Mario Bava. Man kennt ihn und liebt ihn für seine verwinkelten, oftmals durch Licht- und Schnitteffekte verfremdete Studioaufnahmen. Bava filmte nie die trockene, kühle Realität, sondern schien immer nur sowohl wunderschöne, wie auch grässliche Abbilder, Halluzinationen dieser zu verfilmen. Im Jahre 1974 drehte er den Film "Cani arrabiati". Es sollte die absolute Kehrtwendung von all dem sein, für was bisher der Name Bava stand.
"Cani arrabiati", dessen bekanntester Titel wohl "Rabid Dogs" sein wird, ist ein klaustrophobischer Thriller, der sowohl in Echtzeit spielt, und sich auf einen einzigen Spielraum begrenzt: Ein fahrendes Auto. In seinen bekanntesten Filmen schuf Bava Feuerwerke an Dekors und aufregenden Interiors, hier ist es nur das schnöde Innere eines Autos. Die Story setzt nach einem Überfall ein. Die vier Kriminellen haben eine satte Geldbeute eingesackt, und fliehen in ihrem Wagen vor der Polizei. Das Auto schmiert jedoch ab, und die Ganoven müssen sich ein neues Auto kapern. Während einer Schießerei in einem Parkhaus muss einer der Gangster sein Leben lassen, allerdings nehmen sich die Kriminellen auch zwei weibliche Geiseln, von denen gleich eine vor den Augen der Polizei aufgeschlitzt wird.
Und nun wird es hitzig im PKW eines gewissen Riccardo, der seinen komatösen Sohn versucht in ein Krankenhaus zu bringen, jedoch nun die drei Gangster, die überlebt haben plus die total verängstigte Geisel Maria chauffieren muss. Die Irrfahrt scheint nicht zu enden, und die Stimmung im Wagen wird immer gereizter, immer psychotischer. Während der Gangsterboss Doc versucht, die Situation ruhig zu halten, beginnen sich die ausgeflippten „32“ (George Eastman) und Blade (Don Backy) zu betrinken. Nach einem Fluchtversuch ist die Geisel Maria Ziel ihrer perversen Folterungen. Riccardo, die zweite Geisel, versucht vehement Moral und Vernunft durchzusetzen, und bettelt inständig darum, endlich sein Kind ins Krankenhaus bringen zu können – doch die Gangster setzen ihren Trip unbarmherzig fort.
Bava hat die beklemmende, einengende Atmosphäre im Auto voller Verbrecher gut eingefangen, und sogar die Darsteller, inklusive Schmuddelfilmveteran Eastman, machen ihre Sache durchaus solide. Die Story ist schwarzhumorig und bietet uns einen interessanten Einblick in die ironische Sichtweise des Mario Bava. Der Film hätte ein ganz großer werden können in Bavas Filmographie, doch dann passierte ein Unglück: Noch bevor Bava mit der Postproduktion anfangen konnte, starb sein Haupt-Geldgeber. Das löste eine Kettenreaktion aus, die schließlich die Rechte an dem Streifen verschwimmen lies, und das Weiterbestehen der Produktion verhinderte.
"Rabid Dogs" kam nach diesem Desaster nie ins Kino, und wurde nie fertig gestellt. Erst 2002 machte sich sein Sohn, Lamberto Bava, finanziert durch ein Engagement, das durch Darstellerin Lea Lander ins Leben gerufen wurde, daran, den Film fertig zu schneiden. Es wurde ein neuer Titelvorspann entworfen, und der Score wurde neu auf den Film gelegt. Es ist zwar durchaus lobenswert, das man einen solchen klasse Film vor dem Verlust rettet, jedoch muss man fairerweise anmerken, dass "Rabid Dogs" gerade an dem Fehlen der ursprünglichen Postproduktion leidet.
So ist der Score nicht im Geringsten ausgereift, und das Titelthema wird schier über die ganzen 90 Minuten Film abgedudelt. Auch wirken einige Szenen roh und unfertig. Nicht auszudenken, was aus "Rabid Dogs" hätte werden können, wenn Bava persönlich noch ein paar Nachdrehs hätte verwirklichen können. Aber so sind nun leider ein paar Sequenzen unbearbeitet, ungenau und schlichtweg schlecht editiert.
Was aber bleibt, ist ein ambitionierter Film, mit einer wirklich starken Story und einem noch viel spannenderen, überraschenden Ende. Wer Bava mag, und Lust auf eine neue Seite des italienischen Regiegenies hat, der muss sich "Rabid Dogs" unbedingt ansehen. Fans von geradlinigen, dreckigen, ungewöhnlichen Thrillern werden locker über die beißenden technischen Unschönheiten hinweg sehen können.