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Ceder und Mordio schrien die amerikanischen Verleihe, als sie "Lolita" zum ersten Mal zu Gesicht bekamen. Der Film sei reine Kinderpornografie, hieß es und keiner dort wollte den Film haben. Das dürfte wohl einer der Gründe sein, warum "Lolita" nur ein Bruchteil seiner Produktionskosten von 58 Mio. $ an der Kinokasse einspielte. Dabei hat man in Europa schon wesentlich explizitere Erotik-Szenen im Kino bewundern können. Man denke bspw. an "Intimacy" oder "Romance". Aber das Thema der amerikanischen Prüderie tritt angesichts dieses stilsicheren Werks von Erotikfilmer Adrian Lyne ("9 1/2 Wochen") in den Hintergrund. Zwar kann sich diese Verfilmung des Skandal-Romans von Vladimir Nabokov nicht mit der von Stanley Kubrick messen, aber der Film wurde zumindest äußerst sinnlich inszeniert.

Zur Story: Den Lehrer für französische Literatur Humbert (grandios: Jeremy Irons, "Die Affäre der Sunny von B.") verschlägt das Angebot einer Anstellung nach New England. Dort kommt er bei Charlotte Haze (Melanie Griffith) und deren Tochter Dolores (Dominnique Swain) - Spitzname Lolita - unter. Er verliebt sich in das verführerische aber launische Gör. Als Charlotte stirbt, begibt sich Humbert auf eine lange Reise mit ihr, seiner großen Liebe, mit der er auch das Bett teilt. Doch eines Tages verschwindet sie beinah spurlos. Das Wiedersehen soll in einer Trägödie enden...

Neben der exquisiten Bebilderung des Films durch Kameramann Howard Atherton überzeugt vor allem die zwischen Wehmut, Tragik, Passion und Momenten des (Liebes-)Glücks schwebende Filmmusik, die von keinem Geringeren als Komponist-Virtuose Ennio Morricone ("Spiel mir das Lied vom Tod") geschrieben wurde. Sie spiegelt perfekt die Klaviatur der Gefühle des von der Liebeskrankheit gemarterten und dennoch leidenschaftlichen Protagonisten Humbert wider. In dessen Rolle gibt Jeremy Irons eine Glanzvorstellung und rührt durch sein intensives, manifestes Spiel in dem sonst etwas zu behäbigen Film beinahe zu Tränen. Dominique Swain spielt die frühreife Nymphe im Rollenkonflikt zwischen Kind und Verführerin, Tochter und Ehefrau, Gespielin und Hure mit all ihren launischen Macken und naivem Charme ebenso sehr glaubwürdig. Einzig Melanie Griffith und Frank Langella gehen - auch ihrer recht kurzen Auftritte wegen - etwas unter.
Obwohl der Film gelegentlich mit ein paar sehr sinnlichen Erotikszenen aufwartet, bleiben selbige doch eher suggestiv und verdienen wahrlich keinen Vorwurf der Kinderpornografie. Leider ist "Lolita" etwas zu lang geworden, so dass insbesondere der Mittelteil des 2-stündigen Films einige Längen und soviel melodramatische Belanglosigkeiten aufweist. Des öfteren irritiert der Film durch abseitigen Humor, der unterstützt durch ungewöhnliche Kamerapositionen zuweilen beinahe groteske Züge annimmt. Zu zum Beispiel der "Showdown" bei dem Pädophilen, welcher fast schon opernhaft überhöhte Züge aufweist und durch seine konstruiert wirkende Dramatik überdimensional daherkommt. Doch dafür stimmt das wehmütige und schließlich tragische Ende versöhnlich.

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