Review

Woody Allens Abschluss seiner mit Match Point und Scoop begonnenen London-Trilogie überzeugt in der erzählerischen Umsetzung seines Schuld-und-Sühne-Plots nicht vollends, bietet aber mit guten Darstellern, die eine durchaus spannend zu verfolgende Charakterentwicklung portraitieren, letztlich doch einen guten, sehenswerten Film. Das ist für viele Fans des Meisters zwar nicht unbedingt genug, eine vom Gesamtwerk losgelöste Betrachtung sei Cassandras Traum jedoch gestattet.
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Die Brüder Ian und Terry kommen in ihren Leben nicht wirklich vom Fleck. Ian hält sich im Restaurantbetrieb seines Vaters für vergeudet, Mechaniker Terry wandelt mit seiner Spielsucht auf risikoreichen Pfaden. Was Bildungsstand und Ambitionen angeht, sind die beiden grundverschieden, Regisseur und Drehbuchautor Allen definiert sie allerdings nicht über ihre Gegensätze, sondern zeigt sie in der ersten Szene bei der Verwirklichung eines gemeinsamen Traums, dem Erwerb eines Segelbootes. Die enge Bindung und der Familiensinn der Brüder wird so unmissverständlich und glaubhaft klar gemacht. Wenngleich der Spiel- und einigen anderen Süchten verfallen ist Terry derjenige, der mit einer gewissen Aufrichtigkeit zu sich selbst und seinem Leben irgendwo zwischen Mittel- und Unterschicht steht, wohingegen Ian sich schon mal einen flotten Flitzer aus der Werkstatt seines Bruders borgt, um bei einem Date Eindruck zu schinden. Als er eine luxuswillige Theaterschauspielerin mit Autopanne kennenlernt, steigert sich Ians Verhalten zum reinen Fremd- und Selbstbetrug. Im festen Glauben an eine große Zukunft als Hotel-Investor in Kalifornien benötigt er dringend einen Batzen Geld, um ins Geschäft einzusteigen. Terry, aus einem beachtlichen Pokergewinn soeben einen immensen Verlust gemacht, und Ian wenden sich an ihren reichen Onkel Howard, der es im Ausland zu Reichtum gebracht hat und die Familie in London besucht. Er hilft den Brüdern - wenn sie ihm im Gegenzug einen Gefallen tun...
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Mit einem symbolisch aufziehenden Gewitter untermalt Allen die monströse Bitte des Onkels, der von seinen Neffen nicht weniger, als die Beseitigung eines Geschäftspartners verlangt, der vorhat, brisante Informationen über Howards Geschäfte an die Öffentlichkeit zu bringen. Besonders der labile Terry möchte davon nichts wissen, Ian genügt hingegen eine schlaflose Nacht, um zur Verwirklichung seiner Träume moralische Bedenken über Bord zu werfen. Den Weg bis hin zum Mord pflastert Allen mit vielen Gesprächen der Brüder, in deren Verlauf Ian mehr und mehr seiner Selbstsucht anheim fällt, Terry wiederum zwischen Entschlossenheit und Gewissensbissen schwankt.
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Entgegen einiger Logiklöcher, so nimmt man es Tom Wilkinson als Onkel Howard nicht wirklich ab, dass ein offensichtlich in  finstere Machenschaften verwickelter Geschäftsmann keine ‚professionelle‘ Hilfe zur Beseitigung seines ‚Problems‘ anzuheuern weiß, entwickelt sich ein starkes Psychogramm. Ewan McGregor steigert seinen Ian in eine beinahe dämonische Skrupellosigkeit, Colin Farrell driftet überzeugend in Depression und Wahn ab (wenn auch manchmal etwas arg weinerlich).
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Eine Vielzahl wichtiger Ereignisse werden in Cassandras Traum nicht gezeigt oder aufgedeckt, manche Szenen werden nicht zu Ende geführt, stattdessen folgen die Auflösungen nur in Form von anschließenden Gesprächen. Dies führt dazu, dass man zu Anfang nicht genau weiß, woran man ist, wenn etwa Terry zunächst beim Pokern als Verlierer gezeigt wird, in der folgenden Szene aber Ian von einem Gewinn erzählt, der der Pechsträhne folgte. Das Aussparen einiger essentieller Momente hält den Film zwar auf der einen Seite einigermaßen spannend, was den Fortlauf der Story angeht, dient Allen letztlich aber auch dazu, die Handlung, die spätestens ab ihrem Wendepunkt (dem Mord) nicht mehr viel zu bieten hat, zu dehnen, indem sich eben einfach über Ereignisse immer wieder im Nachhinein unterhalten wird, statt ihr Passieren abzubilden. Außerdem wird so eine Unvorhersehbarkeit vorgegaukelt, die der Film aber nicht einhält. Die Technik des Aussparens wird bis zum Ende beibehalten und auch bei der Schlusssequenz konsequent angewandt. Bis dahin sind und bleiben es McGregor, Farrell und in seinen wenigen, aber gewohnt ausdrucksstarken Auftritten Tom Wilkinson, die das parabelhafte Konstrukt am Laufen halten. Hayley Atwell gefällt zudem als Angela, die durch ihre leicht extravagante, zugleich offen charmante Art Ian locker um den Finger wickelt und für ihn immer wieder Argument und Rechtfertigung ist. Sally Hawkins als naive, dabei grundehrliche Frau an Farrels Seite nervt manchmal ein wenig, aber spielt die undankbarere Rolle trotzdem überzeugend.
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Cassandras Traum ist also vor allem als ansehnlich ausgearbeitetes und dargestelltes Charakterstück zu empfehlen, dem es streckenweise an erzählerischem Einfallsreichtum mangelt. Ein im wohlwollendsten Sinne 'guter' Film, was eben auch wenn (und weil!) der Regisseur Woody Allen heißt, genügt.
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