Werktreue ist eine schwierige Forderung an eine filmische Literaturadaption, die doch allein aufgrund der unterschiedlichen Charakteristika der Medien immer nur eine Interpretation bleiben kann. Besieht man Stuart Gordons DAGON neben Dan Gildarks CTHULHU, so können Umsetzungen unterschiedlicher nicht sein. Beiden liegt H.P. Lovecrafts THE SHADOW OVER INNSMOUTH zu Grunde.
Der 2007 auf dem Seattle International Film Festival uraufgeführte Film CTHULHU aus der Feder von Grant Cogswell fällt dabei sicher anders aus, als man es vermutet. Cogswell jedoch stand hinter seinem Projekt und versetzte Haus und Habe, um den Film in Gang zu bringen. Hürden gab es dabei einige.
Dan Gildark hatte bisher keinen Spielfilm gedreht. Er absolvierte 2003 ein Programm zur Filmproduktion am Portland Northwest FilmCenter. Seine schwammige Biografie deutet außerdem auf einen Gefängnisaufenthalt und den Dreh einiger Clips hin.
Glaubt man dem Internet, verdingte sich Grant Cogswell vor allem in der Politik. Er hat an der Seattle Monorail Initiative mitgewirkt und wollte 2001 zum Seattle City Council vorrücken. Als Autor von Gedichten gibt es hierbei eine interessante Parallele. Zu seinen Werken gehört ein Klagegedicht über den Politiker Marion Zioncheck, der sich 1936 nach einem geistigen Zusammenbruch selbst tötete. Im selben Jahr erschien THE SHADOW OVER INNSMOUTH.
Man müsste dieser Tatsache weniger Bedeutung beimessen, hätten die beiden Filmemacher sich nicht im Vorfelde geäussert, mit dem Horrorgenre am Ausgangspunkt 2003 weder Verbindungen gepflegt, noch einen Respekt hierfür entwickelt zu haben. Auch wenn in der Schöpfungsphase ein Interesse an der neuen Horrorwelle aus Japan im Stil von Kiyoshi Kurosawa entstanden sein soll, ist dies eine tollküne Aussage für Debütanten, die sich noch deutlich weiter aus dem Fenster lehnen.
Auch wenn der Dagonkult auch diese Gottheit verehrt, so erwarten Lovecraft Aficionados hinter dem Titel CTHULHU sicher etwas anderes. Gegenüber AMC äußerte Dan Gildark, er sehe in Cthulhu kein Wesen, sondern eine ambivalente Macht hinter den Grenzen unserer Wahrnehmung.
Berücksichtigt man einen signifikanten Anteil des Feedbacks, so erschütterten Gildark und Cogswell ihr Publikum jedoch nicht ausschließlich durch die freie Bearbeitung des Stoffes. Ein offen homosexueller Protagonist entspricht noch nicht den Sehgewohnheiten des ansonsten treuen Horrorpublikums.
Aber warum sollte man nicht den Fahrtwind von BROKEBACK MOUNTAIN mitnehmen und sich einer zweiten Nischenindustrie bedienen? Als Filmneuling scheint es durchaus attraktiv, einen Markt anzusprechen, der für den Kino- und Heimkinovertrieb eine eingespielte Infrastruktur aufweist. Und dies geschah immerhin zu einer Zeit, da Netflix aufgesetzte Diversität noch nicht ins Absurde treiben sollte.
CTHULHU wird in diesem Fall von Here! Films vertrieben, der von den Regent Entertainment Co-Gründern Paul Colichman und Stephen P. Jarchow ins Leben gerufenen Verkaufsabteilung des LGBT orientierten Fernsehsenders Here!.
CTHULHU beginnt mit einer Radiosprecherin, die durch wenige Worte einen aktuellen Bezug herstellt. Der Meeresspiegel steigt. Das sind tatsächlich ideale Bedingungen für Kreaturen wie die Deep Ones, die dem Ozean entstammen.
Russell Marsh (Jason Cottle) und sein Lover befinden sich im Schlafzimmer, als ihn ein Anruf mit der Nachricht über den Tod seiner Mutter erreicht. Wenige Impressionen über die Fahrt aus Seattle in den ländlich-sittlichen Teil des pazifischen Nordwestens genügen, um einen Ausgangspunkt zu formulieren. Während der Rundfunk vom Tod des letzten in Freiheit lebenden Polarbären berichtet, fragt der Esoteric Order of Dagon auf einer Tafel: "Are you ready for the end?"
Die Signale sind uns wohl bekannt. Es ist eine gegenwärtige Bedrohung. Die Natur ist an einem Punkt, der das Leben des Menschen aus seiner Komfortzone drängt. Es gibt unterschiedliche Arten damit umzugehen.
Auf der Beerdigung seiner Mutter wird zudem deutlich, daß Russell sich im Kreise der Familie und in seinem Heimatort nicht wohl fühlt. Auch wenn Antipathien bezüglich seines Lebensstils zunächst überspielt werden, so wird er unter anderem sehr sachlich über den Verkauf seines Erbes informiert, aus dessen Erlös er einen Anteil erhalten soll.
Der Film CTHULHU fällt bereits hier durch eine Erzählweise auf, die dem Zuschauer nicht die Mündigkeit entzieht. Genauso wie einzelne Szenen die Merkwürdigkeit eines Moments auf ihr Gruselpotential abtasten, werden Dialoge nicht zwingend durch Erklärungen der gezeigten Bilder belastet. So sind Emotionen aus dem Spiel abzuleiten und manche Flashbacks in einen logischen Zusammenhang zu setzen. Die Zerstreuung durch surreale Traumbilder beansprucht hierbei eine gewisse Aufmerksamkeit.
Bereichert werden die Puzzleteile in ihrer Vielfalt noch durch die Aussagen eines geisteskranken Familienmitglieds und geheime Videobotschaften der Mutter. Vom durch Hieroglyphen verzierten Artefakt bis zu schemenhaft erkennbaren Gestalten wird im engen Finanzkorsett so manche Technik bemüht, um die Phantasie zu reizen. Deutlich positiv bilden diese Eigenschaften jedoch auch den Wunsch, sich das Werk mehrfach anzusehen.
Auf diese Weise ist ein Bezug zu H.P. Lovecrafts Art, das Unbeschreibliche seine Klauen zu einem nicht mehr lösbaren Würgegriff um eine Figur schließen zu lassen durchaus gegeben.
THE SHADOWS OVER INNSMOUTH wird im Original von der Figur Robert Olmstead erzählt. Eine Verwandtschaft zu den Einwohnern spielt zunächst keine Rolle. Wer die Filmfigur Russell anhand seines Nachnamens als Mitglied der Familie Marsh identifiziert, erkennt auch, daß Grant Cogswell sich eher an Lovecrafts Motiven bedient, als eine konkrete Umsetzung anzustreben. Stuart Gordon hat diesbezüglich einen ähnlichen Ansatz verfolgt und den Protagonisten seines im auch nicht grad neu-englischen Spanien angesiedelten Films DAGON Paul Marsh getauft.
Der Geschichte nach war es der Kapitän Obed Marsh, der den Esoteric Order of Dagon gründete und die Deep Ones erstmals in Innsmouth beschworen hat.
Dieses Vorwissen kann man keinesfalls als Nachteil für den Genuß von CTHULHU auslegen. Vielmehr erhöht es den Reiz am Spiel mit den Indizien. Entgegen dem schnell graphisch ausfallenden Stuart Gordon Film inszeniert Dan Gildark ein sehr bodenständiges Drama in photographisch oft überraschender Ästhetik. Greifbar wie ein Verfall der Umwelt zeichnet sich durch ein Treffen mit Russells Jugendfreund eine frühe Spannung auf gleichgeschlechtlicher Ebene ab. Die Mißgunst Russells Vaters wird unterstrichen durch die Ansicht seiner Mutter, die Russells Platz bewußt außerhalb des Fischerkaffs sieht, um ihn in Sicherheit zu wissen.
So eigenwillig der Dagonkult im Hintergrund seine Fänge über den Ort ausgebreitet hat, so alltäglich scheint die offene und unterschwellige Ablehnung den homosexuellen Protagonisten zu belasten.
Der um Rassenvermischung zwischen Menschen und Deep Ones aufgebaute Orden gehört zu den Projektionsflächen für Interpretationen von H.P. Lovecrafts Elitevorstellungen, die bis zu seiner Wiederentdeckung zu Beginn dieses Jahrtausends seine schriftstellerische Popularität in den Vereinigten Staaten unterdrückt haben.
Cogswell hat für seine Story den früher oftmals als "drittes Geschlecht" verrufenen Schwulen gewählt, um diese Erzählweise in einer Parabel zu modernisieren. Dies geht soweit, daß die von der BEVERLY HILLS 90210 Schauspielerin Tori Spelling dargestellte Figur Susan den bald abreisenden Russell als Samenspender benutzen will, da ihr Partner zeugungsunfähig sei. So weicht sexuelle Verlockung, wie sie im Film DAGON etwa eine Rolle spielt, dem zweckmässigen Akt, da Eifersucht in dieser Konstellation nicht vermutet wird..
In den USA gibt es nahezu eine Geographie der Toleranz, nicht nur was Homosexualität betrifft. Während der eine Teil modern und aufgeklärt wirkt, sind die Vorstellungen der Puritaner und Kreationisten genauso absurd wie die Gestalten der Deep und Old Ones. Aus dieser Perspektive ist es nur ein kleiner Schritt von der religiös-fanatischen Splittergruppe zum Dagonkult, deren Gegenwärtigkeit durch Hetzkampagnen gegen vorehelichen Koitus, Abtreibung oder eben gleichgeschlechtliche Liebe nur durch ein Extraquentchen Wahnsinn erweitert werden muß.
Wie hoch der Kontrast in der Wirklichkeit ist, bezeugt ein Blick in die Userkritiken der Filmdatenbank IMDb. Eine Aussage, CTHULHU ohne Monster sei wie JURASSIC PARK ohne Dinosaurier, zeugt zwar von einer einseitigen Vorstellung vom Schaffen H.P. Lovecrafts, ist aber auch auf eine unglückliche Titelwahl zurückzuführen. Während jedoch einerseits die Qualitäten des Films bejubelt werden, lassen andere ihre Irritation in ungerechtfertigten Angriffen auf Regie, Schauspiel, Kamera und Drehbuch aus. In plumpen Formulierungen offenbaren Autoren ihr Unverständnis der Darstellung. Es mangelt an Empathie für die Gefühlswelt des Protagonisten, die bis zu der Frage führt, warum die sexuelle Orientierung der Hauptfigur eine so große Rolle spiele. Die Entrüstung wurzelt in einer festen Erwartungshaltung, was als gesellschaftlicher Spiegel durchaus analog zu den Vorstellungen von Russells Vater gesehen werden kann.
Die Entscheidung, an welchen Stellen Mythos und Wahrheit überlappen, überlässt CTHULHU dem Publikum bis zum bitteren Ende. Während andere Horrorfilme sich in ihrer Treue zum Sujet Lächerlichkeit oder mangelhaften Grusel vorwerfen lassen müssen, ergibt sich so die vielleicht einzige legitime Form des Horrors, die uns heute noch betreffen kann.
Denkt man darüber hinaus an die Welle von politischer Realität beeinfluster Horrorfilme, die im Anschluß von SAW und HOSTEL den Markt mit Folterbildern überschwemmten, so kam 2007 mit CTHULHU ein erfrischendes Konzept heraus. Jetzt lauert der Film, entgegen der frühen Festivalfassung noch um ein paar Längen getrimmt, in den Schatten, um von aufgeschlossenen Zuschauern entdeckt zu werden.
CTHULHU ist nicht nur pfiffig, sondern entgegen den regelmässig an Teenager adressierten Multiplex-Horrorspektakeln den Emotionen einer reiferen Generation nahe. Russell Marsh ist eine Rolle, die man auch mit einem erwachseneren James Dean hätte besetzen können, der durch Familienbande untrennbar von dem ist, wogegen er rebelliert hat. Hierin offenbart sich die vielschichtige Qualität eines Schwulendramas wie Horrorfilms, der auch nach einem finalen Sieg über die Homophobie noch funktionieren wird.