Folgender Abschnitt stammt aus einem Essay, das ich für ein Uni-Seminar angefertigt habe. Die vorherigen Punkte behandeln die Reaktionen der Medien und die deutschen Zensurgutachten zu "Im Westen nichts Neues" von 1930/1931. Im folgenden geht es um verschiedenartige Bearbeitungen des Filmes und seine Rekonstruktion.
4. Rekonstruktion
4.1 Die Fassungen von „Im Westen nichts Neues“
Die damalige Bereiterklärung seitens der Universal, auch in anderen europäischen Ländern nur die in Deutschland freigegebene Fassung zu vertreiben, kann als Grundstein dafür angesehen werden, dass von „Im Westen nichts Neues“ bis zur Rekonstruktion durch das ZDF nahezu unzählig viele Fassungen kursierten. Die Zuschauer in Europa sahen zur Zeit des Zweiten Weltkriegs nicht etwa Lewis Milestones Film, sondern vielmehr ein Produkt nationalsozialistischer Propaganda und deutscher Zensur von 1931. Doch „Im Westen nichts Neues“ wurde nicht nur aufgrund befürchteter oder letztendlich angeordneter Zensurmaßnahmen bearbeitet, sondern auch von anderen Stellen und zu verschiedenen Zwecken. Über den konkreten Inhalt der teils neu eingefügten Szenen oder Tonsegmente (im Zusammenhang mit einer Zensur oder Aussageverfremdung des Films) ist nur wenig bekannt.
4.2 Amerikanische Fassungen im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg
Während „Im Westen nichts Neues“ in Deutschland 1931 zunächst mit einer Laufzeit von ca. 85 Minuten freigegeben wurde, ab 1933 aber bereits gänzlich verboten war, wurde der Film im Herstellungsland USA für den dortigen Markt erstmals im März 1934 verändert, indem ein zusätzlicher Vorspann integriert wurde und fast alle Schleiferszenen herausgeschnitten worden sind.
Die nächste, allerdings ungleich gravierendere Bearbeitung, fand im September 1939 statt: Der Film wurde um einen Dokumentarteil, der Hinweise und Erläuterungen zu den Entstehungs-Ursachen des Ersten Weltkriegs enthielt, ergänzt. Dies wurde zum einen durch eine Erzählerstimme aus dem Off, die den gemeinen deutschen Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg mit dem Nazi-Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg vergleicht , und zum anderen durch das Hinzufügen einer neuen Schlussszene, die eine Bücherverbrennung durch Nazis zeigt, bewerkstelligt. In dieser neuen Szene fällt unübersehbar auch Erich Maria Remarques Roman, der die Vorlage zum Film darstellt, den Flammen zum Opfer. Durch diesen Eingriff wird die Narratologie des Films massiv umgestellt; er lässt ihn als Dokumentarfilm erscheinen, während er gleichzeitig eine Wertung über das Naziregime enthält und somit die deutliche Kritik des Originals am Krieg als solchen, nicht aber an den in ihn verwickelten Menschen (die alle gleichermaßen leiden) und der dahinter stehenden Ideologie behandelte, verlagert und verfälscht.
4.3 Weitere amerikanische Fassungen
In den Nachkriegsjahren wurde „Im Westen nichts Neues“ in den USA für diverse Wiederveröffentlichungen auf zahlreiche Art und Weise bearbeitet. Neben einer alle folgenden Fassungen betreffenden Kürzung um etwa 35 Minuten wurde vor allem die Filmmusik am Schluss des Films ersetzt. Aus den traurig-tragischen Klängen des Komponisten David Brockman wurde im Oktober 1950 geradezu heitere Tanzmusik. Zur Zeit des Korea-Krieges wurden weitere dokumentarische Sequenzen aus anderen Filmen hinzugefügt und aus dem Off kommentiert sowie erneute Bild- und Tonveränderungen vorgenommen, und so blieb vom Antikriegsfilm bloß ein propagandistischer Kriegsfilm übrig, der mit Milestones Werk nur noch wenig zu tun hat.
4.4 Europäische Fassungen
Alle europäischen Fassungen basieren, wie eingangs erwähnt, auf der gekürzten und von deutschen Zensoren freigegebenen und wenig später verbotenen Fassung von 1931. In vielen Ländern wurde der Film ebenfalls verboten, nach Deutschland zuerst am 9. Januar 1931 in Österreich, wenig später aber auch in Frankreich . Inwieweit die Fassungen verschiedener europäischer Länder an Milestones Ursprungsfilm herankommen und was sie im Einzelnen vermissen lassen, lässt sich nur schwer nachvollziehen. Fest steht allerdings, dass Jürgen Labenski für seine Rekonstruktion im Auftrag des ZDF auch auf Material aus europäischen Versionen zurückgriff.
Das Aufführungsverbot für Deutschland wurde in den von den Alliierten kontrollierten Westzonen, vermutlich aus Pietät gegenüber der Bevölkerung angesichts des erlebten Terrorregimes der Nazis und dem daraus resultierenden Krieg, bis 1952 aufrechterhalten.
4.5 Rekonstruktion, Teil 1
Am 25. April 1952 wurde „Im Westen nichts Neues“ im Berliner Kino „Capitol“ erstmals wiederaufgeführt. Diese von der durch Universal für Deutschland angefertigte Originalversion zum Teil rekonstruierte und neu synchronisierte Fassung hatte eine Laufzeit von ca. 120 Minuten und wurde, nachdem das Aufführungsverbot aufgehoben worden ist, sogleich mit diesem ehemaligen Verbot beworben, um Neugier zu wecken und somit mehr Zuschauer zum Kinogang anregen zu können. Im Vergleich zur späteren Rekonstruktion (1984) fehlen in der 1952er-Fassung 14 Sequenzen, aber sie weist die gleiche, drehbuchkonforme Sequenzreihenfolge wie die spätere Fassung auf. Im Folgenden werden gravierende Abweichungen aufgezeigt.
Gleich zum Beginn des Films gibt es eine neue, einleitende Texttafel mit folgendem Inhalt:
„Dieser Film ist ein Bericht über den einfachen Soldaten des ersten Weltkrieges nach dem Roman von Erich M. Remarque. Er sagt aus über eine Generation, die vom Krieg zerstört wurde - auch wenn sie seinen Granaten entkam. Der deutsche Soldat steht hier gleichnishaft für alle Soldaten aller Nationen. Die inzwischen verstrichenen Zeiten haben "Im Westen Nichts Neues" - sowohl das Buch als auch den Film - aus der leidenschaftlichen Diskussion unmittelbaren Erlebens weitgehend in den Bereich des historischen Dokuments verwiesen. So kann der Film auch nicht Stellung nehmen zu den politischen Fragen der Gegenwart. Er bleibt jedoch für uns eine gültige Aussage über Grauen und Elend des modernen Krieges und damit eine Mahnung zur inneren Bereitschaft jedes einzelnen Menschen, für den Frieden und seine Erhaltung einzutreten.“
Diese Texttafel findet sich – allerdings in ihrer ursprünglichen Form – auch in der 1984er-Fassung wieder (siehe unten).
Zwar wurde „Im Westen nichts Neues“ in dieser Version zu großen Teilen wiederhergestellt, jedoch fehlen einige Schlüsselszenen, die die pazifistische Grundhaltung des Films und seine Anklage an den Krieg unterstreichen. Zu diesen gehören
• das Schikanieren der Rekruten durch Himmelstoß während der Ausbildung
• die Einstellung während der Bombardierung, in der Kat Kemmerich schlägt, um ihn zur Ruhe zu bringen
• ein erheblicher Teil der Angriffssequenz im Schützengraben (abgerissene Hand in Großaufnahme, die Parallelmontage von feuerndem deutschem Schützen/sterbenden Franzosen sowie Großaufnahmen deutscher Soldaten während des Grabenkampfes)
• das Zerschneiden des „Blutigen Brotes“ aus der erbeuteten Verpflegung
• Teile der Szene im Frontquartier, in der Kat über Frauen philosophiert und Familienfotos zeigt
• der größte Teil der Szene mit Paul und dem von ihm erstochenen und langsam sterbenden Franzosen Duval; auch das nächtliche Kauern im Bombentrichter und das Verlassen desselben sind verkürzt
• die komplette „Liebesszene“ mit den Französinnen im Haus
• Teile des Gesprächs im Lazarett, in das Paul eingeliefert wird
Schon an der einleitenden Texttafel ist zu erkennen, dass die Diskussion um „Im Westen nichts Neues“ und seine vermeintlich deutschfeindliche Tendenz auch 1953 noch aktuell war. Im Text wird betont, dass „der deutsche Soldat hier gleichnishaft für alle Soldaten aller Nationen“ stünde, womit diesem Vorwurf offenbar vorgebeugt werden will. Ob die nach wie vor fehlenden Szenen aus ähnlichen Gründen weiterhin weggelassen wurden, lässt sich zwar nur vermuten, aber anhand dieser Szenen wird deutlich, dass auch die 1953 angefertigte Fassung die alten Anschuldigungen, dass der Film den deutschen Soldaten als unmoralisch, feige und ohnmächtig gegenüber Vorgesetzten und Feinden zeige, zumindest unterschwellig konzessioniert. Immer noch ihrer wichtigsten Szenen beraubt, ist diese Fassung letztendlich lediglich ein Zeitzeugnis darüber, wie gesellschaftlich mit dem erst vor knapp 9 Jahren überwundenen Naziterror und Krieg umgegangen wurde – höchst vorsichtig.
4.6 Rekonstruktion, Teil 2
1984 fertigte der ZDF-Redakteur Jürgen Labenski im Auftrag seines Senders die bis heute aufwändigste Rekonstruktion der Urversion von „Im Westen nichts Neues“ an. Da er nicht auf ein komplettes Negativ zurückgreifen konnte, folgte er der Sequenzabfolge des Drehbuchs und suchte sich fehlende Segmente aus verschiedensten Ländern zusammen. Neben Teilen der französischen oder englischen Fassung dienten ihm gar Szenen der in südamerikanischen Ländern vertriebenen Version als Material. In besonderem Maße konnte er auf die Friedrich-Murnau-Stiftung zurückgreifen, die ihm bei der Anfertigung durch Archivmaterial ihrer Sammlung behilflich war. Dass diese neu erstellte Fassung geradezu zusammengepuzzelt ist, sieht man ihr an ihren oft unterschiedlichen Viragen deutlich an. Während in schwarz/weiß gedrehte Filme noch in der Anfangszeit des Tonfilms oft eintönig gefärbt wurden, um bestimmte Tageszeiten oder Handlungsorte (wie Innen- oder Außenaufnahmen) zu verdeutlichen und ihre Unterscheidung zu erleichtern, machen die unterschiedlichen Farbtöne hier keinen unmittelbaren Sinn mehr, sondern sind vielmehr ein Restprodukt der herangezogenen Filmversionen.
Der fertige Film wurde neu vertont und synchronisiert (somit also auch restauriert) und wurde anlässlich des deutschen Volkstrauertags am 18. November 1984 erstmals ausgestrahlt. In der einleitenden Texttafel heißt es entsprechend des Originals:
„Dieser Film soll weder eine Anklage noch ein Bekenntnis sein. Er soll nur den Versuch machen, über eine Generation zu berichten, die vom Kriege zerstört wurde - auch wenn sie seinen Granaten entkam.“
1995 wurde diese 131-minütige Fassung durch den Westdeutschen Rundfunk (WDR) unter Leitung von Walter Maus erneut überarbeitet und um ca. 4 Minuten erweitert. Diese Fassung wurde am Tag der deutschen Einheit, den 3. Oktober 1995, erstmalig gesendet, stellt bis heute die vollständigste und originalgetreueste deutsche Version dar und wird in unregelmäßigen Abständen in Stationen des WDR ausgestrahlt.
4.7 Weitere Rekonstruktionen
1993 rekonstruierte der niederländische Fernsehsender NL1 eine „Im Westen nichts Neues“-Fassung, die weitestgehend mit der ZDF-Fassung identisch ist. In den Niederlanden wurde sie am 6. November 1993 erstausgestrahlt.
1998 wurde die „Stummfilmvariante“ , die 1929/1930 parallel zur Tonfilmversion angefertigt wurde, restauriert. Der amerikanische Kabelkanal AMC fertigte in Zusammenarbeit mit der Filmabteilung der Bibliothek des US-Kongresses (Library of Congress) eine Version mit überarbeitetem Bild, synchronisierter Musik und neuen Zwischentiteln an. Die Tonfilmversion wurde indes auch restauriert, wobei, im Gegensatz zu 1984 in Deutschland, auf ein in den Universal-Archiven wieder entdecktes Originalnegativ der Filmrolle zurückgegriffen werden konnte . Diese komplett schwarz/weiße, also nicht viragierte Version hatte am 5. Juni 1998 bei AMC Premiere und wurde und wird in den USA auch für den Heimkinomarkt vertrieben.
Lewis Milestone, der Universal noch kurz vor seinem Tod im Jahre 1980 bat, seine ursprüngliche filmische Version wiederherzustellen (Wiedereinfügen von inzwischen 30 fehlenden Minuten und Reinstallieren der Originalmusik am Filmende) hat keine vollständige öffentliche Vorführung seines Films mehr erleben können.