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Am Silvesterabend wird Jerome Martinaud, der ortsbekannte Notar eines kleinen französischen Küsten-Städtchens, von dem Inspektor Antoine Gallien auf das Polizei-Revier bestellt, um eine Aussage zu Protokoll zu geben. Dieser hatte wenige Wochen zuvor die Leiche eines vergewaltigten, achtjährigen Mädchens aufgefunden und die Polizei verständigt... und da er zuvor auch in der Nähe eines anderen Tatorts gesehen wurde, ist er für Gallien natürlich der Hauptverdächtige in der Sache. Im Laufe des Verhörs versucht der Inspektor, den unsympathischen Notar aufgrund kleinerer Ungereimtheiten seiner Aussage als mehrfachen Kindermörder zu überführen. Sämtliche Versuche, Martinaud durch Provokationen aus der Reserve zu locken, schlagen jedoch fehl und selbst als Galliens Assistent und Protokoll-Führer Belmont gegenüber dem Verdächtigen handgreiflich wird, weicht dieser nicht von seiner Geschichte ab und beteuert weiterhin seine Unschuld. Da taucht plätzlich Martinauds Ehefrau Chantal auf dem Revier auf und belastet ihren Mann schwer... Seinen Ruf als Klassiker und Geheim-Tipp in Kenner-Kreisen hat Claude Millers "Das Verhör" nicht zu Unrecht, handelt es sich hierbei doch auch heutzutage noch um einen alles andere als alltäglichen Vertreter aus der Thriller-Sparte, dem es auf ziemlich beeindruckende Weise gelingt, Anspruch und Unterhaltung miteinander zu verbinden. Komprimiert auf eine kurze Laufzeit und dafür, dass hier oberflächlich betrachtet nur recht wenig passiert, ist "Das Verhör" aber ziemlich viel Film: Neben Krimi zwischen den Zeilen auch noch Ehe-Drama und Abhandlung über das Für und Wider der Unschuldsvermutung innerhalb des Rechtsstaates, die da für jeden gelten muss... unabhängig vom Charakter und persönlicher Antipathie. In seiner Anlegung als psychologisches Kammerspiel und nur auf seine gekonnt aufspielenden Darsteller fokussiert und im Gegensatz zu der üblichen Hollywood-Ware statt von permanenter Action lediglich angetrieben von seinen Dialog-Passagen, entfaltet sich vor dem Zuschauer da eine Handlung, die dennoch von der ersten Minute an fesselnd und im Nachgang triefschürfender ist, als es zunächst den Anschein hat. Das Ganze würde in der vorliegenden Form sicherlich auch prima als Bühnen-Stück funktionieren, denn die Geschichte konzentriert sich da schnell auf das "Duell" zwischen Lino Venturas Inspektor und Michel Serraults Verdächtigem, bei dem nach und nach dessen gutbürgerliche Fassade zu bröckeln beginnt... selbst Romy Schneider als dritter großer Name hat eigentlich nur einen Kurz-Auftritt im letzten Drittel, der allerdings alles nochmal gehörig durcheinanderwirbelt. Die Frage, ob es sich bei dem Notar nun wirklich um den gesuchten Triebtäter handelt oder nicht, bleibt so lange unbeantwortet und alleine dadurch wird schon ein ausreichendes Maß an Spannung generiert. Die Denkanstöße gibt es dann im Anschluss aber noch gratis obendrauf.

8/10

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