WOW, was uns Ben Affleck hier als Regieerstling auftischt weiß in allen Belangen zu überzeugen!
Auf einem Roman basierend wurde die Geschichte um die Entführung eines Mädchens von Affleck ausnahmslos gut umgesetzt. Dass der Mann ein gutes Drehbuch schreiben kann, hat er uns ja schon bewiesen, jetzt wiederholt er dies und setzt mit einer sehr guten Regiearbeit noch einen drauf.
Die Story um eine Kindesentführung und deren Aufklärung ist gleichermaßen ein recht reißerischer Thriller sowie tiefgründiges Drama. Hauptcharakter ist der Privatdetektiv Patrick Kenzie, gespielt von Bens Bruder Casey. Dieser gibt eine wirklich gute Schauspielleistung ab. Vielleicht mag sein Mimikspiel (wie das seines Bruders) etwas steif sein, jedoch passt dieser Ausdruck perfekt zu seiner Rolle als ein sehr von sich und seiner Meinung überzeugter Mann, der es selbst unter Druck noch versteht, anderen noch mehr Druck zu machen.
Der Rest des Casts, bis hin in die kleinste Nebenrolle, wusste mir ebenfalls in allen Belangen zu gefallen. Kein Wunder auch bei einem Morgan Freeman oder einem Ausnahmecharakterdarsteller wie Ed Harris. Insbesondere Letzterer, dem hier auch eine der Hauptrollen als ermittelnder Cop zuteil wurde, gibt eine ungemein intensive Darbietung ab.
Zur Story darf man nicht mehr verraten als ich es bisher getan habe. Soviel aber sei verraten: dies ist ein Film, bei dem der Zuschauer immer am Ball bleiben muss. Aufpassen und mitdenken heißt die Devise. Überraschende Wendungen teilen den Film in 3 Abschnitte. Nach ca. einer Stunde könnte die Story ihren Abschluss gefunden haben, doch dann geht's erst richtig los, schließlich folgen noch 2 weitere Wendepunkte.
Der Thrilleranteil ist ungemein hoch! Wer glaubt, hier könnte es nicht zur Sache gehen täuscht sich gewaltig! Immer wieder kommt es zu spannungsgeladenen Situationen auf dem Wege der Ermittlungsarbeit Patrick Kenzies und seiner Freundin/Partnerin. Knallhart windet der sich ein ums andere Mal aus der vertrackten Situation. Hinzu kommen recht viele Shootouts, welche ebenfalls sehr gut in Szene gesetzt wurden. Klassische 70er Jahre Regiearbeit legt Affleck dann an den Tag, wenn er in diesen Situationen ganz bewusst auf musikalische Untermalung verzichtet und die Spannung durch die enstehende Ruhe wirklich zum Extrem pusht.
Doch Gone Baby Gone ist neben einem hervorragendem, intelligentem und extrem spannendem Thriller ebenfalls ein bewegendes Drama. Hier braucht sich der Film nicht vor dem Storytelling und der Regiearbeit eines Clint Eastwood zu verstecken. Bewusst vergleiche ich hier mit dem ebenfalls grandiosen Mystic River. Wer diesen mochte wird Gone Baby Gone ebenfalls lieben.
Zum Ende wird der Zuschauer dann wie schon in Eastwoods Million Dollar Baby in eine persönliche Stellungnahme, eine Entscheidung für zwei unterschiedliche Handlungsalternativen gedrängt. Mehr noch als unser Hauptcharakter, von dem wir auf Grund seiner bisherigen Handlungsweisen und seinem bisher zur Schau gestelltem linientreuen Charakter nichts anderes erwarten, muss der Zuschauer für sich persönlich eine Entscheidung treffen. Einfach grandios!
Das Ende bedrückt und stimmt nachdenklich, wenn Affleck den Film mit der Anklage an das Fernsehen als die moderne Supernanny ausklingen lässt.
Fazit: Gone Baby Gone ist wahrlich großes Kino geworden! Eine intelligente, extrem spannende und wendungsreiche Story mit starken, glaubwürdigen Dialogen mehrdimensionaler Charaktere gespielt von ausnahmslos guten bis sehr guten Schauspielern. Ben Afflecks erste Regiearbeit besticht zudem noch mit großartiger Bebilderung und der richtigen tonalen Untermahlung - gerade wenn dies bedeutet auch mal zu reduzieren. Dabei gelingt der Spagat zwischen Thriller und Drama genau so gut wie z.B. in Mystic River, auch wenn hier die Action-/Thriller-Komponente wesentlich höher ausfällt. Das dicke Ende in dem die Charaktere nach ihrem persönlichen moralischen Kompass handeln und man auch als Zuschauer vor eine Entscheidung gestellt wird, braucht sich nicht vor dem an der Stelle ähnlich aufgebauten Million Dollar Baby zu verstecken.
Ein in allen Belangen großartiger Film!
10 von 10