Beurteilt man den Polizeifilm "Serpico" aus heutiger Sicht, so ist es notwendig den Zeitkontext der Entstehung zu betrachten.
Al Pacino spielte "Serpico" 1973 zwischen "Der Pate" Teil 1 und Teil 2, also als er einen ersten Höhepunkt in seiner Karriere hatte. Dementsprechend erhielt er für seine Darstellung des Frank Serpico einen "Golden Globe" und war für den Oskar als bester Hauptdarsteller nominiert. Sowohl "Der Pate" als auch "Serpico" sind typische Vertreter des engagierten und anspruchsvollen Films des "New Hollywood" der 70er Jahre und die Reputation beider beteiligten Regisseure ist über jeden Zweifel erhaben.
Trotzdem ist "Serpico" deutlich weniger bekannt als "Der Pate" und erst durch die Veröffentlichung der DVD wieder ein wenig dem Vergessen entrissen worden. Dabei läßt sich die Thematik durchaus miteinander vergleichen, denn beide Filme zeigen den Hintergrund und die inneren Zwänge sogenannter "Geschlossener Gesellschaften", sei es die Mafia in "Der Pate" oder wie hier die New Yorker Polizei.
"Serpico" unterscheidet sich zu allen mir bekannten Polizeifilmen besonders dadurch, daß klassische Polizeiarbeit so gut wie keine Rolle spielt. Hier wird kein Verbrechen aufgeklärt, kein Zeuge geschützt, die wenigen gezeigten Verhaftungen gehen alle auf das Konto von Frank Serpico und es scheint dabei immer so, als wäre den Kollegen solch eine Vorgehensweise eher lästig.
Damit widmet sich der Film einem nahezu philosophischen Ansatz. Es hat immer wieder Konstellationen gegeben, die auf Basis eines prinzipiell verbrecherischen Systems bürgerliche Ruhe geschaffen haben. Die Verfechter solcher "Systeme" können durchaus damit argumentieren, daß die Polizei gerade dadurch die Kontrolle in ihrem Revier hatte, indem sie dort "Schutzgelder" abkassierte - ihr waren die Gangster bekannt, deren Taten konnien nachvollzogen werden und äußerlich wurde Ruhe bewahrt. Ähnlich funktioniert auch die Mafia, die für ordentliche Verhältnisse sorgt, so lange sich alle ihren "Gesetzen" unterordnen.
Deshalb kann man Serpicos Kameraden gut verstehen, daß sie verständnislos ,geradezu konsterniert reagieren, als er die zusätzlichen, steuerfreien Bezahlungen ablehnt. "Serpico" vermeidet dabei jede Schwarz-Weiß-Malerei - die bestechlichen Polizisten sind keine skrupellosen Monster oder rücksichtlose Egoisten, sondern sie passen sich dem bestehenden System an, das scheinbar nur Vorteile bietet. Sie erhalten eine angemessenere Bezahlung, haben weniger Aufwand bei der Verbrechensbekämpfung und die äußerliche Ordnung wird auch gewahrt.
Genauso ist Frank Serpico weder ein Held noch ein besonders überragender Polizist, er ist einfach nur ein wenig unangepaßter und individueller. Der Film zeigt sehr überzeugend, daß Serpico sich sehr wohl fühlt in der Hippie- und Künstlerszene der späten 60er Jahre und optisch ein Teil von ihr wird. Anders als heute (zumindest in New York) bedeutete das damals noch einen wesentlichen Affront gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft, besonders innerhalb der Polizei ist er damit schon von vornherein ein Außenseiter.
Interessant sind in diesem Zusammenhang immer wieder kleine private Szenen zwischen Serpico und seinen Freundinnen, die deutlich machen, daß trotz aller äußerlichen Unangepaßtheit, auch hier immer wieder der anerzogene bürgerliche Samen durchschlägt. Der Film bleibt in einer frappanten Weise selbst in den Nebengeschichten komplex und vermeidet jegliche klischeehafte Darstellung.
Aber er begründet mit dieser tiefgehenden Charakterisierung des Hauptdarstellers sehr gut, warum dieser ausgerechnet in dem Punkt der Bestechlichkeit moralisch so konsequent ist, obwohl er lange dazu braucht, um dagegen anzugehen und das trotz seiner ständig wachsenden Angst, daß ihm etwas zustoßen könnte. Dank Al Pacinos überragenden Spiels bleibt Serpico als Identifikationsfigur erhalten, indem er absolut authentisch bleibt - jegliche Übertreibungen oder Manierismen hätten sofort zur Folge, daß man als Zuseher diesen doch insgesamt eher durchschnittlichen, manchmal in seiner Moral fast nervenden Typen fallen lassen würde - gerade aus heutiger Sicht und mit Blick auf die vielen extremen Typen, die Pacino später gespielt hat, kann ich nicht umhin, seine Leistung in "Serpico" als besonders herausragend zu bezeichnen.
Extreme und polarisierende Standpunkte zu zeigen oder Typen, die das verkörpern, in den Mittelpunkt zu stellen ist immer einfacher und publikumswirksamer. Und da "Serpico" genau das vermeidet, liegt aus meiner Sicht auch darin der Grund, warum der Film heute ein wenig in Vergessenheit geraten ist - an Extreme kann man sich einfach besser erinnern...
Dabei ist "Serpico" ungeheuer spannend, aber eben nicht durch Übertreibung, sondern durch seine real wirkende Atmosphäre, die die wachsende Bedrohung spürbar macht. Und hier widerspricht Lumet auch inhaltlich dem oben geschilderten Gedanken, diese "Systeme" würden irgendwie funktionieren. New York zeigt sich als eine schmutzige, heruntergekommen Stadt und damit verdeutlicht Lumet, woran diese kranken "Systeme" letztlich scheitern - an ihrer inneren Starrheit.
Fazit : realer zeitgenössischer Polizeifilm, der auf eine wahre Geschichte aus dem New York der frühen 70er Jahre zurück geht. Lumet vermeidet jegliche Klischees und schildert Menschen, die aus ihrer jeweiligen persönlichen Situation fast zwangsläufig handeln. Durch diese fehlenden Polarisierungen wirkt der Film ungeheuer realistisch und behält dadurch auch eine weit über die geschilderte Thematik hinaus gehende Wirkung.
Lumet verdeutlicht sehr gut, auf welcher Basis solche kriminellen Systeme entstehen, warum sie so lange überleben und warum der Einzelne, der dagegen angeht, eher wie ein Störenfried und Spinner wirkt und keineswegs wie ein edler Kämpfer. Diese Sichtweise hat ihre Aktualität bis heute sicher nicht verloren.
Al Pacino als "Serpico" in einer seiner besten Rollen, gerade weil er keinen extremen Typen spielt. Leider wird dieser atmosphärisch sehr dichte Film, der notwendigerweise mehr auf Dialoge als auf Action setzt, nicht seiner Qualität entsprechend anerkannt (9/10).