„All the experts prefer Sidney Prescott"
Ekstatische Reaktionen beim Filmfestival von Toronto 2006, gefeierte Deutschlandpremiere beim Fantasy Filmfest 2007, geniale Renaissance des Teenie Slashers, postmodernistisches Horrorjuwel und was nicht noch alles an hymnischen Lobesarien über das Spielfilmdebüt des Jungregisseurs Jonathan Levine zu hören und zu lesen war. Häufig allerdings, wenn ein Film schon vor dem breiten Kinostart als Kult, Geniestreich oder neues Genrehighlight abgefeiert wird, enttäuscht das gepriesene Endprodukt auf ganzer Linie.
Um es kurz und schmerzvoll zu sagen: All the boys love Mandy Lane macht da keine Ausnahme. Wenn sich der allerorten aufgewirbelte Enthusiasmusstaub gelegt hat und der Film einer nüchternen und sachlichen Sichtung unterziehen muss, macht sich in erster Linie enttäuschte Ernüchterung breit. Levines angeblich ach so ausgeklügelter, postmoderner Slasher-Geheimtipp entpuppt sich als dröger Teenie-Horror von der mehr als ausgeleierten Stange. Die überdeutlich zitierten Vorbilder der 1990er Jahre sind dem Film was originelle Einfälle, Neuinterpretation gängiger Horrorklischees (Scream) oder atmosphärische Dichte (Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast) betrifft um Schwertlängen voraus.
Schon das Storygerüst enttäuscht ob seiner selbst für weniger ambitionierte Horrorfilme erschreckenden Einfallslosigkeit und Banalität. Wieder einmal steht eine unnahbare und daher von allen Jungs begehrte Schulschönheit im Mittelpunkt - hier die titelgebende Mandy Lane. Erneut meuchelt ein unbekannter Killer eine Reihe gelangweilter Wohlstandsteenies, denen der Zuschauer ihr unsanftes Dahinscheiden zumindest nicht missgönnt. Natürlich befindet sich die Gruppe an einem abgeschiedenen Ort, so dass der Killer relativ ungestört sein blutiges Spiel treiben kann. Der einzige Erwachsene in Sichtweite ist natürlich ein schräger Vogel - in diesem Fall ein wortkarger Ex-Marine -, der sich wunderbar als Hauptverdächtiger eignet. Natürlich ist er am Ende völlig harmlos, aber lassen wir das.
Eine 08/15-Story muss noch kein Problem sein. Das Genre lebt ohnehin eher von anderen Zutaten wie unerwartete Schockmomente, einfallsreiche und blutige Mordszenen, eine sich permanent steigernde bedrohliche Grundstimmung sowie ein fröhliches Rätselraten um die Identität des Täters. Und jetzt haben wir ein Problem. Denn Mandy Lane erfüllt auch nicht eine dieser Prämissen in halbwegs zufriedenstellender Weise.
Sieht man einmal von einem Todessprung eines betrunkenen Mandy-Verehrers auf einer Poolparty ab, vergeht die erste Hälfte des Films völlig ereignislos. So etwas wird dann gern mit Entwicklung der Charaktere schön geredet. Leider sind die porträtierten Jugendlichen allesamt völlig uninteressant, unsympathisch und erschreckend eindimensional. Ihre kreuzlangweiligen und fürchterlich banalen Gespräche drehen sich vornehmlich um Kiffen, Flachlegen und Saufen. Lediglich die von Amber Heard gespielte Titelheldin fällt dabei aus dem klapprigen Rahmen. Heard verleiht Mandy Lane eine faszinierend-geheimnisvolle Aura, die den unheilvollen Sog in den alle ihre Verehrer geraten glaubhaft werden lässt. Dazu hätte es aber keinesfalls 45 öde dahinplätschernder Minuten bedurft.
Als dann (endlich) die erwartete Mordserie beginnt, wirkt diese überraschend konventionell und einfallslos inszeniert. Die gezeigten Gewaltszenen werden den meisten Horrorfans lediglich ein müdes Lächeln entlocken. Auch von atmosphärischer Dichte oder gar einer bedrohlichen Grundstimmung ist weit und breit nichts zu sehen oder zu spüren. Ach ja, die Identität des Täters wird bereits beim zweiten Meucheln enthüllt. Der häufig umjubelte Schlusstwist, der dem Film angeblich eine Angst einflößende Doppelbödigkeit verleiht, ist damit erst recht überaus leicht zu erraten. Die wahren Beweggründe für die Mordserie sind alles andere als ein clever gehütetes Geheimnis.
Zwischenfazit: Story banal, Charaktere völlig uninteressant, Dramaturgie, Spannungsaufbau und Schlussauflösung hölzern, fad und absolut vorhersehbar. Also wozu die ganze Lobhudelei? Haben wir noch etwas übersehen? Natürlich, der visuelle Stil. Das muss es sein. Levine verwendet durchweg verwaschene, grobkörnige Bilder, die dem Film einem an die 1970er Jahre erinnernden Retro-Look verpassen. Was offenbar als Hommage an diverse Genrehighlights aus der Grindhouse-Phase gedacht war, wirkt letztlich plakativ und gewollt gegen den Strich inszeniert. Auch der hervorragende Soundtrack kann da nichts mehr retten. Wer so wenig Gespür für dramaturgische Finessen oder die Neuinterpretation gängiger Genrebausteine besitzt, den rettet weder ein ungewöhnlicher Look noch ein paar gut ausgewählte Songperlen.
Fazit:
Der auf diversen Festivals gefeierte Teenie-Slasher All the boys love Mandy Lane hält der dadurch entstandenen hohen Erwartungshaltung in keiner Weise stand. Jungregisseur Jonathan Levine liefert ein holprig inszeniertes Horrorfilmchen von der Genrestange. Durch einen 70er-Jahre Retro-Look sowie einen clever zusammengestellten Soundtrack können die offenkundigen Schwächen bestenfalls kurzzeitig verschleiert werden. Die als doppelbödig und subversiv angepriesene Story entpuppt sich allerdings schnell als völlig innovationsarme Banalität. Die überaus langatmig eingeführten Charaktere nerven ob ihrer völligen Leere und Eindimensionalität. Lediglich die von Amber Heard eindrucksvoll gespielte Titelfigur hält den Film zusammen und sorgt für zumindest etwas Atmosphäre. Keinesfalls eine Frischzellenkur oder gar gewitzte Neuinterpretation des Teenie-Horrorfilms. Scream bleibt in dieser Hinsicht meilenweit unerreicht. Wes Craven wird's mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen.
(2,5/10 Punkten) .