Mit „Fieberhaft“, im Original „Rush“ genannt, gab die vor allem als Produzentin tätige Lini Fini Zanuck ihr Regiedebüt, war aber glücklos – danach drehte sie keinen weiteren Spielfilm mehr, nur noch ein paar TV-Episoden, und ging zurück zu ihren Produzententätigkeit.
Die Verfilmung von Kim Wozencrafts Buch spielt zwar im Jahr 1974, könnte aber auch ein Film der Gegenwart sein – in den frühen 1990ern plagte die Crack-Epidemie Amerika, außerdem ist der Look des Films nicht auf 1970er getrimmt. Eine Plansequenz führt den Dreh- und Angelpunkt des Films ein, die Bar von Will Gaines (Gregg Allman), wenn die Kamera dem Besitzer durch das Etablissement folgt. Der vorsichtige, aber entschlossene Gaines steht in dem Ruf ein besonders großer Drogenhändler in seiner ländlichen Gemeinde zu sein, doch bisher konnte ihm keiner etwas nachweisen.
Genau aus diesem Grund setzt Lieutenant Dodd (Sam Elliott) den erfahrenen Undercoverermittler Jim Raynor (Jason Patric) auf Gaines an. Der soll einen Partner unter den Rekruten der Polizeiakademie aussuchen, wobei sein Wahl auf die junge, aber kompetente Kristen Cates (Jennifer Jason Leigh) fällt. Die soll als seine Freundin auftreten, wofür er sie coacht. Das Besondere an den Ermittlungen: Außer Dodd weiß niemand davon, weshalb die beiden keine Unterstützung erwarten können, keine Sonderbehandlung bei einer eventuellen Verhaftung. Sie haben nur sich selbst, das macht „Fieberhaft“ von Anfang an klar.
Schnell steigen die beiden als Drogenkäufer in die lokale Szene ein und sind auch gezwungen selbst Drogen zu konsumieren, um das Vertrauen der Dealer zu gewinnen – daher auch die fehlende Publikmachung in der Polizei. Doch bald haben beide mit den Folgen des Drogenkonsums, bis zur Abhängigkeit, und mit der Härte des Undercoverdaseins zu kämpfen…
Während der Polizeifilm der späten 1980er und 1990er von harten Actioncops, serienkillerjagenden Superhirnen und lustigen Buddies dominiert wurde, so versuchte sich eine Gruppe kleiner budgetierter Filme an eher realistischen Portraits von Polizeiarbeit. „Fieberhaft“ steht dabei Bill Dukes thematisch ähnlichem „Deep Cover“ sowie Dennis Hoppers nüchternem, fast dokumentarischen „Colors“ nahe. So gibt es hier keine ausgefeilten Plottwists, keine raffinierten Superschurken und keine großen Schauwerte – ein kurzer Schusswechsel gegen Ende, mehr gibt es nicht. In diesem Sinne ist dann auch die gezeigte Polizeiarbeit, ein repetitives Kaufen von Drogen, Abliefern beim Vorgesetzten, Kassieren von neuem Geld zum Drogenaufkauf. Da sich „Fieberhaft“ jedoch um ein authentisches Bild bemüht, langweilen die Wiederholungen nicht, sondern vermitteln eher eingängig wie monoton und einsam das Undercoverdasein kann, aller Gefahr des Auffliegens zum Trotz.
Gleichzeitig ist „Fieberhaft“ auch ein Suchtdrama, ähnlich wie „Requiem for a Dream“ oder „Jim Carroll – In den Straßen von New York“. Jim und Kristen werden selbst immer mehr zu Junkies, Jim liefert die Beweise teilweise gar nicht ab, sondern konsumiert sie. Dass die beiden nicht nur zum Schein ein Paar sind, macht das Ganze noch deprimierender: Sie müssen sich gegenseitig auf kalten Entzug setzen oder legen ein erschreckendes Verhalten an den Tag, etwa wenn Jim seine leidende Partnerin zur sexuellen Triebabfuhr nutzt. „Fieberhaft“ beschreibt das Abrutschen in die Sucht und die Trostlosigkeit auf der Suche nach dem nächsten Rausch, macht somit aber auch klar, dass die Kleindealer, meist selbst süchtig, welche Jim und Kristens ans Messer liefern oder zu Informanten machen, im Grunde selbst arme Schweine sind.
Dabei stellt „Fieberhaft“ dem Polizeiapparat ein rabenschwarzes Zeugnis aus und bricht klassische Heldenmuster des Genres. Auch hier zeigt der erfahrene Cop dem Rookie den Weg, nur führt dieser in die Drogensucht. Die Vorgesetzten machen sich nicht die Hände schmutzig, Dodd ist wohlmeinend, aber ineffektiv und der Polizeichef ist der Bigotteste von allen: Sonntags geht er mit der Ehefrau in die Kirche und will Gaines als vermeintlichen Schandfleck des Städtchen und Verführer der Jugend loswerden, doch um dieses Ziel zu erreichen, sind ihm Regeln und Gesetze, ja sogar Beweise für Gaines‘ Schuld egal. Am Ende des Films ist eine Figur ermordet worden, eine andere in den Selbstmord getrieben und ein finaler Akt der Selbstjustiz ist nicht die typische Katharsis des Polizeifilms, sondern ein Eingeständnis, dass „Fieberhaft“ am Ende nur Verlierer kennt.
Dass „Fieberhaft“ dabei so einen Impact hat, liegt auch an den beiden Hauptdarstellern. Jason Patric, sonst öfters mal blass unterwegs, erbringt eine seiner besten Leistungen und Jennifer Jason Leigh ist sogar noch besser als Anfängerin, die bei ihrem ersten Einsatz die Hölle erlebt. Sam Elliot spielt solide, ist aber von seinen Glanztaten entfernt, dafür ragen drei andere Nebendarsteller heraus: Max Perlich als süchtiger Kleindealer, Gregg Allman als enigmatischer, rabiater Gates und vor allem William Sadler als tätowierter, leicht freakiger Drogenkoch.
Mit diesem großartigen Besetzung und seinem authentische Gestus überzeugt „Fieberhaft“ ohne den Polizeifilm neu zu erfinden. Doch der Verzicht auf Schauwerte oder einen verschachtelten Plot ehrt Lili Fini Zanucks, der gleichzeitig als Portrait und als Studie von Drogensucht zu packen weiß.