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„Das ist nicht meine Art von Vergnügen...“

In Sidney Lumets New-Hollywood-Spielfilmen meldet sich immer wieder das soziale Gewissen der USA, so auch in seinem 1973, also im selben Jahr wie sein Film „Sein Leben in meiner Gewalt“, erschienenem „Serpico“ – einem Cop-Drama/-Thriller, für dessen Drehbuch die Autoren Waldo Salt und Norman Wexler die Biografie des wahren Frank Serpico aus der Feder Peter Maas‘ adaptierten. Dem Spielfilm folgte 1976 eine 15-teilige Fernsehserie ohne Beteiligung des Hauptdarstellers Al Pacino.

„Du bringst einem nichts als Unglück, Serpico!“

Der junge New Yorker Polizist Frank Serpico (Al Pacino, „Der Pate“), gewissenhaft und idealistisch, beweist seinen Vorgesetzten und Kollegen, dass es bei Verhören nicht der Folter darf, sondern dass es auch auf die sanfte Tour funktioniert. Er sympathisiert offen mit der Hippiebewegung und ermittelt nach seiner Versetzung zur Kripo verdeckt im Drogenmilieu. Jeglicher Korruption verweigert er sich entschieden – womit für seine durch die Bank weg bestechlichen Kollegen das Maß voll ist. Während Serpico das korrupte System durchschaut und die Erfahrung machen muss, dass die staatliche Exekutive den Verbrechern, die sie überführen soll, in nichts nachsteht, versucht man, das schwarze Schaf, den Nestbeschmutzer, loszuwerden…

„Wer traut schon einem Bullen, der nicht bestechlich ist?“

Lumet lässt den Film unmittelbar damit beginnen, dass Frank Serpico niedergeschossen wurde, und montiert anschließend Rückblenden, beginnend mit Serpicos Vereidigung. Daraufhin lässt man seine Karriere Revue passieren: Anfänglich ist Serpico jung, naiv und pflichtbewusst, sein erster Einsatz konfrontiert ihn mit einer Vergewaltigung. Er wird Zeuge, wie seine Kollegen Verdächtige bei Verhören foltern, während er auch ohne unverhältnismäßige Gewaltanwendung Erfolge verbuchen kann – und dafür eine Rüge fürchten muss und für schwul gehalten wird.

„Das ganze Scheißsystem ist korrupt!“

Nachdem Serpico sich zur Kripo hat versetzen lassen, kommt er mit einer netten Freundin zusammen, soll sich fürs neue Revier jedoch Bart und Haare abschneiden. Er setzt durch, dass er für „mehr Kontakt zur Straße“ so bleiben darf, wie er ist, wird jedoch auch im Rahmen seiner neuen Tätigkeit mit Geklüngel und Korruption konfrontiert, soll gar selbst bestochen werden. Nachdem er von Schutzgelderpressungen durch Polizisten Wind bekommen hat, ermittelt Serpico quasi inkognito unter den Kollegen für den Commissioner, von dem er jedoch nichts hört – und selbst der Bürgermeister will von alldem nichts wissen. Er trifft auf eine Wand des Schweigens, an der er zu verzweifeln droht. Äußerlich sieht er mittlerweile wie der schlimmste Hippie aus, seine erste Freundin hat er an einen Heiratswilligen verloren und seine aktuelle Beziehung leidet unter seinem Frust.

Als Serpico einen Mafioso verhaftet, glaubt dieser, er mache nur Spaß und nimmt die Situation nicht ernst. Bedarf es eines größeren Beweises dafür, wie stark die Polizei längst mit der Mafia verstrickt ist? Der Commissioner will schließlich, dass die Abteilung sich selbst untersucht… Serpico gerät derweil in Lebensgefahr, als er vor Gericht aussagt, dessen Verhandlung ebenfalls zur Farce gerät. Nachdem Serpico in Manhattan die gleichen Erfahrungen wie zuvor in der Bronx gemacht hat, sieht er seine letzte Chance darin, die Presse einzuschalten. Nach Erscheinen des Leitartikels in der New York Times wird er quasi strafversetzt, und was dann passiert gerät zur Ausgangssituation für den Prolog vor Beginn der ausgedehnten Analepse. Die Einrichtung einer ständigen Untersuchungskommission wird am Schluss als Lösungsvorschlag und Hoffnungsspender präsentiert.

Die Zuschauerinnen und Zuschauer haben an dieser Stelle einen mit rund 130 Minuten Lumet-typisch überlangen Film hinter sich, der vielleicht hier und da Straffungspotential geboten hätte. Dies fällt jedoch kaum ins Gewicht, da es Pacino unter Lumets Regie perfekt gelingt, Frank Serpico menschlich und authentisch darzustellen, nicht als glänzenden Helden, sondern als einen normalen, makelbehafteten Menschen, der die seltsame und verstörende Erfahrung machen muss, mit seiner eigentlich ganz normalen Dienstauffassung wie ein Aussätziger und Fremdkörper behandelt zu werden. Das New York der 1970er ist ein echter Hingucker, die urbane Atmosphäre wunderbar eingefangen. Etwas Humor lockert die Handlung hin und wieder auf, beispielsweise beim Testen von Marijuana-Zigaretten. Und die Zeit, die sich Lumet nimmt, hilft, den Menschen Frank Serpico besser kennenzulernen und verstehen zu können.

Serpico war der erste Polizist in der Geschichte des NYPD, der es wagte, gegen die Polizei auszusagen – ein Akt, der bis heute fälschlicherweise als Denunziation und Nestbeschmutzung auch innerhalb der deutschen Polizei gilt. Doch nicht nur dieser Umstand, auch das System, innerhalb dem dieser Schritt Serpicos notwendig wurde, ist beunruhigend: Die Polizeibehörde erscheint hier nicht als Gegner mafiöser Kriminalität, sondern als Mitspieler und Profiteur. Und auch, wenn sich seit diesen Ereignissen einiges geändert haben mag, ziehen sich demokratisch vermeintlich legitimierte und exekutiv durchgesetzte Macht und Einflussnahme von Familienclans bis heute wie ein roter Faden durch die USA. Bestes jüngeres Beispiel: Wie Rudy Giuliani als New Yorker Bundesstaatsanwalt und späterer Bürgermeist die Interessen des Trump-Clans gegen andere Mafiaorganisationen vertrat, Donald Trump den Weg bis zur US-Präsidentschaft (!) freizuboxen half und sich aktuell nach dessen Abwahl an Rechtsbeugung und Delegitimation demokratischer Prozesse versucht.

Frank Serpico, der in diesem Film mit Wollmütze und Bart Pate für die italienische „Superbulle“-Krimikomödienreihe um Tomas Milian stand, gebührt für seinen Einsatz ebenso Dank wie Sidney Lumet für dieses filmische Denkmal, das er ihm gesetzt hat.

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