Review

Nachdem Dario Argento mit „Tenebrae“ zu seinen Giallo-Wurzeln zurückgekehrt war und „Phenomena“ Giallo-Elemente mit parapsychischen Elementen mixte, geriet sein nächster Film „Opera“ wieder zu einer klassischen Angelegenheit.
Im Ambiente eines großen Opernhauses baute er Anleihen an das „Phantom der Oper“ in einen typischen Giallo-Plot mit ein und schuf somit die Bühne für einige anspruchs- und eindrucksvolle Sets, die wie üblich die nötige Ausstattung für erinnerungswürdige Szenen bot.

Im Zentrum steht eine junge Sängerin, die für eine verletzte Operndiva einspringen muß, doch der geheimnisvolle Mörder, der in dem Gebäude (und außerhalb) umgeht, hat nicht nur ihr Bestes im Sinn, sondern nimmt sie wiederholt gefangen, um sie zur Zeugin seiner Mordtaten zu machen.
Hintergrund der Vorgänge ist erneut ein sexueller Bezug zur Vergangenheit, ein perverses Inzestmotiv, das allerdings sträflich unterentwickelt bleibt, bis es dem Publikum endlich vorgeführt und erklärt wird.

„Opera“ hat einen enormen Ruf in Argentos Oeuvre, nicht zuletzt durch die diversen Schnittauflagen, mit denen der Film in Deutschland verstümmelt wurde, das Gesamtwerk hält jedoch den Vergleich mit Argentos Klassikern nicht ganz stand.
Tatsächlich ist es einer der Filme, in der Argentos Unvermögen, den nötigen Füllplot ohne Längen oder peinliche Dialoge in die fein komponierten Giallosets und Mordsequenzen, am unangenehmsten auffällt.

Das Verhalten aller Figuren spottet im Filmverlauf geradezu jeder Beschreibung, die Polizei wird zu interesselosen Pappkameraden degradiert, emotional herrscht eher banale Akzeptanz denn steigende Hysterie vor und Christina Marsillach hat einfach nicht das Format, sich in all den Szenen als verfolgte Unschuld zu behaupten, wird jedoch auch vom Drehbuch mehrfach schmählich im Stich gelassen. Wenn sie nach einer brachialen Mordattacke in ihrer Wohnung schließlich zu ihrer Sicherheit in das nächtliche Opernhaus für eine Mütze Schlaf flieht, dann ist das schon Dämlichkeit pur.

Offensichtlich ging es Argento in der Hauptsache um die Möglichkeit, mit den opulenten und sehr gelungenen Opernsets der modernen Macbeth-Inszenierung zu spielen und dadurch die im Stück vorkommenden (echten) Raben ins Spiel zu bringen, die dann auch bessere Leistungen abliefern als die meisten der Darsteller.

Ansonsten sind die wesentlichen Elemente des Argento-Werks alle beisammen, subjektive Kamerapositionen aus Mördersicht, blutige Mordszenen (wobei sich der Regisseur in einer Szene dankbarerweise zurückhält, als ein Opfer aufgeschnitten wird, um einen Beweis aus dem Körper zu bergen), weitreichende Kamerafahrten.

Die meist zitierte Szene ist sicherlich der Versuch, den Mörder zu entlarven, indem man die Raben im vollbesetzten Opernhaus auf ihn losläßt, weil die sich an seine Untaten an den Vögeln noch erinnern. Tatsächlich ist dieser langsam kreiselnde Angriff aus der Vogelperspektive ein optischer Leckerbissen, doch Argento zerstört die Suspense hier einmal mehr mit donnernder Rockmusik und einer überlangen Montage, die das Interesse schließlich wieder erlahmen läßt.

Die Auflösung mit dem fast schon üblichen „doppelten“ Ende läßt dann auch stark zu wünschen übrig, da das Schicksal des Mörders so offensichtlich unsicher gehalten wird, das sein erneutes Auftauchen in der Schlußsequenz geradezu ermüdend ist.
Argento versucht es denn auch mit einem frischen Gegensatz, indem das finale Duell statt in der Enge der Oper auf einer Alm mitten in den Bergen stattfindet, doch außer diesem Gegensatz hat die finale Sequenz eigentlich nichts Herausragendes zu bieten, sondern läßt den eh unebenen Film nur noch zusätzlich verflachen.

Selten war ein Restfilm bei Argento redundanter und weniger konstruiert, so daß man das „Meisterwerk“ als solches hier mal durchaus in Zweifel ziehen kann. Optisch hat der Film einiges zu bieten, Tempo und Schnitt jedoch sind eher trübes Mittelmaß, die Schauspieler eher schlecht und zu einem halbwegs sauberen und interessanten Plot fand Argento erst wieder mit „Aura“ und „Stendal“, bevor er das „Phantom der Oper“ dann selbst in Szene setzen konnte. Erträglich, aber kaum ein qualitativer Quantensprung, nach dem eher zwiespältig aufgenommenen „Phenomena“. (5/10)

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