Review

Bevor sich Dario Argento einer tatsächlichen Verfilmung des Phantoms der Oper widmete, erforschte er dieses Setting mit „Opera“ bereits 1987.
Im Mittelpunkt des Films steht die Aufführung einer Opernversion von Shakespeares „MacBeth“, inszeniert von dem Horrorfilmregisseur Marco (Ian Charleson). Dieser verfremdet das eigentliche Stück sehr, lässt eine Kulisse moderner Kriegsmaschinerie auf der Bühne stehen und echte Raben umherhüpfen – also eine extrem stilisierte Inszenierung inmitten eines extrem stilisierten Films und Argento lässt kaum Zweifel daran, dass er an diesem Spielchen seine helle Freude hat, dabei auch gern mit Konventionen spielt.
Die zickige Diva, welche die Hauptrolle spielt, läuft nach einem Streit mit dem Regisseur vor ein Auto und muss verletzungsbedingt ausscheiden, weshalb die Stunde der Zweitbesetzung, der jungen Betty (Cristina Marsillach) schlägt. Trotz böser Omen (das angeblich Unglück bringende Stück, Alpträume) schlägt sie sich fantastisch, wenngleich man bereits früh den Argento-typischen Hinweis auf die Auflösung der ganzen Geschichte bekommt. *SPOILER* In diesem Falle ist der Besuch nach Bettys erstem Auftritt ein durchaus verdächtiges Moment. *SPOILER ENDE*

Jedoch geht ein Mörder um, der Leute aus Bettys Bekanntenkreis ermordet und sie zwingt dabei zuzusehen – sie selbst verschont er jedoch aus irgendeinem Grund, den es herauszufinden gilt...
Plottechnisch ist „Opera“ nicht unbedingt eine Erschließung neuer Gefilde, wenn man sich Dario Argentos vorherige Werke anschaut. Das Trauma als Tatmotiv erinnert an „Profondo Rosso“, wobei „Opera“ ein etwas komplexeres Trauma auffährt, dies aber auch bloß in zwei Sätzen erklärt, was die Auflösung leider etwas fade macht. Doch insgesamt ist „Opera“ ein spannender Mix aus Slasher- und Gialloversatzstücken, der sich zudem nicht mit zu vielen Subplots oder ähnlichen bremsenden Elementen aufhält. Gemordet wird natürlich mal wieder derbe, jedoch sind die spannenden inszenierten Tötungsszenen nie selbstzweckhaft; stattdessen treiben sie die Geschichte voran, wenngleich diese nicht unbedingt einen Innovationspreis gewinnt.
Wichtig ist jedoch – wie bei so vielen Werken Dario Argentos – die Art wie der gute Mann seine Geschichte erzählt und da ist „Opera“ wirklich famos. Auf die extreme Farbdramaturgie eines „Suspiria“ oder „Inferno“ verzichtet Argento zwar, dafür ist die Kameraarbeit mal wieder fantastisch. Blicke aus den Augen eines fliegenden Raben, Kamerafahrten durch Treppenhäuser oder der Blick in eine Pistole, die abgefeuert wird – dies sind nur einige der virtuosen Kameratricksereien mit denen „Opera“ arbeitet. Bei „Phenomena“ scheint Argento eine Vorliebe für Heavy Metal entdeckt zu haben; währen dort jedoch Iron Maiden und Motorhead zu hören waren, mucken hier mit Steel Grave und Norden Light unbekanntere Kapellen. Deren Stücke setzt Argento jedoch erstklassig ein, häufiger verlässt sich Argento jedoch auf instrumentale Mucke, zum Teil komponiert von Goblin-Mitglied Claudio Simonetti.

Jedoch hat „Opera“ einige unschöne Macken, die den Filmspaß empfindlich schmälern. Da wäre zum einen das extrem unlogische Verhalten einiger Personen in einigen Szenen. Dass es die Garderobenfrau erwischt ist angesichts deren Handeln nicht verwunderlich und selbst die Heldin hat bei der Szene in der eigenen Wohnung einen absoluten Totalaussetzer was das vernünftige Denken angeht. Das Finale ist nach dem bildgewaltigen Beinahe-Showdown im Opernhaus auch etwas schlapp, geht aber noch – im Gegensatz zur beknackten Endszene im Gras.
Hauptdarstellerin Cristina Marsillach passt in das Schema der Protagonistinnen von „Suspiria“ und „Phenomena“, muss sich jedoch nicht hinter ihren Vorgängerinnen verstecken und spielt die Hauptrolle auf wirklich hohem Niveau. Ansonsten fallen noch Ian Charleson und Urbano Barberini positiv auf, Argento-Ehefrau Daria Nicolodi hingegen hat hier einen reichlich nebensächlichen Part inne.

Ähnlich wie der im gleichen Jahr erschienene „Aquarius“ von Argento-Schüler Michele Soavi, der hier auch als Co-Regisseur beteiligt war, ist auch „Opera“ ein spannender Mix aus Slasher und Giallo, wobei Argento seinen Schüler übertrumpfen kann: „Opera“ ist eine edel gefilmte, teilweise herrlich ironische, spannende und recht blutige Angelegenheit – einzig und allein einige derb unlogische Szenen und die Standardgeschichte trüben das Vergnügen am Film.

Details
Ähnliche Filme