Melancholie der Engel (2009)
Viele Jahre waren die beiden Freunde getrennt. Eine düstere Vergangenheit verbindet sie. Nun weiß einer der beiden, dass er nicht mehr lange zu leben hat… Zusammen mit drei Frauen kehren sie zu jenem Haus zurück, in welchem sich die damaligen Ereignisse zugetragen haben. Als schließlich ein mysteriöser alter Mann mit seiner Begleiterin zu der Gruppe stößt, kommt es zur fatalen Wendung des Geschehens, in dessen Verlauf sich die tiefsten menschlichen Abgründe offenbaren…
Regisseur „Marian Dora“, der seinen Ruf als Skandal Regisseur nicht ohne Grund besitzt, ist nach seinem offiziellen Filmdebüt „Cannibal (2005)“ der aufgrund von Gewaltpornografie im Zensurland Deutschland auf § 184a StGB gelandet ist, noch einen Schritt weiter gegangen und präsentiert mit „Melancholie der Engel“ vier Jahre später 2009 einen weiteren kontroversen Filmbeitrag, dass den Mainstream Zuschauer erstarren lässt. Von Kunst Delinquenten gehasst und von Genre Fans geliebt, doch hinter „Melancholie der Engel“ verbirgt sich mehr, als man auf den ersten Blick sieht und erwartet.
Die Story ist gewohnt minimalistisch in Szene gesetzt und spielt wie auch in „Cannibal“ eine eher sekundäre Rolle. Der Fokus liegt deutlich in der Message, auf die man absolute Priorität setze. Verfeinert wird der audiovisuelle Beitrag durch ästhetische Bilder und einer kontroversen Gewaltorgie mit allen nur erdenklichen Tabubrüchen. Koprophilie, Urophilie, Emetophilie, Exkrementophilie im Allgemeinen, Nekrophilie, Zoophilie, Sadismus, Masochismus, Mord und sogar Tiersnuff wird hier zelebriert. Also kurzum die komplette Bandbreite der Abscheulichkeiten durch.
Wo andere Regisseure eine Hemmschwelle haben, hält „Marian Dora“ seine Kamera voll drauf und zeigt damit, dass Kunst keine Grenzen kennt. Das Resultat sind dann explizite Szenen, die bei den meisten Zuschauern tatsächlich ein „Filmerlebnis“ hervorrufen. Sei es ein mulmiges Gefühl oder gar würgen. Denn spaßig ist „Melancholie der Engel“ gewiss nicht. Auch ist der Film kein Unterhaltungsprogramm, sondern dient in seiner Machart als philosophischer Denkanstoß, sodass man aus diesem Aspekt durchaus von einem intelligenten Anspruchskino sprechen kann.
Also Kunst und Philosophie in einem kontroversen Drama verpackt? Was ist die schwer zu entdeckende Message von „Melancholie der Engel“?
Hier liegt das Problem des Films! „Marian Dora“ erwartet, dass ein jeder Zuschauer Zugang zur Thematik besitzt, vergisst aber dabei die Aussage des Films in sich selbst, denn das, was kritisiert wird, dass durch mangelnden Intellekt, Oberflächlichkeit und fehlender Tiefe des Menschen eben die Botschaft nicht verstanden werden kann. Mit einfachen Worten ausgedrückt, den Film wird man nur verstehen können, wenn man seine rosarote Brille abnimmt und die Scheinwelt, in der wir leben und als Realität bezeichnen beiseitelegen. Das, was wir zu sehen bekommen ist aus einem gewissen Blickwinkel die „echte“ oder „wahre“ Realität. Der Mensch ist nun mal eine Bestie, aber nicht weil wir so geboren wurden, sondern weil wir zu dumm sind, den Evolutionssprung zu vollziehen.
Besonders deutlich wird dieses bei „Melancholie der Engel“ in der ersten halben Stunde, wo beim Prolog „Empedokles“ angesprochen wird. Seine Philosophie spielte auf eine gewaltfreie Gesellschaft auf und zog sich oft Spiritualität und Mystizismus zur Hilfe. „Kant“ versuchte es mit der Metaphysik und „Nietzsche“ sprach vom Nihilismus, die Verneinung aller Werte. „Melancholie der Engel“ ist genau diese Aussage, dass alles irrelevant und vergänglich ist, dass ein Bestreben nach Zukunft sinn frei ist. Alles ist vergänglich auch das Leben.
Epistemologisch ist „Melancholie der Engel“ garantiert kein Meisterwerk, da die Botschaft zwar wichtig ist, aber nur plakativ fokussiert wurde. Kritik an der abrahamitischen Theologie, Kritik am Gesellschaftssystem alles nichts Neues und fast etwas naiv, das von alternativen oder gar Lösungen nur ansatzweise etwas vermittelt wurde. So ist „Melancholie der Engel“ ein nihilistischer unkonventioneller Independentfilm, der mehr provozieren möchte als Aufklären. Wobei in einer Sache muss man ihm recht geben, der Mensch ist scheiße und da ist eine gesunde Misanthropie schon löblich.
Mit 160 Minuten Spiellänge benötigt man schon Ausdauer und Sitzfleisch, doch hat man die ersten 60 Minuten Einführung überstanden nimmt der Film an Fahrt auf und wird kontinuierlich drastischer in seinen Bildern und Exzessen. Die Umsetzung ist natürlich wieder grandios und sensationell abgestimmt. Die Kamera fängt ästhetische Bilder ein, die typischen Nahaufnahmen, das grobkörnige Bild, der Score, der Schnitt, die Ausleuchtung usw. All dieses trägt zu einer tollen, kühlen Atmosphäre bei, die den Film auch gut tut. Aus kreativen wie technischen Aspekt perfekt umgesetzt.
Die kontroversen Szenen:
Ja doch… geht schon gut ab. Zwar nicht wirklich die ultimative Splatter und Gore Schlacht, doch „hart“ und „verstörend“ genug um mit, in ein Ranking der härtesten Filme aufgenommen zu werden und hier siedelt er sich auch schon recht hoch an. „Cannibal“ wirkte zwar noch härter, aber passt schon. Die Menschenverachtung kommt gut durch. Etwas unnötig hingegen sind die zurecht oft kritisierten Tiersnuff Szenen. Und hier gibt es auch extremen Punkt Abzug für. Denn das hat nichts mehr mit Kunst zu tun! Kunst wäre es gewesen, wenn es fiktiv nachgestellt ist, echte Tiere zu Töten ist ein No Go! Daher klar Punkt Abzug.
Fazit:
„Melancholie der Engel“ ist sicherlich ein interessanter Film, den man mal gesehen haben sollte. Doch ob der Hype berechtigt ist, ist fraglich. Er ist hart, verstörend, ekelig, beklemmend, krass, aber auch intelligent und ästhetisch. Ein typischer „Marian Dora“ Film halt. Subjektiv bereue ich es nicht den Film trotz Überlänge gesehen, zu haben. So kann ich den Streifen empfehlen.
Bewertung:
7,0 / 10 Punkte.