Wie konterkarierend doch der Umstand ist, dass gerade Al Pacino für diesen Film einen Oscar erhielt. Die so brillante Darstellung eines Blinden. Unglaublich fesselnd, und doch mutiert der Film deswegen bisweilen zu einer One-Man-Show, die andere Darsteller – ebenfalls hervorragende Leistungen vollbringend – weitgehend ausklammert. Vielleicht besitzt der Film deswegen nicht den Status, den er sicherlich verdient, und wird insgesamt als zu berechnend und zu sehr auf Pacinos Leistungen getrimmt wahrgenommen. Durchaus waren die Kritiken zum Kinostart positiv, und das Einspielergebnis von rund 130 Mio. Dollar auch nicht zu verachten, doch den Sprung zum allgemein anerkannten Meisterwerk schaffte Brest mit seinem Remake zum gleichnamigen italienischen Film aus dem Jahre 1974, welches wiederum auf dem Buch von Giovanni Arpino basiert, nicht. In Wahrheit aber spielen die anderen Darsteller nicht gegen Pacino an, sondern mit ihm. Und das merkt man insbesondere an der Rolle Chris O’Donnels, welcher hier sicherlich eine der besten Leistungen seiner Karriere abliefert. Trotz seines jungenhaften Aussehens schafft er es in den richtigen Momenten eine innere Größe aufzubauen, durch die er sich selbst neben einem Pacino behaupten kann.
Die Geschichte des Filmes ist schnell erzählt. Der blinde ehemalige Colonel Frank Slade (Al Pacino) soll von dem Internatsschüler Charlie Simms (Chris O’Donnel) ein Wochenende lang betreut werden, welcher sich dadurch schnelles Geld erhofft. Was Simms jedoch nicht weiß ist, dass Slade ganz andere Pläne hat, die die beiden augenscheinlich grundverschiedenen Männer nach New York führt, deren Reiseende beide von Grund auf verändern soll.
Martin Brest setzt seinen Fokus ganz auf einzelne Szenen, lässt diese im Stile eines Road-Movies für sich stehen und geht erst dann gemächlich in die nächste über. Der Prolog des Filmes zieht sich somit auf über eine halbe Stunde. Gerade durch diese lange Einführung bekommt die Geschichte einen attraktiven Meta-Aspekt, wenn sich die beiden Männer im Laufe des Filmes entgegenkommen und erfahren, dass sie beide schwere Lasten auf ihren Schultern tragen und sich immer mehr eine Verbindung zwischen ihnen aufbaut, die ausschließlich aus den Problemen von zu Hause resultiert. Dies konnte Brest nur durch die verhältnismäßig lange Einführung der Charaktere vom Ausgangspunkt erreichen. Erst gen Ende nimmt er diesen Faden wieder auf und spinnt ihn zu Ende. Die Reise nach New York bekommt durch diesen Umstand den Status einer alles erlösenden Wallfahrt.
Brest schickt seine Charaktere auf eine Odyssee. Eine Irrfahrt mit erlösendem Charakter. Beide Männer suchen nach Frieden, nach Liebe, und doch sind sie mit ihren Problemen alleine. Erst nach und nach wachsen die beiden Männer zusammen, finden heraus, was sie verbindet und werden so etwas wie Freunde, deren Harmonie zum Schluss auf eine harte Probe gestellt wird.
Im filmhistorischen Kontext mag diese Ausgangslage vielleicht nicht neu sein, doch was Brest aus dem Stoff macht, kann man getrost als meisterlich bezeichnen. Szenen wie der Tango-Tanz mit einer Fremden, die Ferrari-Szene, das „Familientreffen“ oder die ausgeklügelt pointierte finale Schlussrede sind nur Sahnehäubchen auf einer genussvoll aufgetischten Sahnetorte, deren Geschmack von pikanter Pistazie ein süßliches Aroma folgen lässt. Brest verliert niemals den Faden, lässt seine Darsteller die gesamte Laufzeit von rund 150 Minuten regelrecht durch die Szenen gleiten und beweist ein unglaubliches Gespür für Timing. Thomas Newmans gewohnt hochemotionaler Score trifft ebenfalls ins Schwarze und unterstreicht die Szenen mit feinen Nuancen, die noch Jahre später bei einem „American Beauty“ Wunder wirken sollten.
Fakt ist, dass Pacino eine seiner besten Leistungen seiner Karriere abliefert. Fakt ist aber auch, dass er den Film nicht alleine trägt, sondern mit Chris O’Donnel einen kongenialen Gegenpart erfährt. Insgesamt ist „Der Duft der Frauen“ einer der besten Filme, die ich bisher sehen durfte. Selten hat mich ein Film dermaßen mitgenommen, und in so vielen Szenen zum Lachen und Weinen gebracht. Hoffnung und Hoffnungslosigkeit lagen nie näher beieinander. Für mich ein zeitloses Meisterwerk, lebensbejahend und erquickend.