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Ist man nur oberflächlich mit dem Namen D.W. Griffith vertraut, scheint es zunächst überraschend, daß sich hinter diesem Namen noch andere Facetten verbergen, als das große, epische Kino, für das er in unseren Breiten gemeinhin bekannt ist. Daß sich unter den über 450 Titeln eines zu den Pionieren des Kinos gezählten Regisseurs auch mal ein etwas leiseres Melodram findet, sollte weit aus weniger verwundern. Mit True Heart Susie widmet er sich deutlich moralinhaltig, wenn auch mit latent zynischem Unterton, den Qualitäten der schlichten Frau und ist bestrebt dem Zuschauer manipulativ den Vorteil gegenüber hinter einer Maske aus Puder und Tusche auftretenden Damen aufzuzeigen.
Griffith geht in seinem Stummfilm sehr geschickt dabei vor, mit den Sympathien der Zuschauer zu spielen. Seine Figuren sind äußerst überzeichnet und so genügen banale Alltagssituationen, die Emotionen aufzuwiegeln. Bei ihrer Einführung ist William Jenkins (Robert Harron) der schüchterne Schüler, True Heart Susie (Lillian Gish) auf einfache Art intellektuell überlegen. Als Nachbarn verbringen sie nicht nur die reine Schulzeit zusammen. Ihre Verbindung ritzt William als Zeugnis für die Ewigkeit in Form ihrer Initialen in die Rinde eines Baumes, doch schon beim Versuch, einen Kuß zu erhaschen, weicht William, der an anderer Stelle nicht verlegen ist, vor Susies Augen zu flirten, vor ihrer Annäherung zurück.

Dennoch ist Susie überzeugt davon, daß William ihr zukünftiger Gatte werden wird, da Männer die bodenständigen Frauen zu heiraten pflegen. Weil sie einen gebildeten Mann heiraten möchte, veräußert sie schließlich ihre Kuh, um mit dem Geld das Collegestudium Williams zu ermöglichen. Die Finanzspritze läßt sie ihrem Angebeteten unter dem Deckmantel eines unbekannten Gönners postalisch zukommen.
Mit Williams Aufenthalt in der Stadt läßt Griffith zugleich eine stille Ode an die ländliche Idylle einfließen, läßt er die Figur hier doch eine schwere Zeit, geprägt von zwischenmenschlicher Ablehnung durchleben, die William zunächst in seinem Brief mitteilen läßt, daß er bisher keinen Menschen gefunden hätte, den er lieber möge als jemanden von Zuhause. Bei seiner Rückkehr allerdings, auf dem Wege einer nun begründeten Karriere, fällt Williams Veränderung, mit durch einen Schnurrbart unterstrichener Männlichkeit, auf.
True Heart Susies Sehnsucht kann sich nicht erfüllen, ist William nun doch einer oberflächlich anmutenden Partygesellschaft zugetan, aus deren Reihen er sich eine Dame zur Frau wählt, die, wie schon im Prolog angemerkt, zu der Sorte gehört, die ihr Gesicht unter Puder und Tusche verbergen.

Kurz nach dem Ende des ersten Weltkrieges gab es in Europa einen Ausbruch nihilistischer Lebenseuphorie. True Heart Susie fällt aber vor allem in den Zeitraum, der durch die us-amerikanische Prohibition einen puritanischen oder antimoralinen Standpunkt provozierte. So mündet auch Griffiths Darstellung in zwei sehr extreme Pole. Williams Frau, die hedonistische Bettina (Clarine Seymour) verbirgt hinter der glänzenden Fassade ein sehr einseitiges Leben. Zuhause wenig aufgebrezelt, gibt sie dem Gatten stets nur kaltes Fleisch zu essen. Vergnügungssüchtig dauert es zudem nicht lange, bis sie William hintergeht.
In Susie schlägt sich hingegen die Sehnsucht, wie auch der Appell, nach der fürsorglichen, vor allem stillen und duldsamen Partnerin nieder. Nie kommt ein forderndes Wort über ihre Lippen, immer läßt sie William gewähren. Auch als Susie zum ersten Mal erkennt, daß William die Nähe zu anderen Frauen sucht, schluckt sie ihre Wut hinunter, verschärft nur ihre Strategie des Werbens. Selbst als Bettina eines Nachts, nach einem Tête-à-Tête ihres Schlüssels verlustig, im Regen Zuflucht bei ihr sucht, willigt Susie ein, die Rivalin durch eine Lüge zu decken.

Auch die Zwischentitel sind für D.W. Griffith in True Heart Susie ein willkommenes Mittel. Obwohl Lillian Gish die durchaus schwere Darstellung einer so reinen Figur mit Bravour meistert, engen sehr exakt formulierte Kommentare, aber auch die Einblendungen bis zur erzählerischen Geschwätzigkeit ausnutzende Dialoge und Lautmalereien, den Ausdruck der Schauspieler deutlich ein. Griffith nimmt so den Zuschauer bei der Hand, läßt wenig Freiraum zur Deutung, sondern bestimmt herrisch den Verlauf.
So sich das Publikum dem Sog noch zu einer objektiven Meinung entziehen konnte, bleibt nicht viel mehr, als das Gesehene mit den eigenen Vorstellungen abzugleichen und zu bewerten. Kino in dieser Erscheinung ist formvollendetes Handwerk, das heute aber eher die distanzierte Betrachtung eines Museumsstücks zuläßt, als eines vitalen Kunstwerks, wie es anderen Exponaten vergönnt ist.

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