Review

Adrian Lyne, für mich ja ein Gehimtipp unter den vielen großen Filmemachern, wagte es 1997, den Skandalroman von Vladimir Nabokov nach Stabley Kubrick ein weiteres mal zu verfilmen. Auch wenn ich damit vermutlich wieder mal alleine stehe, gehört „Lolita“ auf jeden Fall in meine Top 10 der besten Filme aller Zeiten (ja, ihr habt mich erwischt). Das liegt nicht nur an dem fantastisch guten Auge für filmische Interpretationen, sondern auch an den Hauptdarstellern und dem kosmetischen Drumherum.

Ich kann voll und ganz das Klagen so mancher Reviewautoren verstehen, die den Film als zu lang und den Mittelteil dementsprechend als zu langweilig empfunden haben. Für Lynes Neuinterpretation des Klassikers muss man auf jeden Fall Zeit mitbringen und sich definitiv darauf einstellen, nicht notwendigerweise viel Kurzweil zu erfahren. Der Film hält zwar einen bestimmten Spannungsgrad, da er an gewissen Stellen immer ein semi-mysteriöses Unheil aufblitzen lässt und zudem die systematische Zerstörung des Hauptdarstellers immer spürbarer wird, doch insgesamt passiert eben nicht unbedingt sehr viel. Keine Actionszenen, keine Nägel kauenden Thrillerelemente, keine übersteigerte Dramatik. Macht aber nichts, denn „Lolita“ hat das alles gar nicht nötig. Das intensive, emotionale Spiel der beiden Hauptdarsteller reißt einen nämlich unheimlich mit und schnell merkt man, wie sehr man gefühlsmäßig in der Sache drinsteckt. Der ursprüngliche Theaterschauspieler Jeremy Irons übertrumpft natürlich alles, doch auch die absolute Debütantin Dominique Swain überzeugt in ihrer schwierigen Rolle als verführerische junge Göre auf ganzer Linie.

Der Film bedient sich ausschließlich aus dem Subtilen und schockt nur gegen Ende hin mit einer recht hart ausgefallenen Gewaltszene, die durch das bizarre Spiel von Frank Langella (in der Rolle des Opfers) schon fast verstörende Formen annimmt. Ansonsten geht es jedoch sehr unterschwellig zu, und das in jeglicher Beziehung. Die Erotik wird nur angedeutet (was jedoch nicht heißt, dass „Lolita“ nicht sehr erotisch ist!) und sucht mehr ihren Platz in der Imagination des Zuschauers. Die Bilder sowie die Begleitmusik (einmal mehr ultragenial natürlich von Score-Legende Ennio Morricone) schwelgen auf dezentem, sehr stimmigen Niveau und versorgen das Publikum sowohl mit Harmonie als auch in manchen Szenen mit Unbehagen. Die Stimmungen schwanken, dennoch liegt die Betonung deutlich auf dem allmählichen Fall des Pärchens in den Untergang. Da eine solch unmögliche Beziehung in der Gesellschaft (1947) keinen Platz hat, sind die beiden eines sehr großen Filmteils über ständig auf Reisen, sodass „Lolita“ neben viel Kammerspiel auch zu einem großen Teil als Roadmovie durchgeht. Egal jedoch wo die Kamera gerade ihre Linse hinhält, Stimmung ist mehr als genug vorhanden und begibt sich prompt auf das gleich Niveau wie die Hauptdarsteller mit ihrem bestechenden Spiel. Romantik wir groß geschrieben von Adrian Lyne, aber Beschönigung findet keinen Platz in seinem Gesamtwerk. Man ist so hin- und hergerissen zwischen Faszination und Abscheu, Romantik und Tragik und Harmonie und Unheil, bis das Unheil am Ende zur stillen, verschwiegenen Konklusion kommt und man ohne sich schämen zu müssen das Taschentuch auspacken kann...allerdings nicht vor Freude.

Für mich ein Meisterwerk, klarer Fall. An der Kinokasse ein Flop, von der Kritik der Fachpresse zerrissen, für mich jedoch nicht. Ein schweres Stück Literaturkino bleibt es aber zugegebenermaßen. Melancholisch-fatale Stimmung, lange Passagen ohne Highlights, viel abgeforderte Geduld bei Zuschauer. Aber insgesamt für ausdauernde Cineasten ein emotionales Fest und filmischer Höhepunkt der Literaturmsetzungen. Muss niemand notwendigerweise gesehen haben, aber wer für das Genre etwas übrig hat, sollte „Lolita“ gesehen haben. Selbstverständlich ist das Buch besser, aber ich vergleiche so ungern Äpfel mit Birnen.

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