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Seltenerweise und seltsamerweise mit zwei Männern in Führungspositionen besetzt, mit Farrell und McGregor, im Beisammensein gegen die Frauenwelt, wird sich hier getragen von erhabener Musik und der Kamera von Vilmos Zsigmond in die Sphären der Männlichkeit begeben, eine Schönheit gesucht, ein Boot heraufwollend, kaufen wollend, ein Schnäppchen gemacht, gefeilscht bis zum Ende, den Preis drückend und trotzdem über ihre Verhältnisse. 6000 will der Vermittler, er hat auch andere Interessenten, kein Wunder, die beiden jungen Männer sind begeistert von dem Stück, haben aber schlichtweg das Kapital nicht, einer kommt mit 800 an, das ist ein bisschen wenig. In eine andere Gegend, auf anderen Pfaden begibt sich Allen hier anfangs, Arbeitermilieu, viel gerackert, wenig verdient, die übliche Leier, hier aus einem anderen Blick, einem anderen Spannungsfeld aus gesehen:

Die Brüder Terry [ Colin Farrell ] und Ian Blaine [ Ewan McGregor ] leben in Südlondon. Ihr Vater Brian [ John Benfield ] betreibt ein Restaurant, und ihre Mutter Dorothy [ Clare Higgins ] lehrte ihre Söhne, zu ihrem Onkel Howard Swann [ Tom Wilkinson ] aufzuschauen, einem erfolgreichen Schönheitschirurgen und Geschäftsmann, welcher Kliniken in der Schweiz, den USA und seit kurzem auch in China eröffnet hat. Terry ist spielsüchtig und stürzt seine Schulden immer tiefer in die Tiefe. Ian möchte in Hotels in Kalifornien investieren, um sich ein neues Leben mit Angela Stark [ Hayley Atwell ] zu finanzieren. Bei einem Besuch von Howard fragen sie ihn um das nötige Geld, allerdings möchte er eine Gegenbedingung dafür.

Am Hafen wird verhandelt, an der Marina, die Hälfte von den 800 hat man beim Zocken gewonnen, der andere Mann, der Kumpel könnte etwa das Gleiche zu beitragen, möchte aber noch andere Geschäfte machen, keinen Blick in gänzlich leere Kassen haben. Beratschlagt wird sich, veranschlagt Gewinn und Nutzen und Kosten, über eine Leihgabe nachgedacht und spekuliert, an die eigene Kindheit und das Boot, den Kahn von damals gedacht, ähnlich dem ihres Onkels, es geht hier um Freiheit und Bewahrung des Frohsinns und der Jugendlichkeit, des Zurückholens der Unbeschwertheit, "War das ein Sommer!". Der Rest der Familie ist nicht begeistert von den Flausen, das Boot ist gebraucht, es kostet Reparaturen, es zieht Kräfte von anderen Dingen ab, die die 'Erwachsenen' für weitaus wichtiger halten, jetzt und in der Zukunft, nicht in die verträumte Vergangenheit, es wird ein bisschen lauter, ein wenig diskutiert nicht nur am Steg, sondern auch später beim trauten Zusammensein. Die Arbeitergesellschaft hier, das 'Unterschichten' oder eher Blue Collar Milieu hier hat den sagenumwobenen Onkel Howard, die Jungs haben davon geschwärmt, die Mutter tuts ihnen gleich, nur der Vater ist empört, er hat mit den Händen und dem Körper gearbeitet, nicht mit dem Kopf, nicht studiert, keine Kliniken auf der ganzen Welt eröffnet und geführt; es begeistert ihn nicht, er ist nicht davon gerührt, eben nur empört. Ein Streit beim Sonntagsessen ist hier gang und gäbe, ist Usus, es wird auf die Familie geschworen, es wird das Boot gekauft, man hat wieder gezockt, nicht Lotto, sondern Pferdewettrennen, es wird blank gewienert und repariert und getauft und ein Segeltörn schon geplant, mit weiblicher Begleitung, einer Freundin und einer Art Zufallsbekanntschaft.

Von der Marina aus geht die Reise los, die Kamera begleitend vom Hafenbecken aus, dann zu hoher See, durch das Wasser gerauscht, der Wind ausgenutzt, der Anblick willkommen, Bonnie & Clyde (1967) zitiert, "Ist das Leben nicht schön?", es wird erzählt statt philosophiert, ganz alltägliche Konversation und Kommunikation betrieben, Interaktion mit gleichaltrigen vom anderen Geschlecht, mal zum Angeben, mal zum Ausführen, mal als Gunst und mal als Beweis der Liebe. Dass es mit Bonnie & Clyde nicht gut ausging, es kein gutes Ende nahm, wird hier auch erwähnt, noch ist aber alles im Lot, der Boot gleitet durch die hohe See, das Schauspiel locker bis hemdsärmelig, ebenso die Regie, begleitend, nicht in den Vordergrund drängend, aber die Augen und Ohren offen haltend, eine Präsenz aus dem Hintergrund heraus, ein schlichtes und doch schweres Erzählen. Träume sind Schäume hier, man hat höhere Ziele, einer will bleiben, einer will nach Kalifornien oder in die Karibik, es geht erstmal nur rauf auf das Wasser oder in die Lande, die Provinz, an einen See, dort mit Auto angereist, ein Ausflug in die Natur, ein Picknick, auf der Rückkehr fällt etwas auf, eine gestrandete Fahrerin, die erste Aufmerksamkeit im Blickfeld, ihr Anblick speziell, es hat McGregor gefangen und in Bann gezogen, ihm nicht zu verdenken, es wurden nicht nur Blicke, sondern auch Namen und neue Treffen ausgetauscht. Nicht zu beneiden ist hier der Vater, er ist nicht gut drauf, er redet immer nur von früher, von seinen guten Zeiten, heute nicht mehr wirklich zu gebrauchen, außer zum drüber lästern und zum Streiten, zum Naserümpfen, als verbale Begleitung. In alte Fotoalben wird geschaut, zu dritt, zu viert, sich an ehedem erinnert, an Anno Puff und Anno Tobak, an früher, früher, früher, dann wieder Onkel Howard als Retter der Familie erwähnt, über einen Nicht Anwesenden gesprochen, die hohe Kunst des Lebens.

"Wie heißt es in dem Gedicht? Das einzige Schiff, was todsicher einläuft, hat schwarze Segel.", ein böser letzter Satz während einem Familiengespräch, einer der Brüder soll es im Körper haben und einer im Geiste, aus beiden ist nicht wirklich etwas geworden, sie kommen nach ihrem Vater, nur dass sie Onkel Howard umwerben und umschwärmen statt über ihn zu toben. Wie gewonnen so zerronnen hier, mal ist der Wetteinsatz wieder drin, mal nicht, die Bank gewinnt letzten Endes immer, es wird mehr gezeigt von London als in Scoop - Der Knüller (2006), es wird in andere Stätten gegangen und hinter die Kulissen, auch mal ein Theaterstück besucht, auf Einladung, es geht um das Schlechte und das Schicksal, in dem Werk, und in der Wahrheit, vielleicht, auf Gut Glück probiert, nicht nur in Wetten, sondern auch in anderen Phasen, der Erfolg kommt in Wellen, laut Farrell hier, er versucht auch etwas, eine Immobilie in Augenschein genommen, weit draußen in den Vororten. Farrell spielt das verletzlich, verletzlicher als McGregor, beide sind in der Initiative, auf ihre Art und Weise, einer setzt aber viel, der andere geht auf Nummer Sicher; Allen hält das zeitlos zuweilen, manchmal in der Vergangenheit schwelgend, dann wieder im Dasein, viel herum kommend in der Gesellschaft, in der Öffentlichkeit, auch Bettszenen eingefügt, sonst immer nur davor oder danach oder währenddessen darüber geredet. Einer hat eine feste Freundin, mit ihr die Zukunft geplant, der Andere rutscht gerade in eine Art Affäre, ein Traum noch gelebt, zwischen Mitgefühl und Wut gehalten, beides kleine Nummern eigentlich, dann ordentlich in der Bredouille, ins Dilemma geraten, zu hoch gepokert, zu hoch verloren, die Blitz schlägt selten zweimal an der gleichen Stelle ein. Zum Geburtstag der Mutter sehen die beiden Jungs aus, als tragen sie die Last der Schultern auf der Welt, immer abhängig von Anderen, von Onkel Howard, dazu Trinken und Spielen als die Lösung der Probleme des Lebens.

Viel geht hier den Bach hinunter, in mehrerlei Dingen, vom Boot wird dann nicht mehr gesprochen, auch nicht mehr gezeigt, "Cassandras Traum", eine kurze Auszeit, auf größer gemacht, als man es sich leisten kann. Um Kapitalismus auf andere Art und Weise geht es hier, um Familie, um Bruderschaft, um 'Blut ist dicker als Wein', es wird offenbart und gebeichtet, der Onkel als Kurzbesuch, um Geld angepumpt und auf Knien angekrochen kommend, es wird Schaumschlägerei betrieben, Luftschlösser gebaut, es wird sich entblößt vor dem Bruder des Vaters, es donnert, es fängt an zu regnen. Allen hält die Gespräche für seine Art und Weise knapp und knapper, es wirkt gar nicht wie ein typischer Film von ihm, er erweist sich 'bloß' als geschickter Filmemacher, er zeigt die Männer in Schwierigkeiten, mittlerweile derer drei an der Zahl, alle in Risiken eingegangen, die Grundsätze infrage gestellt, alle drei mit dem Rücken zur Wand, "Er will, dass wir ihn umbringen!", ein Bewegen auf unbekannten Terrain, ein Crime angedacht, die Tragweite ausbreitend in die schiere Unmöglichkeit, die Grenzen gebogen, nicht brechend, ein Tag der zerschlagenen Hoffnungen, für alle drei Beteiligten.

Ab dem zweiten Drittel ist die Katze aus dem Sack, man steht vor einem Problem, es wird an die Gelegenheit herangegangen, ein Thriller (ähnlich zu Tödliche Entscheidung – Before the Devil Knows You’re Dead, 2007) mit leisen Tönen, mit längeren, ruhigen Einstellungen, mit beiden jungen Männern im Blick, oft zusammen, selten einzeln. Die Brüder sind unterschiedlich, eine unterschiedliche Männlichkeit gezeichnet, um richtig oder falsch gestritten, alles durch das Mikroskop betrachtet, die Kleinigkeiten im Augenschein, sich das Opfer mal unter Beobachtung gezogen, es gibt wenig tröstliche Antworten und viele drängende Fragen, zwischendurch wird geblufft und gleichzeitig Schwäche und wenig Stärke gezeigt, man hat nur drei Wochen Zeit für den Job; die eingespielten Szenen aus dem Theaterstück geben dem Film eine zweite Ebene, neue Metaphern und Analogien, eine wunderbare Verdorbenheit, "Arbeiterklasse, aber Klasse", und: "Was haben denn die Herren hier soviel zu bereden? Plant ihr etwa ein Attentat?"

Charaktere sind die Stärke des Filmes, beide Brüder gleich wichtig, die Frauen weniger, sie sind mal da und mal nicht, auch der Rest der Familie wird nur bei Gelegenheiten gezeigt, Farrell und McGregor tragen das Werk auf ihren Schultern, sie haben die Belastung und den Auftrag, dies zu ändern, den Kurs zu wechseln und auch mal gegen den Wind zu segeln,, sich komplett anders als bislang zu geben und darzustellen, Grenzen zu überschreiten, allein schon der Gedanke daran ist für Beide abschreckend genug, das Ausbaldowern erst recht, obwohl man sich noch auf der theoretischen Fährte befindet, ein Gedankenspiel, nicht so überzeugend wie in Irrational Man (2015), wo man aufblühte und das Leben wieder genoss, während man den 'Abgang' eines anderen Menschen plante, hier ist man aus anderem Schrot und Korn; und die Frist wird kürzer, "Heute Abend, geht klar.", ein Thriller erzeugt, mit Motivationen und Stärken und Schwächen der Handelnden als Füller. Dabei lässt man sich Zeit für seine Personen, ihre Zeichnung, die Umstände, die Situation, die Nachfragen, "Was ist, wenn es einen Gott gibt?", "Was ist, wenn wir zu zornig waren?", das Herz pumpt, "Ach, Terry, wir sind am Arsch.", das große Thema Leben, Egoismus, Eigenleben in einem Satz zusammengefasst, die Stränge zusammengeführt, das Wesentliche zusammengerafft.








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