So kurzweilig und abgedroschen einem die (erste farbige) Dracula – Verfilmung aus dem Jahre 1958 heute auch vorkommen mag, der Film setzte Maßstäbe für das Horror – Genre. Obwohl man sich schon zuvor mit dem Thema Vampirismus filmisch auseinandergesetzt hatte, definierte erst dieser Dracula – Film den Vampir - Film so wie er uns heute vertraut ist.
Gemeinsam mit „Frankensteins Fluch“ / „The Curse of Frankenstein“ (1957) (ebenfalls von Terence Fisher) war es bekanntlich auch der Film der die Hammer – Studios als zuverlässigen Lieferanten schaurig schöner Stoffe für die darauffolgenden Jahre etablierte.
Obwohl Terence Fishers „Dracula“ den Anliegen von Bram Stokers Roman bis dahin am nächsten kam, kann von einer vorlagengetreuen Umsetzung bei weitem nicht die Rede sein. Die geografischen Bezüge wurden verwischt (klar ist nur Schloss Dracula liegt irgendwo in der Nähe eines Städtchens namens Klosenberg, wobei der in der deutschen Fassung verwendete Name Waterfield für zusätzliche Verwirrung sorgt). Insb. wurde aber mit Carfax Abbey, Dr. Sewards Sanatorium und dem berühmten Insekten verzehrenden Insassen Renfield ein ganz wesentlicher Teil der Geschichte über Bord geworfen (Dr. Seward taucht hier nur noch als alter, überforderter Hausarzt der Holmwoods auf).
Trotzdem gilt dieser „Dracula“ als einer der bedeutendsten Horrorfilme der Geschichte und als DER Klassiker unter den Hammer – Filmen. Und dies trotz der sparsamen (man könnte auch sagen zusammengequetschten) Handlung, die das Sehvergnügen auf ca. 80 Minuten beschränkt und den deutlichen Wunsch nach einer Fortsetzung hinterlässt. Der Film besticht zum einen durch die gekonnte Inszenierung, zum anderen durch eine Darsteller – Wahl, die zu den großen Glücksfällen der Filmgeschichte zählt: Sowohl Peter Cushing alias Dr. Van Helsing als auch Christopher Lee alias Graf Dracula hatten bereits in Fishers „Frankensteins Fluch“ mitgewirkt und wurden kurzerhand auch für „Dracula“ engagiert. Und beide sollten hiermit zu Horror – Ikonen aufsteigen. Besonders Christopher Lee verdrängte dem bisherigen berühmtesten Vampir aller Zeiten, Bela Lugosi und brannte sich fortwährend als Vampirfürst Dracula in das Bewusstsein der Allgemeinheit. Dabei spielt er in diesem Film zwar die Titelrolle, jedoch getreu der literarischen Vorlage auch nur eine Nebenrolle. Doch wer erstmals die Silhouette von Lees stattlicher (1,94 Meter großer) Gestalt am Kopf der Schlosstreppe sieht und später erstmals sein Gesicht mit blutverschmiertem Mund, geifernden Reißzähnen und weit aufgerissenen, blutunterlaufenen Augen, der weiß, gegen diese Dracula wirkt Bela Lugosi selbst mit dem bösesten Blick wie ein alter Kinderschreck. Lees erster Auftritt mit vollem Vampir – Make Up wirkt wie die Entfesselung einer Naturgewalt, vor allem da er als eleganter, zuvorkommender und perfekt Englisch sprechender, wenn auch finster dreinblickender, Gastgeber eingeführt wird. Und trotz geringer Screentime gelingt und gelang es ihm beim Zuschauer enormen Eindruck zu hinterlassen. Man bedenke, er nahm die Rolle von Graf Dracula erst 7 Jahre später zum zweiten Mal auf.
Christopher Lees Wirkung wird durch seinen Gegenspieler Peter Cushing noch verstärkt, denn die stoische Ernsthaftigkeit und ungeheure Konzentration mit der er den Vampirjäger Van Helsing darstellt verleiht diesem als Gegner mehr Gewicht. Nach seinem ersten Auftritt (nach gut 20 Minuten) Cushing bzw. Van Helsings Suche nach / Jagd auf Dracula der Dreh- und Angelpunkt der Handlung und Cushing fast permanent zu sehen.
Dass der Film trotz des verkürzten Inhalts Stoker bis dahin am nächsten kam liegt daran, dass er die zahlreichen pikanten Details des Stoffes nicht nur einfach ausblendet oder den Dialogen überlässt sondern auch plastisch zeigt. Vampire mit blutigen Reißzähnen und blutunterlaufenen Augen, Holzpflöcke, die durch Leiber getrieben werden, ein im Sonnenlicht zerfallender Vampir. Für den Zuschauer von 1958 wartete „Dracula“ mit einigen sehr drastischen Bildern auf. Vor allem aber Draculas enorme Anziehungskraft auf Frauen wird hier erstmals deutlich hervorgehoben. Carol Marsh als Lucy und Melissa Stribling als Mia sind zwar wehrlose aber willige Opfer. Ihre Gesichtsausdrücke sprechen Bände.
Aus heutiger Sicht erscheint natürlich vieles an dem Film altbacken. Die meisten Gewaltszenen sind für heutige Verhältnisse eher harmlos (obwohl die inzwischen vergebene FSK:12 vielleicht manchen verwundert) und das Gerede Van Helsings manchmal übertrieben pathetisch (obwohl es das Im Buch auch ist). Was ihn jedoch bis heute interessant macht sind zum einen die guten Darsteller (vor allem bei Peter Cushing in seiner besten Rolle ist es stets ein Vergnügen zuzusehen) zum anderen die tolle Gruselatmosphäre, die durch die gotischen Kulissen und der wirkungsvollen (wenn auch etwas pompösen) Filmmusik erzeugt wird.
Das Ende des Grafen hat freilich mit dem Roman gar nichts zu tun sondern ist eindeutig von Murnaus „Nosferatu“ inspiriert. Dass das Übereinanderhalten zweier Kerzenständer die gleiche Wirkung hat wie ein Kruzifix fanden viele Leute jedoch übertrieben. Doch auch diese Art ein Kreuz zu erzeugen hat sich im Vampirfilm etabliert (siehe „Fromd Dusk Till Dawn).
Der perfekte Film für schlaflose Nächte. Am besten mit Kerze auf dem Tisch zur Geisterstunde genießen.
8 / 10