Irgendwie ist es eine Schande, daß Al Pacino nach all seinen großartigen Filmen ausgerechnet für so eine taube Nuß wie „Der Duft der Frauen“ einen Oscar bekam, aber Behindertenrollen haben eben das gewisse Extra gleich dabei, das kommt halt gut.
Martin Brest, einer der ausufernsten Filmemacher in Hollywood, kann sich bei diesem Remake eines italienischen Films auch wieder nicht beherrschen und zieht den recht anregend klingenden Plot so in die Länge, als wäre reine Epik preisverdächtig.
Die Story an sich genügt für eine Handvoll Lacher und drei Taschentücher: der blinde Colonel Frank Slade engagiert einen Oberschüler für ein Wochenende in Abwesenheit seiner Familie, reist mit ihm in die große Stadt, um sich zu amüsieren und sich dann zu erschießen. Für den jungen Charlie eine Coming-of-Age-Story ins Erwachsensein, für den Colonel eine Reise in neuen Lebensmut.
Das geht natürlich nicht ohne die nötige Konflikte ab: immer wieder Reibereien, Charlie muß Slade ständig bremsen und der reißt ihn immer wieder mit. Dabei sind Pacinos Dialoge so feingeschliffen, daß man applaudieren könnte, aber er überzieht die Rolle total, daß einem spätestens beim zwanzigsten „Hoooh-Haaah“, daß er ausstößt die Schuhe auf.
Er ist so überlebensgroß angelegt, daß er den Film verklebt und Charlie-Darsteller Chris O’Donnell ist in seiner ganzheitlichen Farblosigkeit komplett überfordert, eigene Punkte zu machen.
Ansonsten ist der ganze Film furchtbar überladen. Die Exposition dauert ewig, als Charlie als Zeuge eines Schulstreichs in Gefahr gerät, sein Stipendium zu verlieren – eine Klammer, die der Film beim Showdown endlich schließt und die die Handlung immer wieder für kleine Lehrschritte unterbricht.
Sicher, Pacinos Auftritt vor der Schülerversammlung am Ende ist hochprozentig pointiert, aber sie kündigt sich bereits an, da ist Pacino noch überhaupt nicht aufgetreten.
Auch sonst gestaltet sich das über zweienhalb Stunden lange Drama bisweilen zäh wie Kaugummi, allerdings immer wieder unterbrochen von einigen wirklich feinen Passagen, wie dem finsteren Familienessen Slades, der Autonummer und einiger anderer Szenen.
Die Morallehrstunden, die nebenbei permanent erteilt werden, über Slade im speziellen und Männer im allgemeinen, sind jedoch zu zahlreich und gehen alsbald auf die Nerven.
Brest will offensichtlich große Kunst erschaffen und behängt den Film wie mit schweren Eisenketten, wo märchenhafte Leichtigkeit größere Wirkung hätte.
Die Ankündigung, Selbstmord zu begehen, kommt so oft und fortwährend zur Sprache, daß die Szene zwar hochdramatisch ist, wenn es endlich dazu kommt, aber in der Wirkung nur noch hinter sich gebracht werden will.
Der triumphale Abschluß hat natürlich einen hohen Jawohl-Faktor, aber so ganz rausreißen kann sie dieses zwiespätige Kunstwerk nicht mehr, bei dem man gefühlsmäßig schon eine ganze Menge ertragen können muß, um das wirklich schön zu finden.
Und Pacino ist zwar gut, hatte aber deutlich bessere Rollen, um dafür einen Oscar zu bekommen. (5/10)