Review

"Ich finde Menschen die ganz unten waren, und dann noch tiefer gefallen sind."

Ben Affleck's erste größere Regiearbeit basiert auf dem gleichnamigen Roman von Dennis Lehane, welcher darin seine fiktiven Privatdetektive Patrick Kenzie und Angela Gennaro zum vierten mal an einem Vermisstenfall arbeiten lässt.

Die vierjährige Amanda McCready (Madeline O'Brien) verschwindet spurlos aus der eigenen Wohnung, während sich die drogenabhängige Mutter Helene (Amy Ryan) mit ihrem Liebhaber Ray (Sean Malone) in einer Bar vergnügt, anstatt auf ihr Kind aufzupassen. Da Amandas Onkel Lionel (Titus Welliver) und seine Frau Beatrice (Amy Madigan) der Meinung sind, die Polizei tue nicht genug um Amanda zu finden, schalten diese die beiden Privatdetektive Patrick Kenzie (Casey Affleck) und seine Freundin Angie Gennaro (Michelle Monaghan) ein. Zusammen mit dem Polizeichef Jack Doyle (Morgan Freeman) und den beiden Detectives Remy Broussard (Ed Harris) und Nick Poole (John Ashton) verfolgen sie eine Spur in den Bostoner Untergrund und stoßen auf widersprüchliche Aussagen zwischen mutmaßlichen Tätern und dem Opfer Helene.

"Gone Baby Gone" ist ein Kriminalfall mit seichten Thrillerelementen und moralischen Aspekten.
Der Film beginnt mit einem einfühlsamen Monolog des Privatdetektivs Patrick Kenzie über seine Arbeit und sein denken darüber, passend untermalt mit melancholischer Streichermusik. Diese bedrückende Atmosphäre wird trotz tragischer Situationen im späteren Verlauf leider nicht mehr erreicht.
Die Charaktere werden nach klassischem Schema vorgestellt, die Verwandschaft des Opfers engagiert die beiden Detektive, diese ermitteln bei dem Opfer und stoßen auf polizeilische Verachtung oder Unterstützung. Und auch die Verdächtigen lassen nicht lange auf sich warten. Alle Figuren werden detailliert veranschaulicht, wobei die aufgewendete Zeit für Ermittlungen überhand nimmt.
Auffällig in der ersten Hälfte sind die derbe Aussprache, die sich passend in die Underground-Thriller Atmosphäre einfügen. Ebenso die zwielichtigen Bars und verdreckten Viertel. Leider zieht sich der erste Abschnitt ungewollt spannungs- und emotionslos in die Länge.
In der zweiten Hälfte nimmt die Spannung zu, Ereignisse überschlagen sich und plötzlich ist nichts mehr wie es noch vorher schien. Die teils unpassenden Wendungen wirken dennoch plausibel und werden im späteren Verlauf detaillierter veranschaulicht. Sogar ein paar actionreichere Elemente, wie realistisch gehaltene Schießereien und Verfolgungsjagden finden ihren Platz.
Gegen Ende gibt es erneut eine Durchhängerphase, durch viel zu groß angesiedelte Erklärungsversuche, die in einem an den Haaren herbei gezogenen Finale endet.

Für sein Erstlingswerk hält Ben Affleck die Fäden erstaunlich gut zusammen. Er vermag es Schauspieler und Charaktere eng miteinander zu verbinden und den wendungsreichen Plot in Ruhe zu inszenieren. Die Vermischung der moralischen Aspekte, wann ist es gerechtfertigt jemanden zu töten oder jemandem einen Menschen zu entreissen, fügen sich passend ein und regen zum nachdenken an.
Leider aber schafft es der Regisseur nicht eine ansprechend spektakuläre Aufmachung zu präsentieren. Der Großteil des Films plätschert wirkungslos vor sich hin, ohne eine erinnerungswürdige Komplexität zu bieten. Manche Charaktere wirken vernachlässigt und kommen etwas kurz. Zudem mag das leicht offene Ende enttäuschen.

Ähnliche Vermisstengeschichten gab es schon öfter, daher erlaube ich mir ganz frech den Vergleich zu "Running Scared". Dieser bietet zwar einen adrenalinhaltigeren Plot, wodurch ein Vergleich zu dem dramahaltigerem "Gone Baby Gone" nicht zwangsweise stattgegeben sein mag, aber bei "Running Scared" wird ein Vielfaches an Underground Flair und eine wesentlich brachialere Aufmachung geboten die ähnlich wendungsreich ist und wesentlich wirkungsvoller, emotionaler sowie mit mehr Tempo einschlägt. Daher können die dagegen blass wirkenden Bilder Affleck's, Kennern beider Filme nur ein müdes Lächeln abfordern.

Bei Namen wie Morgan Freeman oder Ed Harris erwartet man automatisch eine glanzvolle Darbietung, die von diesen beiden nur bedingt, durch zu kurz kommende Einbindung in die Geschichte oder zu bleiche Charaktere, erfüllt wird.
Neben dem gut personifizierten Patrick Kenzie durch Casey Affleck sticht vor allem Amy Ryan als drogenabhängige, verwirrte und einfältige Mutter des Entführungsopfers heraus und hat nicht umsonst eine Oscarnominierung für die beste Nebendarstellerin 2008.
Die restlichen Darsteller sind passabel bieten aber nur Durchschnittskost.

"Gone Baby Gone" bietet einen guten Einstieg sowie moralische Ansätze die zum nachdenken anregen, bleibt aber durch zu viel Leerlauf, einen zu realistischen Look und somit einer unspektakulären Aufmachung hinter den Erwartungen zurück.
Da ich von standardisierten Krimis seltenst angetan bin, vermindert dies zudem meine persönliche Meinung sowie Bewertung. Wer sich also mit durchschnittlichen Detektivgeschichten anfreunden kann, zählt 2 Punkte hinzu.

4 / 10

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