Gleich vorneweg: "Mushishi" wird es nicht leicht haben in Deutschland, sollte er jemals hier veröffentlicht werden (nicht nur wegen dem Titel, der in Deutschland natürlich leicht zu pubertären Witzen einlädt). Anscheinend sind die hiesigen Erwartungen an Fantasyfilme noch immer mit Tempo, Action, aufgesetztem Humor und Popcornstimmung verknüpft, wie man sie alljährlich zu Weihnachten aus Hollywood serviert bekommt. "Mushishi" geht dabei aber exakt den entgegengesetzten Weg, was hierzulande dann leider oft mit Langeweile gleichgestellt wird.
Dementsprechend waren auch die Reaktionen der Unterhaltungshedonisten auf dem Fantasy Filmfest 2007 eher vernichtend, wobei natürlich noch hinzukommt, dass man den Regisseursnamen Ôtomo Katsuhiro immer noch nur mit "Akira", dem wahrscheinlich exzessivsten Animationsfilm der Filmgeschichte, verbindet. Man kann also leicht in falsche Erwartungen rutschen, wenn man sich entschließt, sich den Film zu Gemüte zu führen. Was genau sollte man dann aber erwarten?
Zunächst einmal muss festgehalten werden, dass Ôtomos Film sich in erster Linie (aber längst nicht ausschließlich) an Kenner der Mangavorlage richtet. Die Debut-Serie der damaligen Newcomerin Urushibara Yuki zählt zu den populärsten (und besten) Mangaserien der Gegenwart, und das, obwohl die Zeichnerin mit den Erwartungen an einen Fantasy-Manga in etwa so umgeht wie Ôtomo mit westlichen Erwartungen an einen Fantasy-Film. Schuld daran ist vor allem das faszinierende Konzept der mushi, insektenhafter Kreaturen, die für die meisten Menschen unsichtbar sind, aber ihr Schicksal, häufig in Form von Krankheiten, ständig beeinflussen. Sie können auch die Quelle großer Macht und sogar Unsterblichkeit sein, denn sie selbst sind Teil des Lebensstroms, der allem Lebenden zugrunde liegt. Mushi tauchen in den unterschiedlichsten Gestalten auf: als tierähnliche Wesen, amorphe Massen, als Schriftzeichen, als Regenbogen und sogar in menschlicher Gestalt.
Auch wenn mushi nur von wenigen Menschen direkt wahrgenommen werden können, gibt es doch viele, die durch ihre Präsenz, oft ohne etwas von den Ursachen zu ahnen, leiden müssen. Abhilfe schaffen sogenannte mushishi, eine Art wandernde Heiler, die über großes Wissen über die rätselhaften Kreaturen verfügen und befallene Menschen gegen Vergütung behandeln. Einer dieser mushishi ist Ginko, der weißhaarige Protagonist des Films. Ginko hat durch die Einwirkung der mushi einst sein Gedächtnis verloren, wird aber auf seiner Reise mit Vorgängen konfrontiert, die ihn wieder näher an seine Vergangenheit und seine rätselhafte Lehrmeisterin zurückführen.
Der Hauptunterschied zwischen Manga und Realverfilmung liegt sicherlich in der Erzählweise: Der Manga ist in relativ kurze Episoden von rund 50 Seiten strukturiert, die jeweils eine Konfrontation Ginkos mit einer bestimmten mushi-Art schildern und wie in sich geschlossene Kurzgeschichten funktionieren. Bis zum Schluss von Band 3 (in Japan ist mittlerweile Band 7 erschienen; in den USA ist man bei Band 3, auf eine deutsche Übersetzung wartet man - Stand: April 2008 - wieder mal vergebens) erfährt man relativ wenig über Ginkos Vergangenheit. Die einzelnen Episoden lassen sich im Prinzip in beliebiger Reihenfolge lesen. Urushibara schafft dabei etwas, was ich sonst eigentlich njr von Neil Gaiman kenne: Diesen magischen Gänsehaut-Moment am Ende einer jeden Episode, den perfekten Abschluss, den nur ganz große Erzählkünstler zu Stande bringen (und den Manga in seinem Heimatland zu Recht auch von Kritikerseite mit Loorbeeren überhäuft hat).
Eine solche Erzählweise eignet sich natürlich besser zur filmischen Umsetzung in Serienform, die dann auch 2005 in Form einer Anime-TV-Serie folgte. Ôtomo muss für eine Kinoumsetzung natürlich andere Wege gehen. Aus den ersten drei Bänden (über mehr kann ich derzeit noch nicht berichten) sind nur vier Einzelepisoden in des Filmskript verknüpft worden. (Wer die englischen Manga kennt: "The Soft Horns", "The Sea of Brushstrokes", "Rain Comes and a Rainbow is Born" und "The Fish Gaze") Anstatt der linearen, episodischen Erzählweise webt Ôtomo ein komplexes narratives Netz, dass immer wieder in Ginkos Vergangenheit springt, jenes traumatische Erlebnis zurückspringt, mit dem Band 3 des Manga seinen Abschluss findet. Der episodische Ursprung ist noch immer erahnbar, ist hier aber im Kern einer filmischen Dramaturgie gewichen.
Das Erzähltempo des Films ist äußerst langsam, was aber keinesfalls mit langatmig verwechselt werden darf. Um bei der komplexen Geschichte (besonders ohne Kenntnis der Vorlage) den Überblick zu behalten, ist reichlich Konzentration gefordert. Dennoch wird der Schluss bei den meisten wohl mehr Fragen aufwerfen als beantworten. Die absolute Ratlosigkeit, die den Zuschauer am Ende überfällt, hat aber durchaus ihren Sinn, wenn man sich mit der Materie näher befasst; soviel sei verraten.
Zudem nimmt sich Ôtomo viel Zeit, um in die geheimnisvolle Welt der mushi einzuführen. Das Konzept der seltsamen Kreaturen, die auf einer anderen Ebene des Dasein existieren, wir dem Zuschauer sehr gut nahegebracht, nicht nur durch die Erzählung selbst, sondern besonders durch die traumhafte Inszenierung. Auch wenn "Mushishi" keine Action im klassischen Sinn bietet, ist der Film reichlich angefüllt mit modernster Special-Effects-Technik, um die mushi adäquat für die Leinwand umzusetzen. Dabei hat "Mushishi" seinen high-budget-Kollegen aus Hollywood vor allem eines voraus: Hier werden CGI-Effekte zur Schaffung einer rein künstlerischen Ästhetik verwendet und nicht zur Schaffung möglichst naher fotorealistischer Bilder, die sich dem Diktat des fotografierten Bildes auf ewig unterwerfen. Die Effekte in "Mushishi" dagegen sind nicht echt, sie agieren, wie der ganze Film, auf einer traumähnlichen Ebene, die mit unserer Realität zwar verwandt ist, aber irgendwo jenseits davon zu liegen scheint.
Es sind aber nicht nur die Effekte, die "Mushishi" auf diese Ebene heben: Der Film lebt zum mindestens gleichen Anteil von seinen großartigen Naturbildern von nebelverhangenen Wäldern und abgelegenen Bergdörfern, die diese seltsam entrückte Atmosphäre schaffen. Schon der Manga war in seinem Setting nicht sehr klar definiert und schwebte irgendwo an der Schwelle zwischen klassischem und modernen Japan. Ginko ist der einzige, der in der Geschichte mit westlicher Kleidung herumläuft, während sich der Rest der Umgebung eher traditionell gibt. Aber "Mushishi"'s Figuren sind keine Samurai oder Städtler, sondern Bauern und Bewohner abgelegener Dörfer, was es der Geschichte eben ermöglicht sich von einem in der Realität begründeten Setting zu distanzieren. Alles ist sehr japanisch, aber es ist nicht das wirkliche Japan (auch nicht das der Vergangenheit), sondern das Japan von "Mushishi".
All das macht "Mushishi" zu einem wahren Fest fürs Auge, was es schon fest rechtfertigt, den Film als Bildschirmschoner zu missbrauchen, sollte man mit der Story nichts anfangen können. Hat man aber einmal beim Plot angebissen, entwickelt der Film eine ungemeine Sogkraft, die den Zuschauer jenseits klassischer Klischees von "Spannung" an den Film fesselt.Die Darsteller machen ihr Handwerk ausgezeichnet. Odagiri Jô hat sicherlich dabei das Problem, dass man im Realfilm mit weißen Haaren immer etwas alberner aussieht als im Manga, ist aber trotzdem der perfekte Ginko. Die überirdische Aio Yû ist natürlich wie immer ein Traum, und auch der Rest des Cast fügt sich harmonisch ins Bild. Die Musik trägt sehr viel zur meditativen Wirkung des Films bei und fördert die ätherische Wirkung des Films. Ausstattung, Kostüme und Settings sind natürlich ebenso über alles erhaben.
Alles in allem ist "Mushishi" ein sehr spezieller, aber großartiger Film mit einer ganz eigenen Mythologie, der allen Freunden origineller, ruhig erzählter und vor allem magischer Fantasyfilme wärmstens empfohlen ist.
Und nein, man sollte nicht das erwarten, was man üblicherweise mit dem Namen Ôtomo verbindet...