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Nachdem ihre Schwester, gespielt von Keira Knightley, mit einem jungen Mann, gespielt von James McAvoy, eine Beziehung zu beginnen scheint, beschuldigt die gerade einmal 13-jährige Briony diesen der Vergewaltigung ihrer Cousine, aus Enttäuschung, da er auch ihr romantischer Held war. Diese, zu Unrecht getroffene Beschuldigung hat jedoch furchtbare Konsequenzen, da McAvoy erst ins Gefängnis kommt und dann in den zweiten Weltkrieg ziehen muss, während ihre Schwester ihr nicht vergeben kann.

Nach "Stolz und Vorurteil" widmen sich Keira Knightley und Regisseur Joe Wright erneut der Verfilmung eines überaus bekannten und beliebten literarischen Werkes, dass von der Story her erst einmal viel verspricht. Die Charaktere haben, wie bei den meisten Literaturverfilmungen viel emotionale Tiefe und sind sehr deutlich gezeichnet, sodass sie den Zuschauer auf einer wesentlich höheren emotionalen Ebene am Geschehen teilhaben lassen. Dabei fällt auf, dass sich der Film offensichtlich in 3 Teile teilt, nämlich den Anfang und der Lüge von Briony, dem Mittelteil, in dem sich McAvoy im Krieg befindet und dem Ende, in dem Briony, die schließlich eine bekannte Autorin wurde, in einem Interview schildert, was sich damals zugetragen hat. Man muss wirklich bemerken, dass solche Storys, die einige Handlungsstränge miteinander vereinen, eine unvorhersehbare und spannende Vorlage bieten und gleichzeitig auf emotionale Tiefe achten, in der heutigen Zeit Seltenheitswert haben. Aus diesem Stoff hätte man ein Meisterwerk machen können.

Doch leider gelingt dies nicht so ganz, obwohl der Film einem Meisterwerk oder einem Epos sehr nahe kommt. Keira Knightley hat eine unglaubliche Leinwandpräsenz und zeigt sich einmal mehr von ihrer besten Seite. Mit ihrer (zugegebenermaßen etwas beängstigend wirkenden) zerbrechlichen, feinen und dürren Figur und ihrer starken Mimik ist sie in diesem Drama bestens aufgehoben und stellt einmal mehr unter Beweis, dass sie zu den vielversprechendsten Neuentdeckungen seit der Jahrtausendwende gehört. Auch die Musik ist sicherlich nicht schlecht. Meist ist sie melancholisch und getragen und passt somit hervorragende zum Film und lässt "Abbitte" durch die meist klassischen Klänge überaus stilvoll wirken. Auch die Kulisse von Großbritannien hat durchaus einen optischen Reiz und passt hervorragend zur Musik und zu den ebenfalls überaus geschmackvollen und klassischen Kostümen. Regisseur Joe Wright präsentiert also nach "Stolz und Vorurteil" erneut einen stilsicheren, virtuos inszenierten Kostümfilm.

Dennoch krankt der Film vor allem im Mittelteil an den üblichen Problemen einer Literatur-Verfilmung, nämlich dem Unterhaltungswert. Da der Film die ganze Zeit über durch die getragene Musik und die übrige Umsetzung in scheinbar endloser Melancholie und Nostalgie zu versinken scheint, kann leider erst zum Ende hin Spannung aufgebaut werden. "Abbitte" läuft wirklich sehr langsam an und tut sich sehr schwer, auf einen ordentlichen Unterhaltungswert zu kommen, man hätte vielleicht doch stellenweise kleinere Stilbrüche begehen sollen, um die Spannung zu steigern. Im Mittelteil versinkt der Film über weite Strecken in tiefster Melancholie, die mir zumindest nicht sonderlich nahe ging, da sie doch zu stark überzogen ist und stellenweise überproportionierte Gefühle liefert. Der dritte Teil ist dann, auch wenn er nicht sonderlich lang ist, hervorragend und hebt den Film im Endeffekt doch noch über das Mittelmaß. Gerade, als der Film eine gewisse Idylle aufgebaut hat und man als Zuschauer leicht enttäuscht auf den Abspann wartet, kommt die letzte Szene, in der Briony schließlich interviewt wird. Die finale Wendung ist wie ein Schlag in die Magengrube, den ich jedoch nicht vorwegnehmen möchte, und kann dann doch noch einmal schockieren, darüber hinaus finde ich es sehr gelungen von Wright, dass er den Zuschauer anschließend mit dem Abspann allein lässt und damit einigen Stoff zum Nachdenken liefert. Dennoch sehe ich nicht ein, warum ich einem Film, der mich bis kurz vor Schluss nur mäßig unterhalten hat mehr als 7 Punkte geben sollte.

Was mir persönlich gut gefällt ist, wie der Film mit seinem Hauptthema umgeht. Bereits der Titel "Abbitte" lässt den spitzfindigen Zuschauer erahnen, dass es wohl um Schuld, Sühne und Vergebung gehen muss und genau dies wird wirklich brilliant dargestellt. Einerseits analysiert der Film die Auswirkungen der Lüge hervorragend und stellt vor allem zum Ende hin dar, wie Briony ihre Tat sühnt und nach Vergebung sucht, allerdings lässt der Film den Zuschauer mit der Beantwortung der Frage, wie viel Schuld sie eigentlich trifft, zumal sie ja erst 13 war, allein und ist damit eines der vielschichtigsten Werke seit Langem. Es wird nicht klar, ob sie schließlich ihre Vergebung findet und gerade dieser unbefriedigende Ausgang des Films, kombiniert mit der finalen Wendung ist hervorragend und erzielt eine verstörende Wirkung, wie sie nur wenige Filme haben. In diesem Sinne: Seht euch den Film mal an und macht euch eure eigenen Gedanken.

Keira Knightley spielt wie erwähnt hervorragend und ist allein durch ihr zerbrechliches Äußeres und ihre Leinwandpräsens förmlich prädestiniert für ihre Rolle, aber auch die übrigen Darsteller können sich sehen lassen. Die Hauptfigur Bryoni wird in allen 3 Abschnitten von verschiedenen Darstellerinnen gespielt, und zwar von Romola Garai, Saoirse Ronan und Vanessa Redgrave, die aber allesamt solide Arbeit leisten. James McAvoy, der mit "Der letzte König von Schottland" bereits überaus positiv in Erscheinung treten konnte, liefert auch hier eine gute Leistung ab und beeindruckt durch sein melancholisches Spiel und sein sympathisches Auftreten, wobei er nicht ganz an Knightley herankommt. Außerdem darf Brenda Blethyn nach "Aus der Mitte entspringt ein Fluss" und "Stolz und Vorurteil" mal wieder eine Nebenrolle in einer Literatur-Verfilmung übernehmen.

Fazit:
Die Story macht wirklich sehr viel her und auch die stilsichere und virtuose Umsetzung von Regisseur Joe Wright kann durchaus beeindrucken, aber dennoch krankt "Abbitte", wie viele andere Literaturverfilmungen auch, an einem mäßigen Unterhaltungswert, da der Film im Mittelteil keine Spannung und kaum Dramtik aufbauen kann, der erst beim hervorragend Ende in die Höhe schießt. Durch die hervorragenden Darsteller und vielschichtige Behandlung des Themas Schuld und Vergebung, ist der Film zwar über dem Mittelmaß anzusiedeln, ist aber weder ein Meisterwerk, noch ein Epos. Vor allem für Fans von Literaturverfilmungen und Kostümfilmen zu empfehlen.

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