Ich möchte Terence Fishers Leistung an dieser Stelle nicht schmälern: mit dieser Dracula-Verfilmung aus den damals gerade zur Blüte gelangenden Hammer-Studios schuf der Regisseur einen Wendepunkt im Horrorfilmgenre, der Vampirfilme für die nächsten 15 Jahre auf eine Linie einnordete und dessen Auswirkungen man auch heute bisweilen noch spürt.
Bei all der Flut von Vampirfilmen zu allen Zeiten ist es schwierig, über 50 Jahre zurückzublicken und zu konstatieren, daß die Regeln, Schemata und bekannten Wendungen zum damaligen Zeitpunkt noch gar nicht definiert waren. Universals "Dracula" von 1931 mit Bela Lugosi war ein statisches Stück abgefilmter Bühnenkunst, in späteren Filmen kam das "gothic motive" Stokers kaum zum Tragen, der Horror war noch nicht sexuell eingefärbt, der klassische Grusel bedurfte noch der Ausformung. Bram Stokers Vampirfürst harrte immer noch einer ihm würdigen Umsetzung.
Und ich setze ich mich jetzt munter in die Nesseln, wenn ich behaupte, Letzteres galt auch noch nach Fishers bahnbrechendem Werk.
Hammer war damals eine kleine Firma ureigenster britischer Herkunft, sie war handwerklich so versiert, das es fast künstlerisch wirkte, aber sie hatten längst nicht das Budget, das amerikanische Konkurrenzfirmen zur Verfügung hatten. Aber sie konnte im Horrorgenre eine Marktlücke beackern, die von den Staaten nicht in Beschlag genommen wurde, weil dort das SF-Paranoia- und Monsterkino wütete.
Das altgediente, atmosphärische und klassische Horrorkino wurde nun wieder eine europäische Domäne und was "Frankenstein" vorgemacht hatte, führte "Dracula" nun weiter.
Auf der positiven Seite sollte man zunächst den Effekt vermerken, den die recht graphischen und direkten Bilder der Engländer auf die Kinolandschaft der späten 50er hatten. Lugosi hatte nie Zähne gezeigt und die Vampire waren meist als bleich-untote Wesen gezeigt worden, doch mit Christopher Lee hielt nun die gewisse Erotik im Genre Einzug. Nicht, daß er (wie später Langella 1979) ein ausgesprochener Verführer und Charmeur wäre, aber Lees Dracula schlägt seine Opfer in einen übernatürlichen und unwiderstehlichen Drang, der sie (wie es Cushing im Film ausführt), zu eine Art Drogensüchtige macht, die von ihrem Meister nicht loskommen. Da hier die Damenwelt den Hals hinhalten muß, drapieren sie sich in angstvoller, aber doch inniger Erwartungen in ihren Nachthemden auf den Betten und sind hinterher ebenso verändert wie verstört - planvoller konnte man einen oralen Geschlechtsverkehr zensurneutral kaum noch inszenieren.
Lee selbst muß den Grafen leider als Zwitter spielen, einerseits durchaus kommunikativ zu Beginn, dann jedoch wieder als rasender Blutsauger mit gefletschten Zähnen in relativer Wortkargheit, ein steter Ausdruck kaum beherrschter Animalität. Ein richtiger Charakter kommt für den Darsteller dabei nicht rum. Wie auch, denn hier ist erstmalig so richtig Blut im Spiel, es rinnt aus Mundwinkeln übers Kinn, sprudelt aus Pfahlwunden und sickert aus Halsbissen, auch wenn man meistens dezent des Grafen Mantel darüber deckt.
Aber für die Zeit war der Film ungewöhnlich hart und direkt, gerade Cushing geht mit der unerbittlichen Nüchternheit eines Zweckgebundenen voran - hier wird beim Pfählen mal nicht abgeblendet.
Dazu kommen hier übrigens erstmals so richtig die nötigen Versatzstücke ins Spiel, die man für Filmvampire neuerer Couleur so braucht: Knoblauch, Sonnenlicht, das Kruzifix in jeder habhaften Form - ja, hat man es hier denn mit einem Archetyp zu tun?
Nein, denn dafür reicht diese wahrhaft "kleine" Produktion bei weitem nicht aus. Das Budget war nicht groß und das kann man trotz aller Mühe spüren, vor allem wenn man die Romanvorlage studiert hat und um die Dimensionen der Geschichte weiß.
Jimmy Sangster war ein mehr als patenter Autor, sozusagen der Hausdrehbuchschreiber, aber er preßt das nackte Handlungsgerüst des Romans in ein unpassendes Format, so daß ein komprimiertes Kammerspiel zurückbleibt, auf kleinstem Raum.
Vieles aus der Vorlage fällt weg, vieles wird enorm verändert: der ganze Prolog mit Jonathan Harker wird verkürzt (der Film setzt schon mit seiner Ankunft ein), der nichts ahnende Maklersmann wird zum geheimen Vampirattentäter, der sich jedoch weder ordentlich gewappnet, noch mit einem konkreten Plan ausgestattet hat. Prompt geht er beim Pfählungsversuch hopps, weil er (laut Skript eben) einen saublöden Kardinalfehler macht: er löchert aus nicht näher definierten Gründen erst Draculas Gespielin und weckt den Grafen damit aus dem Tagesschlaf, weil binnen 30 Sekunden die Nacht hereinbricht.
In der Folge wird der Plot praktisch zwischen zwei Brotscheiben gepreßt: offenbar spielt von Anfang an die gesamte Handlung in England (geradezu ein Sakrileg); van Helsing entpuppt sich als Harkers Kompagnon und als wir dann die Verlobte Harkers ins Spiel bringen, ist sie in diesem Film nicht Mina, sondern Lucy. Erstere ist in diesem Fall die Schwägerin des kommenden Vampiropfer (da bleiben wir dem Roman) treu und letztere ist in ihrer ersten Einstellung schon längst im Bann des Vampirs.
In der Folge kommen dann zwar noch bekannte Versatzstücke (Lucys Tod trotz Schutzmaßnahmen, ihre Pfählung in der Gruft), aber spätestens als der Vampir auf die (schon recht ältliche) gute Mina losgeht, merkt man, wie eng der Kreis der Beteiligten gezogen ist. Dabei übervorteilen sich die Vampirjäger (Cushing wird von Minas Mann assistiert, dargestellt von Michael Gough, der später als Batmans Butler Karriere im Alter machte) im Auslassen von Chancen, im Übersehen von Fehlern und in schierer Kurzsichtigkeit.
Gewisse Elemente sehen zwar gut aus, wie überhaupt die Sets außerordentlich stimmig und atmosphärisch ausgefallen sind, hinterlassen dann aber doch Stirnrunzeln, wie den Transport des Grafen per Kutsche (es wird nie ein Bediensteter gezeigt); der rohe Umgang mit der Vampirgespielin (grundlos), die Kneipe voll ängstlicher Engländer, deren Landstrich terrorisiert wird, der unzeitgemäße Tonbandaufzeichnungsgerät van Helsings oder der mehrfache Aufenthalt in Särgen ohne Deckel, obwohl Sonnenlicht hier eine zersetzende Wirkung zeigt.
Manche Szenen (meistens, wenn sich Lee gegen den Hintergrund als dunkle Erscheinung abhebt) haben Langzeitwirkung, andere, wie z.B. auch der berühmte Showdown, verschenken ihr Potential, wenn der Vampir versucht, Mina lebendig zu begraben, anstatt sie endgültig auszusaugen, was sinnvoller und angesichts des dämmernden Morgens erfolgversprechender gewesen wäre, so daß sich die würdevolle Figur plötzlich wie auf ein Treibjagd von van Helsind durchs Schloß jagen lassen muß.
"Dracula" hat sich von dem biederen Kammerspiel des Originalfilms deutlich gelöst, aber die Komprimation des Plots, der Verzicht auf viele Figuren und Handlungsorte, die Konzentration nicht auf das Wichtige, sondern nur auf das unbedingt Nötige, wirkt eher deformierend, macht die Geschichte kleiner, enger, überschaubarer und damit biederer und vermenschlichter, als der Horror der Story es nötig gehabt hätte. Cushing und Lee wurden trotzdem zu Ikonen, der Film wurde trotzdem zum Kassenschlager, schließlich waren die Neuerungen gewissermaßen Dynamit, aber wirklich herausragender Film ist nicht draus geworden.
Da Lee das Cape nicht wieder überziehen wollte (er sollte sieben Jahre standhaft bleiben und dann damit untergehen), blieb es Cushing überlassen, die Fackel des Vampirs weiterzutragen, bereits zwei Jahre später in dem dann wieder in s/w gedrehten "Brides of Dracula" (in dem, trotz des Titels, Dracula nicht auftritt) - und der dann genau das lieferte, was diesem Vampirdebut fehlte, nämlich Weite, Freiheit, ein breite atmosphärische Skala und das Gefühl, nicht alles im nächsten britischen Dorf hinter dem Berg stattfinden zu lassen.
Der bessere Vampirfilm, schicke ich mal voraus, aber - und das soll auch gleich angemerkt sein - ebenfalls von Terence Fisher! Soll also keiner sagen, daß man nicht dazulernen kann. (6/10)