Kleine Extratour muß auch mal sein, zur Abwechslung besprech ich mal einen knappen 50-Minüter aus dem britischen TV der 70er Jahre, sogar ganz nüchtern...
Der Sammelfanatismus läßt ja mit den Jahren so langsam nach, man muß dann nicht mehr jeden Zombiefilm besitzen, dafür fängt man an, irgendwelche bizarren Kleinodien zu suchen, die irgendein nichtiger Vertrieb mal unbemerkt auf den Markt geschmissen hat und garantiert fast nie verfügbar sind.
Generell packt mich das Kribbeln immer dann, wenn irgendwer sich anschickt, etwas von Montague Rhodes (M.R.) James zu verfilmen, einen angesehen Kirchenhistoriker des späten 19. und frühen 20.Jahrhunderts, der es sich neben seiner Lehrtätigkeit zum Spaß gemacht hat, nebenbei öfters mal eine Geistergeschichte niederzuschreiben, was schließlich vier Bände gefüllt hat. Die Mischung aus Architektur, Altertümern, Flüchen, Gräbern und James' ureigensten Gespenstern (die meistens unsichtbar, wenn denn aber doch da, als verhüllte Gestalt oder als dünne, spinnenbeinige, pelzige Wesen mit glühenden Augen auftreten) ist ungeheuer creepy und genau das Richtige fürs Kaminfeuer.
Nur mit den Verfilmungen haperts noch ein wenig, am ehesten kennt man ihn von der Vorlage für "Der Fluch des Dämonen" von 1957, den ich schon gebührend abgefeiert habe, ansonsten gabs nur ein paar Kurzverfilmungen fürs Fernsehen, aber zur Weihnachtszeit gern gesehen.
Die Vorlage für "Curse of the Demon" ist nun auch die Vorlage für diesen Kurzfilm, für den der Begriff "Fernsehspiel" wohl passender ist, eine Episode der Serie "ITV Playhouse", die von 67 bis 82 alle Genres beackerte. Als mich der Titel "Casting The Runes" (auch Titel der Vorlage) dann als eigene DVD bei HMV anlachte, da zuckte schon die Hand zur Geldbörse...
...gut, ich gebe zu, manche Käufe sind nur etwas für Komplettisten und das war jetzt ein Griff ins Klo.
Selbst an niedrigen Maßstäben der ITV-Budgets gemessen, sind diese 48 Minuten relativ enttäuschend umgesetzt worden, da hab ich aus deutschen Landen ja schon gruseligere Dinge gesehen.
Zunächst muß erwähnt werden, daß man den Kern der Geschichte so belassen hat, aber alles bedeutsam modernisiert. Die viktorianisch/georgianisch anmutende Originalstory von dem Verlagsangestellten, der ein Buch eines Okkultisten ablehnt und daraufhin von diesem einen Runenfluch zugespielt bekommt, der ihm drei Monate Frist gibt, bevor ihn ein Dämon verschlingt, ist natürlich universell einsetzbar, in jeder Epoche. Aus dem Verlagsmann wurde nun eine Fernsehfrau, die ein nicht sonderlich schmeichelhaftes Portrait über den Mann, Autoren, Abt und Okkultisten gedreht hat und deswegen in sein Visier gerät. In Text wie Film läßt er ihr das Fluchpergament zukommen, das sie aber zum Glück finden kann, um dann Versuche zu starten, es zurückzugeben und mit ihm den Fluch an sich.
Aus diesen Möglichkeiten hat man jedoch wenig gemacht, denn das Budget für Fernsehstoffe muß wirklich außerordentlich gering gewesen sein. So muß man sich als Zuschauer daran gewöhnen, daß die Innenaufnahmen im Studio aufgenommen wurden (in der Art von "Ein Herz und eine Seele" etwa), während die Außenaufnahmen ganz normal auf Film gebannt sind. Das schafft schon mal einen gewissen Kontrast. Dann hat man sich nicht unbedingt die geeignetsten Darsteller ausgesucht, denn alle spielen mit soviel britischem Understatement, daß es schon fast monoton wirkt. Jan Francis wirkt streckenweise enorm unbeteiligt und läßt nichts von der Verwirrung, Verunsicherung und den Verfolgungsgefühlen aufkommen, erst ganz zum Schluß wird sie plötzlich zum Nervenbündel. Das helfende Ehepaar Gayton bietet nur biederste Soapkost und selbst der Bruder des ersten Opfers, Harrington, ist nur ein unemotionaler Grummelbär - und das in einer Story die immer heißer köchelt, bis fast der Deckel wegfliegen muß, denn man kämpft gegen eine Frist, wovon nur selten etwas zu spüren ist. Allein Iain Cuthbertson als dämonischer Karswell hat so ein, zwei Augenblicke, wird generell aber ebenfalls so unaufregend in Szene gesetzt, daß es an Verschwendung grenzt.
Erschwerend dazu kommt, daß die Macher wohl unbedingt auf Storyerweiterung und In-Jokes zurückgreifen mußten, für die man sich ebenfalls bei James bediente. Also platzierte man ein Puppenhaus in Karswellshaus (nach James gleichnamiger Geschichte) und erweiterte die Handlung noch um ein spinnenartiges Ungetüm, das die Arme Journalistin plötzlich unter der Bettdecke hat (wuha...). Das Dumme ist nur, daß es in keinem Moment anders aussieht, wie ein paar spinnenartige Gummibeine eines Kindespielzeugs, das unter der Decke geschüttelt wird.
Auf dieser Sparbasis funktionierten auch die übrigen Effekte - für die Dämonenbedrohung zu Beginn, wenn Harringtons Bruder stirbt, griff man erst auf eine simple Statue zurück und legte dann das Negativbild eines schlecht maskierten Schauspielers über die normale TV-Aufnahme, ein gruselig-billiger Effekt. Auch eine Sequenz mit einem magischen Globus ist mehr als bescheiden gemacht und das "grand final", das Ende des Dämonenbeschwörers fällt sogar ganz weg. Zwar hat man sich einen einigermaßen geschickten Weg zur Umkehrung des Fluchs ausgedacht (bzw. umgeformt), aber alles weitere erzählt uns dann der Nachrichtenmann im Fernsehen - wie überhaupt die reizvollsten Dinge der Erzählung, die einer Bebilderung harren, nur nacherzählt werden.
Dazu kommt eine enorm desinteressierte Regie, die die Kamera ständig am falschen Platz stehen läßt und am faden, uninspirierten Drehbuch wenig interessiert scheint. Der Höhepunkt dieses Films ist dann der Score, bzw. die begleitende Soundkulisse, ein flirrendes, nervenzersetzendes Flöten, das wirklich und wirksam beunruhigend ist.
Alles in allem also eine Ansammlung verschenkter Möglichkeiten, wobei so manche Außenaufnahme zu Höherem berufen gewesen wäre.
Heute wirkt 30 Jahre alte Fernseharbeit oft wie aus Omas Zeiten - diese hier vermutlich damals schon. (4/10)