Season 1
erstmals veröffentlicht: 11.09.2016
Es reicht eigentlich schon, sich einen alten Bogart-Streifen anzusehen, um zu erkennen, wie extrem sich das Gesellschaftsbild in den letzten Jahren verändert hat; doch mit der in den 60ern angesiedelten Serie "Mad Men" wurden Würfel in die TV-Geschichte geworfen, die sich dieser Veränderung ganz explizit widmen und sie bis ins letzte Atom sezieren.
Ironischerweise hat man von Angestellten der Werbebranche und ihrem Arbeitsfeld kaum ein anderes Bild als jenes, das hier gezeichnet wird: Progressives Denken um zwei und mehr Ecken, um den Endkunden gegen seine eigenen Emotionen auszuspielen, so etwas würde man ihnen auch heute noch zugestehen. Ein Büro allerdings, in dem den ganzen Tag geraucht, getrunken und sexuell belästigt wird und all dies sogar zum guten Ton gehört, so etwas würde heute ganz zweifellos zu einem anachronistischen Paralleluniversum und auf lange Sicht zur unvermeidlichen Implosion führen.
Interessant, dass die Serie die vielen Exzesse und die Objektifizierung der weiblichen Sekretärinnen in Männerbüros nicht etwa deutlich verurteilt, sondern einfach trocken wiedergibt und die reine Differenz gegenüber zeitgemäßen Normen wirken lässt. Trotz ihrer ausgeprägten Domäne wirken die Männer rückblickend eher schwach, scheinen sie doch letztlich Opfer ihrer eigenen Macht zu sein; unter den Frauen indes, die sehr unterschiedliche Überlebensstrategien entwickeln, arbeitet schon die erste Staffel starke Charaktere heraus, auch wenn beispielsweise Elisabeth Moss oder Christina Hendricks auf diesem Weg viele Erniedrigungen über sich ergehen lassen müssen, die jedoch stets mit Fassung getragen werden.
Prägend sicherlich auch der papierne, stocksteife Look, der Jon Hamm durch Meetings und Seitensprünge begleitet, hin und wieder von der unwirklichen, knallbunten Fantasiewelt der Werbung unterbrochen. Trockene Dialoge bestimmen das Geschehen, führen meist zu Abschlüssen in Sachen Geschäft oder Sex. Der fremdkörperartige Einschub einiger Hippie-Elemente veranschaulicht die sich selbst verschlingende Weltansicht der Anzugträger von der Madison Avenue, alles nicht Zweckmäßige mit alienesker Neugier zu begutachten.
Eine stringente Handlung wird bei alldem nicht zu streng verfolgt. Gut so, denn die Auftaktstaffel vermeidet dabei einen allzu konventionellen Ablauf und lässt lieber das eigenwillige Szenario für sich arbeiten. Die Machenschaften im verqualmten Werbebüro sind für sich genommen schließlich spannend genug.
Die Autoren der zweiten Staffel konzentrieren sich darauf, die unter einer Fassade der Selbstverständlichkeit verborgenen Unfassbarkeiten des gesellschaftlichen Alltags mit einem trockenen Geräusch aufplatzen zu lassen. So werden die Folgen des längst zur Normalität gewordenen Alkoholismus an der nassen Hose eines Mannes sichtbar, der sich mitten am Tag in seinem Büro einpinkelt und es zunächst nicht einmal bemerkt. Auch merkt man es bereits an der Beziehung zwischen Don und Betty Draper, in der ein neues Auto und eine sich übergebende Ehefrau zur Pointe eines ohnehin längst brüchigen Ehelebens werden.
Zwar lässt die Serie ihre bleiche Maske der Teilnahmslosigkeit nicht fallen, so dass man in aller Öffentlichkeit weiter rauchen, saufen und in jedweder Hinsicht unter die Gürtellinie schlagen darf, doch einzelne Figuren werden durchaus mit der erschreckenden Wahrheit konfrontiert, dass sie von ihren eigenen Rollenbildern systematisch unterdrückt werden. Das gilt für die selbstsichere Bürodame ebenso wie für den leicht trotteligen Werbefachmann, der von seiner Frau dazu gedrängt wird, eine Gehaltserhöhung und eine eigene Abteilung zu erstreiten.
Gott und seine Glaubensvertreter spielen in alldem eine bewusst klein gehaltene Rolle (Colin Hanks), meist als möglicher Ausweg aus dem urbanen Dschungel das Dazugehörenwollens, zu dem auch eine extra bunt inszenierte Odyssee gehört, der sich Don Draper anschließt, um seinem aufregend langweiligen Leben einmal zu entfliehen – und vielleicht auch einen Anknüpfpunkt an seine eigene Vergangenheit zu finden, die weiterhin mit kurzen, überraschenden Anekdoten aufgedeckt wird - Jon Hamms strichmündiges Spiel wirkt dadurch nur noch steinerner.
Mag die Serie durch ihr zeitloses Szenenbild und das unerschütterliche Selbstverständnis nach außen hin so erscheinen, als könnte sie jeden Uhrzeiger zum Stehen bringen, breitet sich unter der Oberfläche eben doch Geschichte aus wie eine Pfütze unter stetem Tropfen. Gerade die dritte Staffel versteht sich darauf, das Leben der Figuren in einen Parallelismus zu historischen Ereignissen zu setzen. Als Präsident John F. Kennedy in Dallas erschossen wird, scheint die Welt für einen Moment vor Ehrfurcht zu erstarren. Das bis dahin so fest etablierte Gesellschaftsbild gerät ins Wanken; es fängt sich zwar schnell wieder, doch im Grunde ist nichts mehr so wie es war, weder im Privaten noch im Beruflichen.
Es geschehen eine Menge Dinge im dritten Jahr der Serie im Hause Draper: Tochter Sally entwickelt einen störrischen Charakter, Dons Vergangenheit wird gelüftet und seine Ehe mit Betty gerät endgültig in Schieflage. Zudem verschwindet Sal für immer aus der Serie. Doch nichts davon bemüht einen vergleichbaren Exkurs wie Dons Tage in einer Hippie-Kommune in der zweiten Staffel.
Angesichts der sich überschlagenden Ereignisse der letzten Episode darf man davon ausgehen, dass sich fortan vieles ändern wird, auch wenn wohl auch weiterhin so viele Zigarren geraucht und so viel Whiskey getrunken wird wie bisher.
Sterling Cooper Draper Price. So schwungvoll der Name, so frisch der Neuanfang. Obwohl sich eigentlich nur wenig geändert hat: Die letzten Nachzügler haben zur neuen Agentur gefunden und alles ist im Grunde wieder beim Alten; die Schlange hat sich lediglich gehäutet. Was nicht ausschließt, dass die Staffel nicht ganz erhebliche Probleme mit Kunden thematisieren würde, bis hin zur Aufkündigung des Arbeitsverhältnisses mit einem langjährigen Vertragspartner, der bis zur Existenzbedrohung reicht. Auch privat läuft es für die Beteiligten immer weniger rosig: Das ohnehin bereits gebrochene Verhältnis zwischen Betty und Don vergiftet zunehmend beide Parteien und zieht die Kinder gleich mit in ein tiefes Loch. Don hat darüber hinaus mit einer schweren Identitätskrise zu kämpfen, die sich wie ein grauer Schleicher über sein Arbeits- und Privatleben legt, das lediglich durch kurzfristige Lichtblicke Höhepunkte erfährt.
Weiterhin ist die Serie brillant darin, Bezüge zwischen Gesellschaftlichem und Privatem aufzustellen. Offenes Drama erlaubt sie sich nicht, sondern verweilt selbst dann noch in Werbepose, wenn die Trümmer unübersehbar sind. Dass „Mad Men“ samt seiner euphorischen Kritiker-Rezeption retrospektiv als Serie für Hipster eingeordnet wurde, ist ein Gedanke, dessen Zustandekommen man einerseits nachvollziehen kann; andererseits ist die Serie eben einfach so verdammt gut.
Mit ihrer Tanzaufführung gleich in der ersten Folge macht Jessica Paré schon früh klar, auf wen die Blicke in dieser fünften Staffel hauptsächlich gerichtet sein werden. Die neue Frau im Leben Don Drapers sorgt dafür, dass in der Welt von Sterling Cooper Draper Pryce der Gesprächsstoff zwischen Heinz Beans und Jaguar nicht ausgeht.
Völlig in den Hintergrund gerückt wird hingegen January Jones, deren Betty sich nur kurzzeitig wieder in den Vordergrund schieben und dort wichtig machen darf; dabei drückt die auch im fünften Jahr fließend geschriebene Serie unmissverständlich aus, dass sie auch ohne alte Eheeskapaden ihren Weg findet.
Während sich die 60er langsam auf ihr Ende zubewegen, teilt sich die Handlung zunehmend in Einzelschicksale auf. Haben Don mit Megan völlig andere Probleme durchzustehen als Don und Betty in den ersten Staffeln, tragen auch seine Arbeitskollegen ihre eigenen Päckchen, die in einigen Fällen zu getrennten Wegen oder gar Sackgassen führen. Wie üblich hält sich der Impact selbst dramatischster Entwicklungen auf das von der Serie transportierte Lebensgefühl jedoch in Grenzen. Einige Figuren verlassen die Serie mit Paukenschlägen, nicht minder schillernde Exemplare wachsen dafür nach; und an den Manierismen ändert sich derweil nicht das Geringste, auch wenn die Zeit langsam gegen den allmorgendlichen Drink im Büro zu laufen beginnt.
Die 60er laufen in die Zielgerade ein. Martin Luther King und Robert Kennedy werden erschossen, „Planet der Affen“ feiert seinen Kinostart und irgendwo dazwischen knüpfen die Autoren mit ungebrochener Motivation ihre Handlungsstränge rund um Werbeleute und ihre Kunden, deren kleine Geschichten nach wie vor gesellschaftliche Kontexte auf subtile Weise abbilden.
So zerbröckeln zunehmend die festen Familienstrukturen, die noch ein Jahrzehnt zuvor das unbestrittene Zentrum amerikanischer Gesellschaftsordnung bildeten. Subplots um Affären und One-Night-Stands werden im Vergleich zu früheren Staffeln sinnvoll variiert, der Wunsch nach Freiheit und Individualität bei Mann und Frau nicht ganz ohne Konsequenzen ausgedrückt. In Episode 8 beispielsweise findet eine vortrefflich geschriebene Einbruchsszene statt, bei der Dons Kinder nicht nur völlig alleine mit einer Einbrecherin im Apartment konfrontiert werden, sondern damit die Geborgenheit bröckeln sehen und zugleich die Fassade des zivilisierten Miteinanders.
Die Serie bewahrt dabei die Fähigkeit, ihr reichhaltiges Repertoire an unterschiedlichen Figuren voll zu nutzen und ihre Fäden ineinander greifen zu lassen, wobei einige Figuren naturgemäß intensiver behandelt werden als andere. Es ist vielleicht diesmal wieder Peggy (Elisabeth Moss), die herausragt; als womöglich stärkste Frau der Serie verkörpert sie den Aufstieg der Frauenrechte wie keine andere, durchlebt jedoch diesmal wegen Ted (Kevin Rahm) eine emotionale Achterbahnfahrt, die ihren natürlichen beruflichen Aufstieg mit Schlaglöchern im Bereich des Privaten versieht. Ihr Auf und Ab trägt entscheidend dazu bei, eine wilde Zeit der Umbrüche nachzuzeichnen – eine der ganz großen Stärken von „Mad Men“, und das aus der Distanz, ohne jemals völlig in die Hotspots eintauchen zu müssen.
1969. Das Ende ist da. Als die Protagonisten aus sieben Jahren Madison Avenue mit ihren Liebsten auf der heimischen Couch sitzen und live verfolgen, wie Neil Armstrong den wichtigsten Schritt seines Lebens macht, ahnen sie möglicherweise, dass ihr bisheriges Dasein ein für allemal der Vergangenheit angehört. Der lange Zeit unerschütterliche Status Quo zerbricht noch nicht vollständig; selbst mit dem allerletzten Abspann hält er Stellung. Doch das Wissen um seine Unausweichlichkeit ist nach insgesamt 92 Folgen endlich in die Wahrnehmung einer jeden einzelnen Figur eingedrungen.
Für die meisten Charaktere aus „Mad Men“ geht es daher am Ende ihres Serienlebens darum, mit sich selbst reinen Tisch zu machen. Für einige von ihnen bedeutet das vermutlich eine glückliche Zukunft, andere wiederum treten den letzten Gang in die Isolation an, der trotz gegenteiliger Bemühungen für sie vorbestimmt war.
Es ist nicht direkt ein sentimentaler Abschied, obwohl sich so manches Bild vom nahenden Sonnenuntergang im Cabrio eingeschlichen hat, das ebenso gut die Plakat-Fantasie eines Werbetexters sein könnte. Insgesamt hält sich die trockene Pose tapfer und verschiebt den Bruch der Dämme auf die Zeit nach dem Finale. Jedoch ist die letzte Metamorphose der Agentur diejenige, die tatsächlich alles verändert, egal, ob es sich dabei um berufliche oder private Entwicklungen handelt.
Man hätte möglicherweise erwartet, dass die Drehbuchautoren die Vergangenheit von Hauptfigur Don Draper in diesem Zusammenhang endgültig klären, was nicht in vollem Umfang geschieht. Letztlich besteht dazu auch keine Notwendigkeit. Viel wichtiger ist es, dass herausgearbeitet wird, wie Draper seit jeher mit seiner eigenen Identität hadert. Die Desorientierung der Figur wurde jedenfalls nie stärker herausgestellt als in der finalen Doppelstaffel. Viele Episoden beginnen wie ein luzider Traum, der die Funktion einer reinigenden Selbstanalyse einnimmt. Die Fassade aus lukrativen Werbeverträgen und beruflichem Ansehen wird eingerissen, was zwangsläufig zum Blick in den Spiegel führt, der manches Mal mit Tränen, mit einem Lächeln der Erleichterung oder auch mit einem Schulterzucken abgeschlossen wird.
Und nachdem die Mad Men über Jahre durch ein Meer aus Scheinwahrheiten getrieben sind, nachdem sie von den Erfahrungen miteinander und den gesellschaftlichen Ereignissen ihrer Zeit aber auch stark geprägt wurden, da schließt die Serie mit einem ihrer Arbeitsnachweise. Menschen unterschiedlichster Herkunft stehen gemeinsam in einer Reihe und halten das beworbene Produkt in der Hand, eine Glasflasche mit einem dunklen Getränk, das in der Sonne funkelt. Nun sind sie es, die mit ihren suggestiven Fähigkeiten Einfluss auf die Welt ausüben.