Mitte der 80er Jahre sah sich Claude Chabrol nach einer kreativen Pechsträhne gezwungen, sich neu zu erfinden oder die Erfolgsspur nach bewährten Motiven wieder aufzustöbern. Die Simone-de-Beauvoir-Verfilmung „Das Blut der Anderen“ war künstlerisch wie kritisch durchgefallen, „Die Phantome des Hutmachers“ wurde zwar gut aufgenommen, hatte aber zu wenig Publikum. Der letzte bissfeste Eintrag in sein Oeuvre rund um die Doppelbödigkeit und Abgründigkeit der französischen Bourgeoisie war 1977/78 „Violette Noiziere“ gewesen.
„Hühnchen mit Essig“ ist dann auch irgendwie alles auf einmal. Ein neuer Ansatz, ein frischer Wind, ein Rückgriff auf Bewährtes, ein sicherer Tanz auf bekanntem Terrain, ein zerfahrener und in zwei Hälften zerfallener Film. Gleichsam verbreitet Chabrol auch hier einen leichten, bissigen Humor, der das grimmige Geschehen auflockert.
Dabei ist die erste Hälfte die deutlich Ernstere.
Was tatsächlich vorgeht, muss man sich erst langsam erarbeiten, denn so einfach macht es das Drehbuch den Zuschauern nun auch wieder nicht.
Die ersten Szenen werden durch das Objektiv einer Kamera aufgenommen, die die Teilnehmer einer großen Party beim Schlußempfang im Park zeigen. Die Gespräche sind bisweilen nur fragmentarisch verständlich, der Blick springt mit dem Fotografen (und den Vortiteln) umher, gegen Ende kündigt eine Frau einem Mann ihre Unterstützung bei einem Projekt auf und deutet möglichen Widerstand an.
Der geschulte Chabrolkenner ahnt die Folge: das Ereignis wird noch von (krimineller) Bedeutung sein.
Im Anschluß fräst man sich wieder einmal in ein scheinbar ruhiges, tatsächlich aber abgründiges Kleinstadtszenario. Da wird ein junger, leicht abwesend wirkender Postbote attackiert, als er zu seiner Mutter heimkehrt, offenbar soll man das Familienanwesen verkaufen, was trotz Baufälligkeit aber nicht zur Diskussion steht. Offenbar nimmt das „Interesse“ des Notars und seines Helfers (er stellt sich später als der Dorfmetzger heraus) handfeste Formen an. Später wird der junge Mann auch noch vom Arzt belästigt und herabgesetzt.
Daheim ähnelt die Situation aber auch einem Psychoalptraum, denn „Mutter“ sitzt im Rollstuhl, seit der Vater die Familie verließ und sie die Treppe herunter fiel. Angst, Hass und psychische Labilität sind an der Tagesordnung, wenn die Mama ihre ungesunde Zuneigung zelebriert, den jungen Louis herumkommandiert, ihn unter Generalverdacht stellt, Frauen per se als Huren bezeichnet und die Köpfe des Ortes (und damit die Gegner) ausspioniert, in dem sie vorab die Post der Beteiligten durchsieht.
Louis, der irgendwo zwischen Widerstand und Resignation angesichts der Verrücktheit seiner Mutter hin- und herpendelt, gibt sich daraufhin kleinen Spionagetouren bei Nacht und leichten Sabotageakten hin.
Derweil scheint die Frau des Arztes plötzlich abgereist, ohne Nachricht, ganz überraschend, was deren Freundin, ein mondän-gelangweiltes Society-Dämchen zu allerlei Verdächtigungen veranlaßt, während sie ihrem eigenen Ehebruch nachgeht.
Das alles gewinnt eine neue Dimension, als ein Sabotageakt zu einem Todesfall führt, was Louis – der eigentlich ja der Sympath der Geschichte sein soll – unter moralischen Druck und große Schuld setzt.
Alsbald trifft dann – pünktlich zur zweiten Filmhälfte - die rächende Gerechtigkeit auf: Inspecteur Lavardin ist gekommen, um den Fall zu lösen. Mit jovialer Kumpelhaftigkeit arbeitet sich der zynische Kriminale durch die Menagerie, wobei die Betreffenden natürlich – wie bei Chabrol so gern – alle feste schweigen.
Von hier an wähnt man sich in einem ganz anderem Film, denn je mehr Lavardin in den Mittelpunkt rückt, desto mehr ähnelt das Geschehen einem der beliebten amerikanischen Cop-Filme mit Selbstjustiztendenz. Lavardins Credo ist sein Beruf; er ist der „flic“, seinem Wort ist zu folgen, er werde den Fall aufklären, bei dem bald die Leichen Nr.2 und 3 auftauchen.
Lavardin wirkt dabei oberflächlich sympathisch, schlägt eine andere Seite aber an, sobald die Verdächtigen mit ihm allein sind. Da wird schon mal hart zugegriffen, beleidigt, verprügelt oder beinahe ertränkt, damit die Verantwortlichen endlich das Maul aufmachen – es ist, als hätte Chabrol erstmals die Freuden ergebnisorientierten Arbeitens gefunden.
Es ist ein schwarzhumoriges Zerschlagen der verkrusteten Strukturen, als würde außer dem Holzhamme r kein anderes Mittel mehr genügen; Raffinesse und Deduktion reichen bei der verbissen verschwiegenen Stimmung einfach nicht mehr aus. Gleichzeitig mischt das Skript ein wenig Screwball Scenario in die Handlung, wenn des Helden/Narren Ausweg praktisch die ganze Zeit neben ihm im Postamt sitzt und ihm schöne Augen macht und tiefe Einblicke gewährt (was einigermaßen überraschend ist, denn Louis präsentiert sich meistens als passiv-aggressiver introvertierter Schlunzi, der erstmals im letzten Drittel auftaut, als er ordentlich gesüffelt hat).
Die Psychosituation mit der dämonischen Mutter (die in einem finalen, zu erwartenden, aber dennoch sehr befriedigenden Wahnsinnstwist dem Film ordentlich Feuer macht) ist dabei das Unangenehmste, was den Kleinstadtklüngel aber nicht weniger widerlich macht. Chabrols Exfrau Stephane Audran gibt nochmals volle Pulle als Rollstuhlharpye, die vermutlich eine Norman-Bates-Situation provoziert hätte, wenn es nicht zum Äußersten käme.
Was dann nun wirklich hinter der Affäre rund um das Haus der Cunos, dem Immobilientrio und mindestens zwei Morden steckt, kommt nach und nach durch Lavardins Haudraufmethoden ans Licht und zieht seit längerem mal wieder einen positiven Schlußstrich für die Hinterbliebenen. Das ist um so zynischer, wie Lavardin bewußt und öffentlich auf eine Verfolgung Louis‘ wegen des Unfalltodes des Metzgers verzichtet, praktisch als Zuckerguß und Belohnung.
Das rückt den Film dann ins Unrealistische, nähert ihn der Farce an, was vorher eine belastende Tragödie zu werden schien, sorgt aber für mehr Spaß.
Für Zuschauer, die sonst keine französischen Dramen mögen, kommt somit das rettende Löffelchen voll Zucker. Für Chabrol selbst ist „poulet au vinaigre“ leichte Kost, nicht das krönende Werk seiner Karriere, aber auch kein totaler Flop. Ein Zwitter vielleicht, in einer Phase kreativer Unentschiedenheit entstanden – und Startpunkt für eine Fortsetzung sowie weiterer vier TV-Filme um den ungewöhnlichen Polizisten, von denen Chabrol drei selbst inszenierte. (7/10)