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Als Schauspieler musste Ben Affleck reichlich Häme ertragen, sein Regiedebüt „Gone Baby Gone“ hingegen erntete fast durchweg Lob – und das zurecht.
„Gone Baby Gone“ beleuchtet vor allem die Schicht der weißen Proletarier Amerikas zu denen auch Privatdetektiv Patrick Kenzie (Casey Affleck) gehört, der vermisste Personen wiederauffindet. Vor allem seine Kenntnis der Straßen und seine Verbindung zu den Leuten bringen ihm Informationen, wenn er mit seiner Geschäfts- und Lebenspartnerin Angie Gennaro (Michelle Monaghan) seinem Job nachgeht. Seinen Status verdeutlicht bereits sein Wohnzimmerbüro, indem er die Eheleute Lionel (Titus Welliver) und Bea McCready (Amy Madigan) im Unterhemd empfängt.
Die beiden suchen ihn auf weil die vierjährige Tochter von Lionels Schwester Helene (Amy Ryan) entführt wurde. Patrick und Angie fühlen sich der Aufgabe nicht unbedingt gewachsen, nehmen jedoch um der Familie willen an – nicht aufgrund des großen Medienrummels. Es mag nur Zufall sein, doch in Zeiten des Falles Maddie wirkt „Gone Baby Gone“ auch ein wenig wie ein Kommentar zu der Medienlandschaft – schließlich betont der Hauptcharakter, dessen Off-Stimme den Film begleitet, dass vier Morde in der gleichen Gegend weitaus weniger mediale Aufmerksamkeit erhielten, entführte Kinder ziehen halt mehr.

Auch wenn Jack Doyle (Morgan Freeman), der Chef der Abteilung für Kindesentführung, den Fall lieber in Behördenhand wissen will, so gibt er dem Duo doch Unterstützung. Tatsächlich finden die beiden bald erste Details, die der Polizei ergingen...
Die Romanvorlage zu „Gone Baby Gone“ stammt vom gleichen Autor wie „Mystic River“ und tatsächlich wirken beide Filme in ihrer Thriller/Drama-Mixtur durchaus ähnlich. Den fatalistischen Sog, den Clint Eastwoods Film mit seiner Abwärtsspirale durchexerziert, besitzt „Gone Baby Gone“ vielleicht nicht, ist jedoch der wendungsreichere und auch uneindeutigere Film. Immer wieder findet man Szenen, in denen das Handeln des Helden von mehreren Seiten beleuchtet wird (z.B. als er jemanden regelrecht exekutiert), aber kein eindeutiges Statement abgegeben wird. Am stärksten ist hier sicherlich das Ende, das Zuschauer und Protagonisten in ein moralisches Dilemma wirft, auf das einfach keine eindeutige Antwort zu finden ist und am Ende nur die Frage bleibt, ob es nicht besser gewesen wäre, hätte sich der Held anders entschieden.
Um solche und andere Fragen aufzuwerfen und zu thematisieren geht „Gone Baby Gone“ auch recht behutsam und feinfühlig vor, gibt jeder Figur Profil. Selbst die Prollo-Mutter des entführten Kinders, die anfangs noch so eindimensional wirkt, offenbart später noch ein paar andere Seiten. Sicherlich ist die Feststellung, dass Fassaden täuschen können, eines der zentralen Themen, weshalb Affleck auch die Krimihandlung betont langsam in Szene setzt, in die er effektiv kleine Höhepunkte wie eine Geldübergabe oder eine Schießerei einbaut.

Trotz des langsamen Erzähltempos funktioniert „Gone Baby Gone“ trotzdem als ziemlich spannender Thriller, der erst nach und nach wendungsreicher wird und effektiv falsche Fährten legt. In der Mitte hängt der Film zwar ein wenig und Zeitsprung nach der Steinbruchszene wirkt etwas störend im Spannungsbogen, doch ansonsten weiß „Gone Baby Gone“ durchweg zu packen, in einigen emotionalen Momenten gar zu bewegen.
Das ist auch Verdienst der Schauspieler. Im Vergleich zum großen Bruder mag Casey Affleck der kleinere Star sein, dafür ist er aber der bessere Schauspieler und tatsächlich lebt „Gone Baby Gone“ über weite Strecken von seiner großartigen Darbietung. Michelle Monaghan kann da nicht ganz mithalten, spielt aber ebenfalls sehr gut, während Morgan Freeman das Optimum aus seiner geringen Screentime herausholt. Ed Harris ist wie so häufig eine echte Wucht in einer Nebenrolle und auch der Rest des Ensembles spielt durch die Bank weg sehr überzeugend. Dabei fällt auch auf, dass Ben Affleck passend zum Sujet des Films auf eine Überzahl glamouröser oder besonders gut aussehender Menschen verzichtet hat – selbst Michelle Monaghan kommt hier sehr alltäglich und down to earth rüber.

Trotz kleiner Detailschwächen ist „Gone Baby Gone“ ein wirklich toller Mix aus Drama und Thriller, der den Zuschauer durchweg zu fesseln weiß, eine spannende Geschichte erzählt und gleichzeitig interessante Fragen aufzuwerfen weiß.

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