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Ich kenne zum jetzigen Zeitpunkt weder die Erstverfilmung von Kubrick noch die Literaturvorlage, kann insofern also keine Vergleiche ziehen oder die Werktreue von Adrian Lynes Drama aus dem Jahre 1997 beurteilen. Möglicherweise ist dieser Umstand aber auch von Vorteil, um Lynes Interpretation als eigenständigen Film betrachten zu können. Ich stelle es mir unheimlich schwierig vor, sich dem Thema der verbotenen Liebe zwischen einem erwachsenen Mann und einer „Femme fatale“ in Form einer 12-jährigen, frühreifen Nymphe filmisch zu nähern, ohne dabei ins Moralistische oder, als anderes Extrem, ins Sleazig-Exploitative abzudriften. Daher empfinde ich Lynes „Lolita“ als gewagte Gratwanderung – die zu meiner Überraschung sehr gelungen ist. In hervorragenden, künstlerisch ausgeleuchteten Kameraeinstellungen und atmosphärischen Bildern wird die Geschichte von Liebe und Sehnsucht und daraus resultierenden Abhängigkeiten, zwischenmenschlichen Konflikten und psychischen Manipulationen erzählt, bravourös angereichert mit zahlreichen Szenen voll subtiler, nahezu meisterhafter Erotik. Man fühlt mit Jeremy Irons in seiner Rolle als Humbert, wenn er, hin- und hergerissen zwischen Vernunft und Begierde (mal mehr, mal weniger) verstohlene Blicke auf Dolores alias „Lolita“ (Dominique Swain, zum Drehzeitpunkt 17-jährig) wirft, die scheinbar kindlich-naiv ihren jugendlichen Körper lasziv in Pose setzt. Spätere Sexszenen werden lediglich angedeutet, verfehlen aber ihre Wirkung nicht. In Verbindung mit Humberts Erzählstimme aus dem Off und der unaufdringlichen Musik Morricones wird eine komplexe melancholisch-fatalistisch-hedonistische Stimmung geschaffen, die sich auf den Zuschauer überträgt, für den Humberts Verhalten immer nachvollziehbar bleibt. Da fällt es dann auch leicht, kleinere Ungereimtheiten, wie z.B. die Rückkehr Dolores’ aus dem Feriencamp in schmutzigen, kurzen Klamotten, aber dennoch ohne jegliche Kratzer an den Beinen, zu verzeihen. Evtl. hätte die eine oder andere Straffung der Handlung „Lolita“ auch gut getan, denn ein ruhiger Film in 133 Minuten verlangt dem Zuschauer letztendlich doch einiges an Aufmerksamkeit ab.

Mein Fazit: Ein eindrucksvolles, sensibles, tragisches Erotik-Drama, das ein heißes Eisen anpackt, ohne sich zu verbrennen.

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