Review

"Das Auge" ist ein Höllentrip, aber einer von der sympathischen Sorte.
Wer lediglich den Inhalt des Films kennt, würde hier sicherlich auf einen obsessiven Psychothriller tippen, bei dem ein Detektiv aufgrund der von einer Frau ausgehenden Fasznination, hilft, deren Spuren von Verbrechen zu vertuschen.
Doch das berührt hier lediglich die Oberfläche - Claude Miller zeichnet hier das Portrait zweier Menschen, deren Psyche soweit zerrüttet ist, daß sie sich augenscheinlich noch in die normale Welt einpassen, tatsächlich aber auf dem Weg der inneren Selbstzerstörung immer mehr Fahrt aufnehmen.
Michel Serrault präsentiert uns einen durch einen offenbar total mißglückten (offenbar hat er dabei jemanden getötet) Auftrag aus der Bahn geratenden Detektiv, der noch einmal eine Chance bekommt. Dabei ist seine Befähigung für den Job bloße Fassade. Seit Jahren sucht er auf einem alten Schulfoto mit lauter Mädchen das Gesicht seiner Tochter, doch seine Frau erlaubt ihm nur eine Frage pro Jahr. Er tippt falsch, wie bisher immer.
Wie es um ihn wirklich steht, wird für den Zuschauer überdeutlich, für den Rest der Realität im Film wird er immer eine Art Gespenst bleiben. "Das Auge" führt ständig Selbstgespräche, denkt sich für seine Zielpersonen Geschichten aus; spricht durch, was er denkt, redet imaginär mit seiner Tochter Marie, verhält sich irrational. Trotzdem macht er seinen Job, obwohl sein Auftrag binnen kürzester Zeit tot in einem See liegt.
Serrault erschafft damit eine skurile, schwer fassbare Figur von bizarrem Humor, die mittels seines seltsamen Verhaltens immer einen Kontrapunkt zu dem seltsamen Mädchen bietet.
Ohne Blick zurück rast er immer schneller auf einer Abwärtsspirale dem Nichts entgegen, um letztendlich Erlösung von seiner Schuld und seinem Wahn zu finden.
Ihm gegenüber steht Isabelle Adjani als mysteriöse Schöne in vielen Rollen, die reihenweise ihre Liebhaber auf das blutigste ermordet. Ist hier Verhalten zunächst völlig haltlos, so schimmert nach und nach ein ebenso zerstörte Seele durch das Chaos, eine Tochter mit einem offensichtlichen Vaterkomplex; ein Mädchen ohne Erklärung für ihr verbrecherisches Verhalten, ohne Schuld, ohne Gewissen, ohne Bodenhaftung.
Und so sind die beiden dann füreinander bestimmt, wie uns die Kamera überdeutlich beweist. Noch bevor "das Auge" seine Zielperson überhaupt das erste Mal sieht, erscheint sie auf eine Fotografie, die ein Kind eigentlich von dem Detektiv machen sollte. Er wirft einen Blick auf das Foto und "erkennt" sie, eine Sekunde bevor sie ihn im Vorbeigehen anrempelt.
Die Realität hat den Detektiv eingeholt.
Von diesem Moment an folgt der Film nur noch den beiden auf ihrem verhängnisvollen Weg quer durch Europa. Ein Verbrechen folgt auf das Nächste, ein Toter nach dem anderen säumt den Weg des Mädchens. Immer mehr verfällt Serrault dem Irrglauben, in dem Mädchen Catherine seine Tochter vor sich zu haben. Er führt imaginäre Gespräche mit ihr, benimmt sich endlich wie der Vater, der er seiner Tochter nie sein konnte, verwischt ihre Spuren, beseitigt ihre Leichen. Das geht so weit, daß er sogar einen Mann ermordet, weil er ihm nicht als der Richtige für seine Tochter erscheint. Doch damit schadet er dem Mädchen nur noch mehr.
Interessant dabei ist die Parallelität der Ereignisse, denn Catherine scheint ebenfalls Geschichten über ihren Vater zu spinnen, manchmal sogar kurz zu ihm zu sprechen, wobei "das Auge" sich angesprochen fühlt.
Trotzdem bleibt er ihr fern, umkreist und beobachtet sie - mitunter nachlässig und auffällig, so daß von anderen schon dabei ertappt wird - doch sie sieht durch ihn hindurch wie durch Glas. Das bestärkt ihn nur in seinem Irrglauben, zu dem Mädchen zu gehören.
All das erzählt das Drehbuch in kleinen feinen Episoden, optisch erlesen eingefangen und von (für einen französischen Film) von beachtlicher Rasanz. Zwar beinahe ausschließlich um die zwei Protagonisten kreisend, läßt er den willigen Zuschauer in wachsamer Erwartung verharren, um den Ausgang dieser gefährlichen Liaison zu erfahren.
Damit den Zuschauer das Sujet nicht erdrückt, strotzt der Film von einem beissenden Sarkasmus, den Serrault stellvertretend für die Zuschauer über dem modernen Leben ausgießt. Er verteilt Spitzen, stellt kuriose Zusammenhänge her, lügt, erfindet Geschichten, springt aus der Rolle und wieder hinein, wechselt aus dem Stand das Thema, grimassiert und gewinnt so eine Spritzigkeit und Agilität, die an Louis de Funes entwickelt.
Und so fließt dieses Road-Movie quer durch Europa und die finstersten Abgründe der menschlichen Seele nur so dahin, um auf den unausweichlichen Schluß zuzuführen, wenn sich die Protagonisten so weit annähern, daß sie sich berühren. Doch während Serrault in seiner Vaterrolle aufgeht, bedeutet für Catherine die Bewußtwerdung des Gegenübers das Verhängnis, während Serrault von da an in seiner eigenen Hölle erst recht gefangen ist, da er diese Wendung provoziert hat.
"Das Auge" ist sowohl Thriller wie auch schwarze Komödie, Psychodrama wie Road Movie - vor allem aber ist er ein Blick in die seelische Finsternis seines Protagonisten. Die Hölle ist in uns, doch sie ist vor allem selbstgemacht. Und ein Entkommen ist nicht möglich...
Ein erschütterndes und dennoch zwingend interessantes Erlebnis, von einem morbiden Reiz.
Intensives Kino zum erfahren, zum genießen, nicht zum Spaß haben.
Oder vielleicht doch?
Wie finster sieht es in Ihnen aus?
(8/10)

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