszusprechen.
"Ikiru" ist der Urvater aller ähnlichen Filme, in denen die Hauptfigur Sterben wird, den Sinn seines Lebens erkennen soll oder auch von fast allen melodramatischen Tränendrückern ohne Liebesgeschichte. Von "Bucket List" bis "Das Meer in mir", von "Breaking Bad" bis "Der geilste Tag". So stilvoll, ruhig, aufs Wesentliche besinnt wird man es aber nirgendwo sonst finden. Sicher ein Film, den man sich alle paar Jahre anschauen kann & der wächst, wächst, wächst. Das humane Statement verfolgt einen noch lange & vor allem der Gedanke, was man selbst tun/ändern würde, falls man nicht mehr allzu lange hat, & noch krasser, warum man dies nicht jetzt tut, sind existenziell & tief aufwühlend. Ein Glück, wenn man froh ist mit seinem Leben... oder zumindest mit dem Meisten darin ;) Und wenn nicht: nehmt euren Mut zusammen & ändert Stück für Stück was daran - wenn der alte Herr Watanabe das mit Krebs kann, können das gesunde, junge Menschen in einem reichen Land erst recht ;)
Fazit: das Leben ist kostbar - genieß es, nutze es, vergeude es nicht! "Ikiru" ist wie ein guter Wein: er wird besser & eindringlicher, je älter er (& der Zuschauer) wird! Kurosawa mal ganz anders & sein mit Abstand humanster, weisester Film!