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Geradezu bedächtig geht Ben Affleck in seinem Regie-Debüt vor und versteht es doch, den Betrachter mit seinem kontroversen Stoff zu fesseln. Es sind diese starken Momente, in denen die Hauptfigur eine Entscheidung treffen muss, jene, bei denen man selbst nicht umhin kommt, diese zu bewerten und als richtig oder falsch zu erachten.
Doch so simpel macht es einem die vielschichtige Handlung um soziale Verantwortung und entscheidendes Handeln nicht.

Regisseur Affleck hat gut daran getan, seinem jüngeren Bruder Casey die Hauptrolle zu überlassen. Dieser übernimmt, mit angemessener Zurückhaltung, die Rolle des Detektivs Kenzie, der gemeinsam mit Kollegin und Partnerin Angie dem Verschwinden eines vierjährigen Mädchens im Bostoner Arbeiterviertel nachgeht.
Alles deutet darauf hin, dass ihre im Drogen-Milieu tätige Mutter Helene (Amy Ryan) Geld unterschlagen hat und der Drogen-Boss das Kind als Geisel hält, doch die Wahrheit lässt so manch beteiligte Figur in einem ganz anderen Licht erscheinen…

…und dieses Licht benötigt dann doch eine ganze Weile, was dem Betrachter durchaus Geduld abverlangt. Nicht Action oder knallharte Konfrontationen bestimmen den Grundton, manchmal schwelgt Affleck ein wenig zu detailverliebt in den Kulissen des heruntergekommenen Viertels und schmieriger Kaschemmen, um in der ersten Hälfte sämtliche Protagonisten einzubinden, sie so darzustellen, wie man es ihnen auf den ersten Blick auch abnehmen soll.
Der Onkel des vermissten Mädchens, die Mutter und ihre zwielichtigen Bekanntschaften, die ermittelnden Cops (einer Morgan Freeman, einer Ed Harris), eine pädophil veranlagte Koksfamilie und ein dunkelhäutiger Drogenboss nebst Helfern.
Nicht zu vergessen Kenzie selbst, der als Spielball zwischen den Instanzen erst nach und nach dem komplexen Spiel auf die Schliche kommt.

So wirkt das Geschehen auch eine ganze Weile wie ein etwas fader Neo-Noir, der zuweilen recht geschwätzig daherkommt und dabei nur eine schleichende Entwicklung zulässt.
Erst ab Stunde zwei kommen doppelte Böden zum Tragen, werden Finten gestreut und intelligente Twists eingebunden.
Irgendwann scheint jeder involviert, die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischen und auf moralischer Ebene werden Entscheidungen getroffen, die besonders gegen Ende eine enorm emotionale Tragweite entwickeln.

Recht und Unrecht werden in die Wagschale geworfen und geschickt demontiert, - man folgt nicht mehr dem Gesetzbuch, sondern dem selbsternannten Gesetz. Dabei trifft die Hauptfigur im Verlauf zweimal eine folgenschwere Entscheidung, gefühlt handelt er beide Male falsch, wofür er jeweils kurz darauf die Quittung erhält.
Umso mutiger die Entscheidung Afflecks, den Plot auf ein provokantes Ende zu lenken, welches viel Raum für Diskussionen lässt und zugleich emotional aufwühlt.

Einige Umwege zur Wahrheit nimmt man also gern in Kauf, wohnt grandiosen Darstellern bei, nimmt authentische, fast dokumentarisch gefilmte Schauplätze voller Atmosphäre wahr und sollte sich bei alledem nicht zu sehr zurücklehnen, auch wenn ein paar Hänger im Mittelteil ein wenig dazu einladen.
Afflecks Regie-Debüt zeugt von einem Talent, welches er auf schauspielerischer Ebene nie unter Beweis stellen konnte: In sich stimmig, intelligent verpackt und vor allem provokant.
7,5 von 10

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