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„Shatterhand begins! - Karl May´s Winnetou - 1. Teil"

Über 3 Millionen westdeutsche Besucher in 12 Monaten. Sämtliche internationale Konkurrenz - einschließlich der übermächtigen aus den USA - hinter sich gelassen. Titelgeschichten, Interviews, Starschnitte, Poster so weit das Auge reichte. Bei Produzent Horst Wendlandt und der Constantin herrschte zu Recht eine ausgelassene Goldgräberstimmung, wie sie nur ein Überraschungs-Volltreffer zu kreieren vermag. Der erste Karl May-Film „Der Schatz im Silbersee" entwickelte sich nicht nur zum größten Kinohit der deutschen Nachkriegsgeschichte, sondern zu einem kulturhistorischen Phänomen.  

Jetzt sollte sich auch auszahlen, dass man sich nicht nur die Rechte an sämtlichen May-Abenteuern mit Winnetou und Old Shatterhand gesichert, sondern für den Erfolgsfall auch mit diversen Protagonisten von Stab und Besetzung längerfristige Verträge ausgehandelt hatte. So konnte man praktisch nahtlos mit der Produktion des zweiten May-Westerns beginnen. Und diesmal konnte und sollte der Fokus weitaus deutlicher auf dem Heldenduo liegen, insbesondere auf Barkers Shatterhand.
Das machte insofern absolut Sinn, da dieser auch in der literarischen Vorlage und v.a. durch die von May gewählte Form der Ich-Erzählung eindeutig im Mittelpunkt stand und durch den sich sämtliche Handlungsstränge und Ereignisse definierten. Winnetou tritt beispielsweise im ersten Band der nach ihm benannten Trilogie erst nach etwa 100 Seiten auf und ist auch ab da keineswegs durchgängig präsent. Dennoch war die Entscheidung für „Winnetou 1" goldrichtig und irgendwie auch logisch, lernten sich doch hier die beiden Helden erst kennen und besiegelten zudem ihre einzigartige Freundschaft mit der berühmten Blutsbrüderschaft. Im „Silbersee" war man noch auf Nummer sicher gegangen und hatte die beiden bereits als „fertiges Duo" präsentiert und sie zudem mit einer Vielzahl gleichberechtigter Nebenfiguren flankiert und somit vom Druck den Film zu tragen befreit. Nachdem das Publikum das Filmduo so rasant wie überschwänglich ins Herz geschlossen hatte, war der Weg frei für die dramaturgisch gefährlichere Vorgeschichte, bei der die beiden zunächst in feindlichen Lagern standen.

Es handelt sich bei „Winnetou - 1. Teil" also um ein waschechtes Prequel, lange bevor der Begriff inflationären Einzug in das Vokabular und Inventar der Filmgeschichte hielt. Heute - die natürlich vorhandene Romanvorlage mal beiseite gelassen - hätte man vermutlich „Shatterhand begins" getitelt. Und tatsächlich ist dies zuvorderst Barkers Film. Man spürt die Erleichterung über den unerwarteten Erfolg sowie die Befriedigung den Film als lead zu tragen. Er wirkt locker, gelöst und ungemein vertraut mit seiner Figur, die er immerhin erst zum zweiten Mal verkörpert. Er verleiht der von May immerhin stark idealisierten und heroisierten Figur Bodenständigkeit und Glaubwürdigkeit und liefert damit die perfekte Ergänzung bzw. Abgrenzung zum entrückter und romantisch verklärender gezeichneten, indianischen Äquivalent. Auch das im „Silbersee" noch etwas abtastende Zusammenspiel mit Pierre Brice wird von einer geradezu greifbaren, stimmigen Chemie abgelöst, die nur wenigen Leinwand-Paarungen zu eigen ist. Das liegt auch daran, dass Brice - vermutlich ebenfalls beflügelt und bestätigt durch den unerwarteten Massenzuspruch - die Figur des Winnetou nicht einfach nur spielt, sondern im wahrsten Sinne verkörpert und verinnerlicht. Der bereits bei May deutlich angelegte, würdevolle Stoizismus der nicht selten von einer  sakralen Überhöhung umweht ist, wird von dem Franzosen kongenial verbildlicht.

Die deutliche Akzentverschiebung in Richtung der beiden Heldenfiguren macht „Winnetou 1" zu einem ungleich empathischeren Erlebnis als den personaltechnisch relativ überladenen Vorgänger. Es geht in erster Linie um die Beziehung (bzw. deren Entstehen) zwischen Winnetou und Shatterhand, das übrige Personal - ob Freund oder Feind - steht im Dienst ihrer Akzentuierung und Definition. So ist das Scout-Trio um Sam Hawkins vor allem dazu da, die erstaunlichen Westmann-Qualitäten des vermeintlichen Greenhorns Shatterhand gewissermaßen als Fach-Jury zu goutieren  und verifizieren sowie dessen charakterliche Vorzüge wie bedingungslose Freundschaft, Loyalität und Hilfsbereitschaft heraus zu arbeiten. Winnetous nächste Anverwandte und Freunde - Vater Intschu tschuna, Schwester Nscho-tschi und Mentor/Lehrer Klekih-petra - wiederum helfen durch Worte bzw. ihr gegenseitiges Verhältnis den Häuptlingssohn als stolzen, tapferen, intelligenten, aber auch gerechten, edelmütigen und feinfühligen Charakter zu etablieren.
Eine den beiden Protagonisten einigermaßen gleichberechtigte Aufmerksamkeit erhält lediglich und sinnigerweise ihr Gegenspieler. Denn erst durch einen starken Widersacher kann der Held so richtig glänzen. In „Winnetou 1" klappt diese dramaturgisch so essentielle Wechselbeziehung ganz ausgezeichnet, nicht nur, aber vor allem wegen Mario Adorf. Der noch junge Charakterdarsteller verweist als skrupelloser Geschäftemacher und Gangsterboss Frederic Santer nicht nur seinen überzeugenden „Silbersee"-Vorgänger Herbert Lom auf die Plätze, sondern legt auch die Messlatte für künftige May-Schurken in beachtliche Höhen. Santer ist schmierig, gerissen, unberechenbar, brutal und kaltblütig. Gepaart mit gnadenlosem Opportunismus und schier grenzenlosem Selbstvertrauen macht ihn dies zu einem extrem gefährlichen, weil unberechenbaren Gegner. Adorf war von da ab jedenfalls erst einmal auf finstere Ganovenrollen abonniert und wird teilweise sogar heute noch auf die Ermordung von Winnetous Schwester angesprochen.
Der praktisch völlig unbekannten Französin Marie Versini gelang mit der relativen kleine Rolle von Winnetous Schwester darüber hinaus das Kunststück, praktisch über Nacht zum umschwärmten Teenie-Star aufzusteigen, der - zusätzlich forciert von der Jugend-Postille „Bravo“ - beinahe mit Barker und Brice gleich zog (hilfreich für das enorme Interesse des Boulevards war sicherlich auch die von Versini angedeutete Romanze mit Barker, die ihre Entsprechung in der filmischen Beziehung zwischen Shatterhand und Nscho-tschi fand).

Ein großes Plus des zweiten May-Films ist neben den beiden erwähnten Besetzungscoups auch die kompakter, runder und stimmiger angelegte Handlung im Vergleich zum episodenhaften und weniger stringenten Vorgänger. Sämtliche Plotbausteine - Shatterhands Bauingenieurs-Karriere, seine ersten Meriten als Westmann, die Begegnung mit Winnetou, die zunächst von Missverständnisse und Feindseligkeit geprägt ist und schließlich sogar in Gefangenschaft mitsamt Gottesurteil mündet sowie die parallel stattfindende Auseinandersetzung mit Santers Gangsterbande - sind miteinander verzahnt, bauen aufeinander auf und laufen schließlich auf einen dramaturgischen Höhepunkt zu, bei dem die Spannung sich in einem zweifachen Showdown entlädt.

Regisseur Harald Reinl hält sämtliche Fäden souverän zusammen und baut die im „Silbersee" etablierten Stärken noch weiter aus. So toppt er mit dem Überfall der Apachen auf die Stadt Rosswell in punkto Aufwand und Komplexität nicht nur mühelos den vergleichbaren Angriff auf Butlers Farm, sondern hat mit dem Kanu-Wettkampf zwischen Shatterhand und Intschu tschuna ein ebenso spannendes wie farbenprächtiges Actionhighlight in petto. Schließlich kommt es auch noch zum dramatischen, finalen Aufeinandertreffen mit Santer in einem eindrucksvollen Bergpanorama.
Wie schon beim Silbersee zeigt sich Reinl als wahrer Meister beim integrieren der Naturkulisse in die Filmhandlung. Sein Gespür für phantastische Landschaftspanoramen kommt hier noch deutlicher zum Tragen als beim „Silbersee". Vor allem die Kulisse für das Dorf der Apachen erwies sich als einmaliger Glücksgriff. Von dem auf einem sandigen Plateau errichteten Pueblo öffnet sich der Blick auf eine riesige Felsschlucht, durch die sich - dem Colorado im Grand Canyon nicht unähnlich -  in gut 100 Meter Tiefe der tiefblaue Zrmanja-Fluß schlängelt (Schauplatz und Drehort des besagten Gottesurteils). Die seinerzeit nahezu unberührte Natur stellte das Filmteam vor enorme logistische Herausforderungen, schließlich galt es Tonnen an Equipment sowie ein stattliche Anzahl an Darstellern tagtäglich in die entlegenen Gebiete zu bringen. Ein Aufwand, der sich mehr als gelohnt hat. Das gilt insbesondere auch für die zweite ikonographische Landschaft, das Bergmassiv des Tulove Grede im kroatischen Velebit-Gebirge. Beide Schauplätze visualisieren perfekt den wild-romantischen Charakter der Mayschen-Vorlage und sollten nicht nur in vielen weiteren Verfilmungen Verwendung finden, sondern auch  im Verbund mit dem bekannteren Motiv der Krka-Wasserfälle (nahe der Küstenstadt Sibenik) mindestens das teutonische touristische Interesse am Urlaubsland Jugoslawien kräftig ankurbeln.

„Winnetou 1" bedeutete aber nicht nur inszenatorisch, narrativ und visuell eine Steigerung, auch Filmkomponist Martin Böttcher traf noch exakter den einen nicht zu unterschätzenden, auditiven Spagat erfordernden Ton zwischen Drama, Wehmut und (Abenteuer-)Beschwingtheit. Das erneut für den Filmanfang verwendete "Silbersee"-Titelthema - die "Old Shatterhand-Melodie" - wurde spätestens jetzt zu einem lupenreinen Evergreen, der Hitparaden und Radio-Stationen gleichermaßen stürmte und bis heute einen erstaunlichen Wiedererkennungswert besitzt. Erneut gingen Böttchers Kompositionen, Reinls prachtvolle Landschaftspanoramen und das geradezu intuitive Rollenverständnis der beiden Hauptdarsteller eine einzigartige Symbiose ein, die den Geist der Mayschen Vorlage gekonnt einfing, ohne dabei altbacken zu wirken.
Das ist umso erstaunlicher, da man sich wie beim Vorgänger lediglich lose an die literarische Vorlage hielt und insgesamt kräftig ausließ, dazu fabulierte und zurecht bog. Intelligenterweise hatte man allerdings die der breiten Masse bekanntesten Motive des Kennenlernens, der Blutsbrüderschaft sowie des dramatischen Schlussakts mit dem Tod von Nscho-tschi und Intschu tschuna beibehalten, so dass der „gewöhnliche" May-Fan seinen Winnetou  durchaus (noch) wieder erkannte. Unzufriedene kann es jedenfalls nicht viele gegeben haben.

Bei Wendlandt und der Constantin konnte man nun guten Gewissens - sofern nicht schon in der „Sibersee"-Hochstimmung geschehen -  endgültig und befreit die Sektkorken knallen lassen, erwies sich „Winnetou - Teil 1" doch als noch größerer Kassenschlager als der vorangegangene Überraschungshit. In der Rückschau aller folgenden May-Verfilmungen sollte er sogar zum finanziell erfolgreichsten und besucherstärksten (9 Millionen!) Teil der Serie avancieren. Die Goldader hatte sich damit noch ergiebiger als erträumt erwiesen, was eine konsequente und umfangreiche Ausbeutung praktisch zwangsläufig nach sich zog. Wie immer in solchen Fällen ließen Neider und gewiefte Profiteure nicht lange auf sich warten. Nun sollte sich zeigen, ob Wendlandt auch die juristischen Weichen für das begehrte Verfilmungsmonopol ähnlich geschickt gestellt hatte wie die produktionstechnischen. Sein ehemaliger Chef und jetziger Produzenten-Rivale Arthur Brauner lies sich jedenfalls nicht lange bitten und machte die Probe aufs Exempel. Schließlich hatte er einen noch gültigen Vertrag mit einem gewissen Lex Barker.
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Literatur:
Petzel, Michael, Karl-May-Filmbuch. Stories und Bilder aus der deutschen Traumfabrik, Bamberg 1999.

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